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3.6.3 Gegenüberstellung der Operationalisierungen

Eine Gegenüberstellung der verhaltensbasierten und der netzwerkbasierten Operationalisierungen zeigt, dass jede Messmethode mit bestimmten Vor- und Nachteilen einhergeht. So kommen auch Gockel und Werth (2010) zu dem Fazit, dass es keine beste Operationalisierung geteilter Führung gibt, sondern dass die Wahl der Messmethode immer mit der Forschungsfrage und auch mit praktischen Aspekten der Stichprobe und anderen Rahmenbedingungen übereinstimmen muss. Gleichzeitig stellen die Autoren allerdings auch fest, dass bis zum heutigen Zeitpunkt unklar ist, inwiefern die unterschiedlichen Operationalisierungen auch die gleichen Aspekte geteilter Führung messen. Geteilte Führung stellt aufgrund ihrer kollektiven Struktur traditionelle Macht- und Autoritätsverhältnisse in Frage, so dass dementsprechend auch von unterschiedlichen Aspekten geteilter Führung ausgegangen werden muss (Yammarino et al. 2012). Somit kann geteilte Führung sowohl informell als auch formell sowie auf einer Ebene und über mehrere Ebenen hinweg wirken, was auch von den Operationalisierungen abgebildet werden muss. So handelt es sich bei geteilter Führung um einen dynamischen sozialen Einfluss-prozess, wie er am Anfang dieser Arbeit definiert wurde. Eine Messmethode muss nach Gockel und Werth (2010) folglich auch diese Dynamik und Veränderungen in der Führungsstruktur der geteilten Führung über die Zeit hinweg abbilden können, wobei bisher nur sehr wenige Längsschnittstudien vorliegen, beispielsweise von Sivasubramaniam et al. (2002) und Gupta et al. (2010).

Die verhaltensbasierte Operationalisierung baut dabei auf den Verhaltenstheorien der Führung auf, wie sie eingangs im Rahmen der Klassifikation der bisherigen Führungsforschung dargestellt wurden. Somit wird geteilte Führung nur in Kombination mit Führungsstilen, z. B. transformationaler oder transaktionaler Führung, gemessen und entsprechend orientiert sich die Formulierung der Skalen an etablierten Skalen zu Führungsstilen, wie dem MLQ. Im Gegensatz dazu orientiert sich die netzwerkbasierte Operationalisierung an sozialen Austauschtheorien, die durch soziale Netzwerkanalysen losgelöst von konkreten Führungsstilen gemessen werden. Insgesamt liegen den beiden Operationalisierungen also analog zu den Unterschieden bei der Operationalisierung damit auch unterschiedliche theoretische Rahmenmodelle zugrunde.

Letztlich kann aber auch deshalb beim gegenwärtigen Stand der Forschung keine Aussage über die Unterschiede der beiden Operationalisierungen getroffen werden, weil netzwerkbasierte Operationalisierungen – sicherlich auch aufgrund des hohen Aufwands – nur selten in der Forschung verwendet werden (Gockel und Werth 2010). Die Metaanalyse von Werther (2013) liefert hier zwar interessante Einblicke, doch ist die Anzahl an Primärstudien mit netzwerkbasierter Messung sehr gering. Auffällig ist dabei sowohl bei der verhaltensbasierten als auch bei der netzwerkbasierten Operationalisierung, dass die Dimensionen geteilter Führung nach Mehra et al. (2006) und Thorpe et al. (2011) unberücksichtigt bleiben. Lediglich in der empirischen Arbeit von Mehra et al. (2006), die als Grundlage für die Identifikation der postulierten Dimensionen darstellt, erfolgt eine empirische Überprüfung der Dimensionen geteilter Führung. Vielmehr liegt der Fokus der Forschung oftmals weiterhin auf individuellen Führungstheorien, beispielsweise transaktionaler und transformationaler Führung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit beiden Operationalisierungen geteilte Führung nach der eingangs hergeleiteten Definition gemessen werden kann. Dennoch ist es zum derzeitigen Forschungsstand nicht möglich, eine Aussage über die Zusammenhänge der Operationalisierungen zueinander und die Auswirkungen der Messmethoden auf die Zusammenhänge geteilter Führung mit Effektivität oder mit vermittelnden Variablen zu treffen.

 
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