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5. Endbetrachtungen

These:

Die Internationalisierung der Rechnungslegung hat es deutschen Bilanzierenden ermöglicht, ihren Adressaten ein besseres Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage zu vermitteln, als dies in der Realität wirklich ist.

Im Laufe der Analyse der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Beispielunternehmen hat sich immer klarer heraus kristallisiert, dass die deutsche Rechnungslegung trotz diverser Aktualisierungen des deutschen Handelsrechts doch recht konstant geblieben ist.

Punkte wie das im KA der Nordic Yards explizit erwähnte Realisationsprinzip haben auch mit BilRiLiG, TransPuG, BilMoG o.ä. nicht an Relevanz verloren und werden dies wahrscheinlich auch nie tun. Dies liegt v.a. daran, dass sie die dem Handelsrecht zugrunde liegenden Grundsätze darstellen, die von denen der internationalen Rechnungslegung zumindest in ihrer Relevanz abweichen.

Das Hauptaugenmerk i.V.m. dem Thema der Langfristfertigung sollte im deutschen Recht auf § 252 Abs. 2 HGB liegen, der folgendes besagt: "Von den Grundsätzen des Absatzes 1 darf nur in begründeten Ausnahmefällen abgewichen werden."

Diesbezüglich muss also überlegt werden, ob die Langfristfertigung eine solche begründete Ausnahme darstellt, und somit z.B. auch vom Realisationsprinzip abgewichen werden darf.

In ihrem JA 2010 haben die P+S Werften dies bejaht und von der mit dem HGB konformen CC auf die PoC optiert. Anhand des Rechenbeispiels der Tabelle 8 konnte in einer Übersicht der Einfluss der PoC im Vergleich zu einem möglichen Ausweis nach CC aufgezeigt werden.

Der positive Ergebniseffekt konnte eine weitere Verringerung des Eigenkapitals verhindern. Wenn man allerdings seinen Blick v.a. auf die Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten richtet, zeigt sich, dass dieser positive Ergebniseffekt

nicht notgedrungen einen positiven Einfluss auf die Gesundheit des Unternehmens hatte.

Es stellt sich nun also die Frage, inwiefern die PoC in einem von der Vorsicht geprägten Rechnungslegungssystem tatsächlich sinnvoll ist, zumal die Anwendung nicht gesetzlich kodifiziert ist.

Möglich ist, dass die Anwendung der PoC bei den P+S Werften die im August 2012 beantragte Insolvenz verzögert hat. Zwar wurden zum Zwecke der Risikominimierung nur 80 % der Umsatzerlöse realisiert; dies konnte das größte Problem der Werften, den enormen Bedarf an liquiden Mitteln, nicht regulieren.

In Bezug auf das Zitat vom Anfang der Arbeit zeigt sich, dass PoC durchaus eine gewisse Traumwelt innerhalb der Rechnungslegung erzeugt, in der Unternehmen ihren Erfolgsausweis besser rechnen können, als er tatsächlich ist. So schreiben Küting/Weber: "Jene Unternehmen, bei denen die Wahlrechte stets so ausgenutzt werden, dass ein möglichst hoher Jahresüberschuss erzielt wird […], weisen tatsächlich eine (weit) schlechtere Vermögens-, Finanz- und Ertragslage auf, als sie im offiziellen Rechenwerk abgebildet wird."[1]

Diese Aussage lässt sich insbesondere anhand der P+S Werften bestätigen, die aufgrund Liquiditäts- und Finanzierungsschwierigkeiten in eine Krisensituation, wie in Abschnitt 2.1 erläutert, geraten sind. Dabei haben die P+S Werften nach der Insolvenzanmeldung aufgrund der Übernahme der Peene-Werft durch die Lürssen-Gruppe zumindest zu einem Teil den Weg aus der Insolvenz geschafft.

Ebenso wichtig wie bei der Gründung eines Unternehmens in Deutschland die Wahl der Rechtsform von großer Bedeutung ist, sollte bei der Wahl des Rechnungslegungssystems ebenfalls betrachtet werden, welche Vor- und welche Nachteile aus diesem gezogen werden können.

Die Wahl des HGB bietet v.a. auf Basis des dominanten Vorsichtsprinzips allen Parteien Sicherheit; die Wahl der IFRS ermöglicht eine reellere Sicht auf das Unternehmen. Sollte für ein Unternehmen, das in der Langfristfertigung tätig ist, tatsächlich die PoC interessanter erscheinen, muss gegebenenfalls geprüft werden, ob eine Optierung auf IFRS gem. § 315a Abs. 3 HGB (Konzernabschluss) oder gem. § 325 Abs. 2a HGB (Einzelabschluss, nur für Offenlegungszwecke) möglich ist.

Von diesem Wahlrecht haben z.B. die Nordic Yards Gebrauch gemacht und ihren KA 2011 nach IFRS aufgestellt. Auf Basis dieses Abschlusses konnten im Vergleich zum handelsrechtlichen Abschluss mögliche Ausweisveränderungen im Jahr 2010 in Tabelle 9 aufgezeigt werden.

Im Hinblick auf die momentane Überarbeitung des IAS 11 bzw. die künftige Ablösung dieses Standards ist die Umstellung auf die IFRS-Rechnungslegung interessant.

Sofern der ED/2010/6 mit dem Prinzip des Kontrollübergangs so bestehen geblieben wäre, hätte dies für die Nordic Yards bedeutet, ab 2015 und für abgelaufene Geschäftsjahre die Umsatzrealisation auf Basis einer ZPM vornehmen zu müssen, wodurch der IFRS-Grundsatz des true and fair view tatsächlich zu einem gewissen Grad dem Vorsichtsprinzip untergeordnet worden wäre.

Diese Änderung der Umsatzrealisierung hätte insbesondere Unternehmen der Langfristfertigung getroffen, bei denen zwischenzeitlich kein tatsächlicher Gefahrenbzw. Kontrollübergang stattfinden kann, wie dies bei Schiffbauern der Fall ist.

Dies hätte nicht nur bzgl. der Anpassungen der Vorjahre erheblichen Aufwand bedeutet, sondern möglicherweise auch in Bezug auf verwendete IT.

Zusätzlich kann sich auch der Spekulation hingegeben werden, welche Auswirkungen dies auf die HGB-Rechnungslegung gehabt hätte. Hat die IFRS-Rechnungslegung einen solchen Einfluss, dass die Literatur- und Praxismeinungen gesagt hätten, dass PoC nicht mehr und höchstens ZPM als Alternative möglich gewesen wäre? Oder würde die Änderung der Erlösrealisierung nach IFRS als vollständig belanglos interpretiert und somit im Falle begründeter Ausnahmen nach § 252 Abs. 2 HGB theoretisch die PoC noch in Frage kommen?

Letztendlich werden diese Spekulation aber aufgrund des momentanen Stands des ED/2011/6 mit seiner Aufweichung des Kontrollübergangs bzw. der zeitraumbezogenen Fertigung unterbunden. Aktuell sieht es nicht so aus, als würden die IFRS-Bilanzierenden weitreichende Änderungen bzgl. der Erlösrealisation befürchten müssen.

Betrachtet man die vorher genannten Aspekt, kann man durchaus davon ausgehen, dass die Internationalisierung es möglich gemacht hat, das Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens bis zu einem gewissen Punkt besser darstellen zu können. Dabei ist trotz allem noch das große Ganze zu betrachten.

Selbst wenn Unternehmen, die in der Langfristfertigung tätig sind, wie die P+S Werften, in ihrem HGB-Abschluss bereits die PoC anwenden, so muss trotz allem noch immer darauf hingewiesen werden, dass dies nur einen Ausschnitt der Rechnungslegungsrealität betrifft. Durch die Beziehung zwischen Umsatzerlösen und Eigenkapital besteht natürlich ein großer Einfluss auf die Gesundheit eines Unternehmens. Und dennoch spielen auch der Ausweis von Verbindlichkeiten oder die Wahl der Abschreibungsmethode insbesondere bei anlagenintensiven Unternehmen eine wesentliche Rolle.

Trotz allem sollte dem Vorsichtsprinzip Respekt gezollt werden und die Schaffung einer solchen bilanziellen Chimäre vermieden werden. Sofern also ein Langfristfertiger es für wichtig erachtet, einen geglätteten Gewinnausweis zu haben, sollte besser die Möglichkeit der Optierung auf IFRS (und wenn es nur zum Zwecke der Offenlegung ist) geprüft werden.

  • [1] Küting/Weber, 2009, S. 422
 
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