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1.2 Staat und Regime

Das politische System ist von den Begriffen Staat oder Regime abzugrenzen (vgl. Lauth 2010). In der klassischen Definition von Max Weber ist der Staat ein „politischer Anstaltsbetrieb, wenn und insoweit sein Verwaltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwanges für die Durchführung der Ordnungen in Anspruch nimmt“ (Weber 1972, S. 29). Legitim bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich, dass sich das staatliche Monopol physischen Zwangs im Prinzip rechtfertigen lässt, nicht, dass jede staatliche Handlung im empirischen oder normativen Sinne legitim wäre (Lauth und Wagner 2010, S. 24).

Augenscheinlich gibt es eine wichtige Gemeinsamkeit der Begriffe Staat und politisches System: Beide sind in ihrem Kern durch das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit gekennzeichnet (Almond und Powell 1966, S. 4). Allerdings bietet der politische Systembegriff in der Tradition von Easton sowie Almond und Powell zwei Vorteile gegenüber dem Staatsbegriff. Erstens rückt er den Prozesscharakter komplexer politischer Phänomene, ihre Interdependenzen und ihre Interaktionen in den Vordergrund. Zweitens liegt der Fokus des politischen Systemmodells nicht auf normativen oder staatsrechtlichen Aspekten, wie in der klassischen staatszentrierten Politikwissenschaft, sondern auf der Beschreibung und Analyse von Funktionen, die das politische System für seine Umwelt erbringt. Die Konzentration auf funktionale Gemeinsamkeiten oder Äquivalente ermöglicht die Identifikation und den Vergleich auch solcher sozialen Phänomene als Teil des politischen Systems, die dem klassischen westlichen Staatsverständnis nur wenig entsprechen. So können bestimmte politische Funktionen in einer Gesellschaft von Institutionen geleistet werden, die in einer anderen Gesellschaft keinen Bezug zur Politik haben oder ganz andere Funktionen wahrnehmen.

Der Begriff des politischen Systems ist sodann vom Regimebegriff zu trennen. Letzteres bezeichnet jenen Bereich des politischen Systems der festlegt, wer unter welchen Bedingungen und wie Zugang zu politischer Macht erhält, innerhalb welcher Grenzen sie ausgeübt wird und in welchem Umfang den Herrschaftsträgern die Machtausübung gegenüber den Herrschaftsunterworfenen gestattet ist (Lawson 1993, S. 187).

System und Regime sind also keine sich wechselseitig ausschließenden Begriffe. Regime, Staat und Regierung lassen sich mittels des Kriteriums der Dauerhaftigkeit voneinander abgrenzen (Fishman 1990). Der Staat umfasst die in der Regel beständigere Herrschaftsund Koordinationsstruktur, einschließlich des Zwangsapparats sowie der Mittel zur Verwaltung der Gesellschaft und der Ressourcenextraktion (Fishman 1990,

S. 428). Die auf Prinzipien beruhenden formalen und informalen Normen und Regeln und die zugehörigen Entscheidungsverfahren eines Regimes bilden die organisatorische Struktur des Staates, innerhalb derer Regierungen operieren. Regierungen wiederum, verstanden als die Gesamtheit aller Institutionen und Personen mit monopolisiertem Recht auf politische Normensetzung (Sandschneider 1995, S. 109), sind normalerweise weit weniger beständig als Regime und Staaten (Lawson 1993, S. 86).

 
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