Die Neueinschätzung von Mobilität und Diversität rückt die europäische Stadt und ihre Inklusionsfähigkeit in den Mittelpunkt

Die mit den beiden obigen Zitaten markierte Denkrichtung mag die aktuelle Problematik in mancherlei Hinsicht verfehlen, aber sie enthält dennoch einige wichtige Hinweise für eine konstruktive Neueinschätzung von Mobilität und Diversität. Bei einer genaueren Betrachtung wird tatsächlich erkennbar, dass sich manche Bewertungen im Augenblick nicht nur verschieben, sondern diese quasi in ihr Gegenteil verkehrt werden. In der breiten Öffentlichkeit deutet sich so etwas wie ein Perspektivwechsel an:

a. Was die Mobilität betrifft: Die Skepsis gegenüber (migrationsbedingter) Mobilität ist nur so lange plausibel, wie Sesshaftigkeit als Normalfall unterstellt wird. Die in den Zitaten erkennbare Neubewertung von Mobilität (heutiges Mobil-Sein-Müssen bzw. die Fähigkeit Mobilität zu inszenieren) setzt deshalb auch eine Neueinschätzung von Sesshaftigkeit voraus. Im Kern geht es darum, eine neue, mobile Existenzweise zur Norm zu erklären.

b. Und was die Diversität betrifft: Wenn man davon ausgeht, dass es bei der bisherigen Skepsis gegenüber (migrationsbedingter) Mobilität eben vor allem auch um die Ablehnung von Diversität ging (ausgeschlossen wird, wer als ‚nichteuropäisch', ‚nicht-deutsch' etc. klassifiziert wird), dann ist klar, dass auch hier eine Neubewertung impliziert wird. Der überkommene bürgerliche Habitus, wer als ‚zugehörig' klassifiziert wird, muss mobilitätsadäquat reformuliert werden. Auch hier geht es darum, ein neues Verständnis über Diversität zu entwickeln.

Die Art, wie Sesshaftigkeit und Mobilität bzw. traditionell-monokultureller Habitus und Diversität miteinander in Relation gesetzt werden, hat sich tendenziell verkehrt. Mobilität und Diversität, die lange allenfalls als Ausnahme hingenommen wurden, werden heute zunehmend positiv gedeutet – jedenfalls, wenn es konkret um internationale Erfahrungen, gute Qualifikationen, die wirtschaftliche Entwicklung und den Tourismus, also um den urbanen Alltag geht. Die Perspektive, die dabei stillschweigend eingenommen wird, ist die einer Stadtgesellschaft. Allerdings werden gleichzeitig weiter Sesshaftigkeit und monokultureller Habitus beschworen, sobald es um eine ‚unerwünschte' bzw. um eine ‚falsche' Mobilität oder Diversität geht. Dann wird schnell wieder von ‚Fremden' gesprochen – beispielsweise, um die Mobilität europäischer Minderheiten, wie die ‚der Roma' im EU-Territorium, zu kriminalisieren. [1] Oder es wird eine ‚falsche' religiöse Diversität unterstellt, sobald es um ‚den Islam' im EU-Europa geht. Die Perspektive, die dann eingeschlagen wird, ist die alte nationalistisch imprägnierte Sichtweise. Immer dann, wenn sich die Öffentlichkeit national gibt oder sich Stadtgesellschaften wie kleine Nationalstaaten gebärden und nationalistische Erzählungen bemüht, dann kommt die alte negative Einschätzung erneut durch. Und das geschieht immer noch sehr häufig, wie die meisten an ‚Zuwanderer' bzw. an ‚Ausländer' adressierten kommunalen Integrationsprogramme belegen. Das Problem hierbei ist, dass es dann aufgrund eines der empirischen Wirklichkeit nicht mehr adäquat gewählten Referenzrahmens, nämlich desjenigen eines identitäts- und territoriums-gebundenen, sehr schwer fällt, der zunehmenden Mobilität und Diversität unvoreingenommen und konstruktiv zu begegnen. Dieser gewählte, nicht-wirklichkeitsbasierte Referenzrahmen führt letztlich zu Fehleinschätzungen, die längst erkannt wurden (die entsprechenden Fehleinschätzungen sind ja nicht empirisch, sondern ideologisch begründet und folgen einem Selbstverständnis der bürgerlichen Klassen des 19. Jahrhunderts). Deshalb ist es wichtig, den sozial adäquaten Referenzrahmen einzuhalten. Dann wird erkennbar, dass sich die Umkehrung der Perspektive keineswegs unvermittelt ereignet hat, wie das auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die Umkehrung der Perspektive ist der Tatsache geschuldet, dass die Stadtgesellschaft in das Blickfeld gerückt ist. Die Stadtgesellschaften – und hier insbesondere die innerstädtischen Quartiere – stellen metropolitane Ballungsräume dar, die aufgrund von strukturell fundierten Möglichkeitsräumen (informelle wie formelle Job- und Qualifikationsgelegenheiten, unterschiedlichste Wohnräume usf.), ausgesprochen mobilitäts- und diversitätsgeprägt sind. Sie haben das längst bewiesen: Sie bieten nicht nur Anlaufstellen für Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Lebensperspektive sind, sondern ermöglichen auch seit langem die Verstetigung und Veralltäglichung von Mobilität und Diversität. Und all dies ist überhaupt nicht neu. Dies hat es schon zur Zeit des rasanten industriellen Wandels, der sich vom 19. bis zum 20. Jahrhundert ereignete, gegeben. Im Laufe der Zeit wurde die einst vorherrschende Agrarproduktion, die noch mit einem Leben im ländlichen Raum verbunden war, von einer industrialisierten und zugleich zunehmend urbanisierten Gesellschaft abgelöst. Die Städte sind diesem ‚Industrialisierungssog' erfolgreich begegnet und haben ihn sich sehr schnell zu Eigen gemacht. Ähnliches lässt sich auch später bei den Fluchtbewegungen im Zusammenhang mit den zwei Weltkriegen und der weltweiten Entkolonialisierung beobachten. Insbesondere mit den Migrationsbewegungen, die durch die Emanzipationsbewegungen der befreiten, ehemaligen Kolonien ausgelöst wurden, ging eine enorme Bevölkerungsmobilisierung in vielen europäischen Städten einher. Es war genau diese Fähigkeit der europäischen Stadt, sich mit einer zunehmenden Mobilität und Diversität immer wieder neu zu arrangieren, was zur Erkenntnis geführt hat, dass die Stadt eine spezifische und zugleich effektive Gesellschaftsform für die Bewältigung von Mobilität und Diversität darstellt. Genau deshalb hat sich auch dieses Gesellschaftsformat weltweit durchgesetzt – mit der Folge, dass heute schon mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt. [2]

Was dann aber auch auffällt, das ist, dass die zunehmende Mobilität und Diversität nicht automatisch bedeutet, dass eine Stadt wächst. Es geht zunächst einmal um eine wachsende Fluktuation und eine fortschreitende Ausdifferenzierung von Lebensstilen usw. Sehr oft sind diese Effekte zweifellos mit einem enormen Wachstum der Stadt verbunden. Das gilt etwa für die neuen Mega-Cities in Afrika und Asien. Es gibt aber in Europa und Nordamerika zahlreiche Beispiele für schrumpfende, also ‚abwanderungsbasierte' Städte. Gleichzeitig sind aber auch sie von zunehmender Mobilität und Diversität bestimmt. Oft handelt es sich um ganze Regionen, sogenannte Shrinking Cities, die eine Ent-strukturierungs- und De-Industrialisierung erleben. Ganze Wohnviertel und Straßenzüge sind hier von Wohnungs- und Ladenleerständen betroffen. [3] Solch brachliegenden Infrastrukturen werden dann häufig zu von Einwanderern und sozialen Minderheiten genutzten Zwischenräumen und auf diese Weise werden sie ‚re-settled' bzw. urban ‚recycelt' (Yildiz und Mattausch 2009), indem sie als an sich vernachlässigte, innerstädtische Quartiere wiederbelebt und teilweise sehr erfolgreich zu prosperierenden Quartieren umgestaltet werden. Derartige innerstädtische Quartiere nennt Doug Saunders (2011) Arrival Cities. Nach Saunders handelt es sich um Ankunftsorte von Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Lebensperspektive sind. [4] Solche Zwischenräume sind oft nicht nur Ankunftsorte, sondern auch immer so etwas wie informelle urbane Laboratorien für die Weiterentwicklung einer sich immer weiter durch Mobilität und Diversität verändernden Stadtgesellschaft. Was zur Verstädterung und zum globalen Siegeszug der Stadtgesellschaften beigetragen hat, hat eben auch immer wieder zu neuen Vernetzungen von Stadträumen geführt, die neuartige Mobilitätsströme und eine Virtualisierung und Dezentrierung von Diversität bewirkt haben. Aber all das bedeutet eben nicht automatisch ein quantitaves, sondern eher ein qualitatives Wachstum. Gerade in solchen offiziell wachstumsvernachlässigten, aber informell qualitativ wachsenden Quartieren kommt die Logik der Stadtgesellschaft besonders zum Ausdruck.

Es bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass Verstädterung und die Urbanisierung, die mit einer global mobil gewordenen Bevölkerung einhergeht, letztlich zur Dominanz der Stadtgesellschaft geführt hat (vgl. neben anderen z. B. Häusermann et al. 2004; Bukow 2010; Ottersbach und Yildiz 2004) und der verbliebene ‚ländliche Raum' – einschließlich seiner Infrastrukturen wie Supermärkte, Autobahnen, Betriebe, Bildungseinrichtungen und Verwaltungen – längst zum „Teil des Stadtgewebes“ (vgl. Lefèbvre 1972, S. 10) avanciert ist. Die Stadtgesellschaft ist zu einem Erfolgsmodell geworden, weil die Mobilität und die Diversität zu einem Querschnittphänomen geworden sind und damit die Gesellschaftsformate zum Zuge kommen, die damit konstruktiv umgehen können.

  • [1] Die Definitionsprozesse, die in den Debatten um ein ‚neues' Europa, stattfinden, werden auch als Abgrenzung zu anderen Minderheiten wie Flüchtlinge, Arme, People of Colour etc. vorgenommen.
  • [2] Das waren im Jahr 2008 3,3 Mrd. Menschen. Bis zum Jahr 2030 werden es voraussichtlich 5 Mrd. Menschen sein. Mit der weltweiten Verstädterung sind freilich viele soziale Probleme verbunden, die die Umwelt, das Zusammenleben usw. betreffen. Dies soll an dieser Stelle keineswegs geleugnet werden. Die Stadtgesellschaft hat sich also nicht in einem normativen Sinn ‚bewährt', weil sie ‚besser' ist (als beispw. der sogenannte ‚ländliche Raum'), sondern weil sie im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen, sozialen Wandels ein funktionales, extrem verdichtetes, vernetztes und leistungsfähiges Gesellschaftsformat darstellt.
  • [3] Es ist kein Zufall, dass die Conference ‚Cities Regrowing Smaller' der OECD-geförderten Veranstaltungsreihe SHRINKING CITIES IN EUROPE kürzlich in der Zeche Zollverein im Ruhrgebiet stattfand, das von den Veranstaltenden als weltweites, aber vor allem in postindustrialisierten Gesellschaften als Problem betrachtet wird. Abwanderung wird als ein Hauptfaktor für diese Entwicklungen betrachtet: „Bis heute hat das Ruhrgebiet trotz Einwanderung etwa 10 % seiner Einwohner verloren, manche Städte gar bis zu 30 %. Für die nächsten 20 Jahre geht man von einem anhaltenden Rückgang aus, für manche Kommunen bis zu weiteren 15 %. Während bislang vor allem das Brachfallen von Industrieanlagen eine städtebauliche Herausforderung stellte, wird in Zukunft zunehmend der Leerstand in Wohngebieten zum Thema“ (shrinkingcities.com/index.php?id=372&L=0 vom 01.04.2014).
  • [4] Letztlich sind dies, wie beschrieben, jedoch nicht nur Orte der ‚Ankunft', sondern auch Orte des Wegzugs, des Durchlaufs – schlicht: Orte der Fluktuation oder Mobilität. Systemtheoretisch gedacht, operiert die mobilisierte und urbanisierte Stadtgesellschaft dabei seit jeher sowohl exklusiv als auch inklusiv, indem Einzelne – in differenter Weise – zu Adressat_innen funktionaler Teilsysteme werden (vgl. Kneer und Nassehi 2000).
 
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