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2.2.2. Die denkbaren Adressaten eines handelsrechtlichen Abschlusses und deren Informationsbedarf

Grundsätzlich könnte jede Person oder Institution, die auch nur in geringerer Geschäftsbeziehung zum Unternehmen steht, ein potenzieller Abschlussadressat und damit Zielgruppe der externen Rechnungslegung sein. Allerdings wird Rechnungslegung nicht zum Selbstzweck betrieben, sondern mit ihr werden bestimmte Zwecke verfolgt. Um diese Zwecke bestmöglich realisieren zu können, ist es notwendig, die Adressaten zu identifizieren, die ein wirklich echtes Interesse am Abschluss haben sowie deren Präferenzen und Erwartungen an einen Abschluss zu kennen. Daher ist eine Ausrichtung auf die Personen oder Institutionen zweckmäßig, die ihre eigenen Entscheidungen von den Abschlussinformationen abhängig machen. Eine Befriedigung der Informationsbedürfnisse aller potenziellen Abschlussadressaten würde zu nicht unerheblichen Kosten führen, wobei denen kein entsprechender Nutzen gegenüber stünde. Die Rechnungslegungsadressaten lassen sich daher als „…jene Personen oder Institutionen, an die die Bilanzinformationen gerichtet sind, bzw. die eine Möglichkeit des Einblicks erhalten können…“ definieren. Deshalb sind grundsätzlich auch folgende Adressaten denkbar, deren Aufzählung nicht abschließend ist: Fremdkapitalgeber, staatliche Stellen, die interessierte Öffentlichkeit, Konkurrenten, Abnehmer, verbundene Unternehmen, Arbeitnehmer, Unternehmensleitung, Anteilseigner. Zur Identifikation der Informationsbedürfnisse sind ebenfalls die Rechtsform sowie die Stellung des Adressaten im Unternehmen entscheidend. Beispielsweise unterscheiden sich in einer GmbH regelmäßig Geschäftsführer und Gesellschafter. Hierbei räumen die §§ 51a, 51b GmbHG den Gesellschaftern jedoch das Recht ein, jederzeit unverzüglich Auskunft über die Angelegenheiten der Gesellschaft sowie Einsichtnahme in die Bücher verlangen zu können (Auskunfts- und Einsichtsrecht). Demgegenüber sind die Informationsbedürfnisse von Aktionären durch den Abschluss höher, da sie im Gegensatz zu den Gesellschaftern von Personengesellschaften oder GmbHs nur geringere Informationsoder Kontrollrechte besitzen.

Aus der Vielzahl von möglichen Adressaten sollen im Folgenden die Wesentlichen aus der Gruppe der Share- und Stakeholder mit ihren entsprechenden Informationsbedürfnissen aufgezeigt werden. Darauf aufbauend wird eine Schlussfolgerung auf die Abschlussadressaten erfolgen, für die der handelsrechtliche Abschluss wirklich von Interesse ist. Hierbei wird sowohl auf aktuelle Adressaten, die bereits in Geschäftsbeziehung mit dem berichtenden Unternehmen stehen, als auch auf potenzielle Adressaten

abgestellt. Die folgenden Adressaten werden daher näher betrachtet:

• Anteilseigner, die nicht geschäftsführend tätig sind

• Gläubiger und dabei insbesondere Fremdkapitalgeber

• Unternehmensleitung

• Arbeitnehmer

Fiskus/Finanzamt

Öffentlichkeit.

Als Adressaten aus der Gruppe der Anteilseigner kommen gewiss nur diese in Betracht, die nicht als Geschäftsführer tätig sind. Geschäftsführende Anteilseigner haben zu weit ausführlicheren Daten und Informationen problemlos Zugang, als sie ein handelsrechtlicher Abschluss bereitstellen kann und sollte. Die Informationsbedürfnisse der Anteilseigner erstrecken sich vor allem auf die Informationen, die es ihnen erlauben, verlässliche Entscheidungen bezüglich der Begründung, Aufrechterhaltung oder Beendigung des Engagements zu treffen. In diesem Zusammenhang ist die Prinzipal-Agent-Theorie von Relevanz, welche unterstellt, dass das Management früheren und weit detaillierteren Zugang zu Informationen hat, als die eigentlichen Anteilseigner. Vor allem sind sie daran interessiert, dass sich das investierte Kapital nicht verringert und im besten Fall vermehrt. Dafür sind Informationen über den erwirtschafteten Gewinn oder Verlust und die Einflussgrößen, die dafür ursächlich waren, von Bedeutung. Ferner sind für die Renditeüberlegungen der Anteilseigner die Ausschüttungsstrukturen der Vergangenheit von Interesse, da mit ihrer Hilfe eine Wahrscheinlichkeitsberechnung für zukünftige Ausschüttungen möglich ist. Vor dem Hintergrund, dass die Zahlungsunfähigkeit bzw. die drohende Zahlungsunfähigkeit gem. der §§ 17 bzw. 18 InsO einen Eröffnungsgrund für ein Insolvenzverfahren darstellen, sind für die Anteilseigner zweifelsohne neben dem Renditeauch der Liquidationsgesichtspunkt von Interesse.

Gläubiger weisen ein vor allem finanzielles Informationsbedürfnis auf, das darauf gerichtet ist, ob Kreditvereinbarungen eingehalten und fixierte Zins- und Tilgungsleistungen oder bestehende Forderungen erfüllt werden können. Dafür sind Liquidität, Verschuldungsgrad, Kapitalstruktur und Schuldendeckungspotenzial von Interesse. Vor allem sind Banken an Unternehmensdaten interessiert, da die Höhe des zu hinterlegenden Eigenkapitals im Rahmen von Basel II von der Bonitätsprüfung des Kreditnehmers abhängig ist. Somit werden Kredithöhe, Konditionen und verlangte Kreditsicherheiten von den eingegangenen Risiken auf Seiten der Banken und damit von entsprechenden Kennzahlen und Finanzdaten der Kreditnehmer beeinflusst. Ferner führt Basel III – als eine Lehre aus der Finanzmarktkrise – noch zu einer Verschärfung der Anforderungen. Folglich stellt der Abschluss eine wesentliche Basis für die Kreditentscheidung dar.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die Anteilseigner und Gläubiger vorrangig an den drei Größen Gewinn, Vermögen und Kapital interessiert sind.

Ob ein wirkliches Informationsbedürfnis der Unternehmensleitung bezüglich des publizierten Abschluss existiert, ist fraglich. Festzustellen ist, dass die Geschäftsleitung als Ersteller der Bilanz auf weit mehr Informationen Zugriff hat – vor allem auch durch die interne Unternehmensrechnung – als ein Abschluss liefert. Innerhalb eines auf Bilanzkennzahlen basierenden Vergütungskonzeptes ist ein Informationsinteresse durch die Unternehmensleitung denkbar.

Die Arbeitnehmer haben sowohl finanzielle als auch nicht-finanzielle Interessen. Dazu zählen beispielsweise die Entwicklung der Gehälter, Informationsinteresse bei Vorhandensein ergebnisabhängiger Vergütung, Sicherheit bzw. Erhalt des Arbeitsplatzes sowie Entwicklungschancen.

Das Interesse des Finanzamtes ist eher von derivativer Natur, da für die Zwecke der Besteuerung eine separate Steuerbilanz aufzustellen ist, deren alleiniger Adressat der Fiskus ist. Durch das Vorhandensein einer separaten Steuerbilanz ist der handelsrechtliche Abschluss für die Finanzverwaltung nur von geringem Interesse. Höchstens Lagebericht und Anhang könnten von Bedeutung sein, da diese kein Bestandteil einer Steuerbilanz sind. Da die Handelsbilanz keine Besteuerungsgrundlage darstellt, ist diese für den Fiskus gegebenenfalls nur für eine Plausibilitätsprüfung von Bedeutung. Durch die aufgehobene umgekehrte Maßgeblichkeit und der in der Praxis nur noch sehr selten zu realisierenden Einheitsbilanz sinkt das Interesse des Fiskus an einem handelsrechtlichen Abschluss.

Die Öffentlichkeit kommt vor allem dann als Abschlussadressat in Betracht, wenn dem Unternehmen aufgrund seiner Größe oder Geschäftstätigkeit eine besondere gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung immanent ist. Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit kann sich ganz vielfältig über finanzielle als auch nichtfinanzielle Interessen erstrecken.

 
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