< Zurück   INHALT   Weiter >

4.3. Die langfristige Auftragsfertigung

4.3.1. Begriff und Merkmale

Eine langfristige Auftragsfertigung liegt vor, wenn die unternehmerische Leistungserbringung über mindestens einen Bilanzstichtag hinweg reicht. Somit fallen Verpflichtungs- und Erfüllungsgeschäft auseinander, weshalb ein schwebendes Geschäft vorliegt. Zivilrechtlich stellt eine langfristige Auftragsfertigung einen Werkvertrag i. S. d. §§ 631 BGB ff. bzw. einen Werklieferungsvertrag i. S. d. § 651 BGB dar, sodass für die rechtlichen Grundlagen auf die Ausführungen unter 4.1.2.2. bzw. 4.1.2.3. verwiesen wird.

In diesem Zusammenhang lassen sich die folgenden – nicht abschließend aufgezählten – Merkmale aufzeigen:

kundenspezifische Fertigungen

komplexe Fertigungsprozesse

hohe Akquisitionskosten und geringe Abschlussquoten

wegen der Einmaligkeit erfolgt die Preisbildung i. d. R. ohne Marktpreisbezug

umgekehrter Phasenverlauf von Absatz und Herstellung

Auftrag ist für Unternehmen aufgrund des großen Umfangs und der Werthaltig-

keit von zentraler Bedeutung bezüglich der wirtschaftlichen Lage.

Die Herstellung wird durch das leistungserbringende Unternehmen i. d. R. erst nach Vertragsschluss begonnen, wodurch kein Absatzrisiko mehr existent ist und sich der klassische Phasenablauf umkehrt. Allerdings fallen bis zum Vertragsschluss erhebliche Akquisitionskosten an, die vor dem Hintergrund, dass die Abschlussquote bei circa 10 % liegt, eine nicht zu unterschätzende Risikoposition darstellen. Ferner wohnt der Auftragsfertigung ein Kalkulationsrisiko inne, da Fehleinschätzungen bezüglich Mengen und Werten sowie Kostensteigerungseffekte die Wirtschaftlichkeit schnell verändern können. Die Langfristigkeit der Auftragsabwicklung wirkt dabei erhöhend auf das Kalkulationsrisiko. Da für die Auftragsumsetzung kundenspezifische Wünsche ausschlaggebend sind, liegen regelmäßig komplexe Fertigungen zugrunde, die durch Einmaligkeit und Individualität geprägt sind. Somit ist der langfristigen Auftragsfertigung immanent, dass der Preisbildungsprozess eines funktionierenden Marktes grundsätzlich nicht gegeben ist, wodurch wiederum ein beachtenswertes Kalkulationsbzw. Angebotsrisiko resultiert. Aufgrund der Spezifikation als langfristige Auftragsfertigung belaufen sich die Auftragswerte regelmäßig auf höhere Millionenbeträge – wie sie im Anlagenoder Schiffsbau problemlos gegeben sind – wodurch die Kapazitätsbindung und die wirtschaftliche Lage des erbringenden Unternehmens erheblich beeinflusst werden. Wegen der Individualität und der hohen Werthaltigkeit entsteht ein enges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden Vertragspartnern, weshalb für das erbringende Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit des Auftragsgebers zu hohen wirtschaftlichen Einbußen führen könnte.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >