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5 Das Untersuchungsdesign und seine Umsetzung

In Bezug zu den zentralen Anliegen der empirischen Untersuchung wird im Folgenden ein Forschungsdesign entwickelt und dessen Umsetzung beschrieben. Hierzu werden zunächst die Anlage der Untersuchung und die empirisch zu bearbeitenden Forschungsfragen bestimmt (Abschnitt 5.1). Davon ausgehend wird dargestellt, welche Daten zu erheben sind (Abschnitte 5.2 und 5.3), wie die Erhebung geplant, durchgeführt und die erhobenen Daten dokumentiert worden sind (Abschnitte 5.4 bis 5.6). Abschließend werden der Ansatz für die Analyse der Daten vorgestellt und die Schritte der Datenauswertung erläutert (Abschnitt 5.7).

5.1 Die Forschungsfragen

Ausgehend von einer subjektbezogenen, am indiviuellen Bedarf und den individuellen Ressourcen orientierten, und am Gebrauch der Eigenkräfte der arbeitsfähigen Bedürftigen ausgerichteten Grundvorstellung sozialstaatlicher Unterstützung soll schwerpunktmäßig untersucht werden, wie Fachkräfte kommunaler Dienste, insbesondere Sachbearbeiter der Sozialhilfe und Fachkräfte der Sozialen Arbeit, diese Unterstützung mit Hilfe des Fachkonzeptes ‚Case Management' unter dem Horizont eines sich verändernden rechtlichen Rahmens und unter spezifischen kommunalen Produktionsbedingungen erbringen. Dabei soll besonders in den Blick genommen werden, welchen Stellenwert die Case Manager den Selbsthilfekräften der arbeitsfähigen Bedürftigen und ihrer Fähigkeit zur Selbstorganisation bei der Klärung, Planung und Umsetzung eines Weges zur Bearbeitung und ggf. Lösung ihrer Lebensund insbesondere Erwerbsprobleme einräumen.

In der empirischen Untersuchung wird ausschließlich die Praxis der aktivierenden Unterstützung im Modellprojekt ‚Sozialagenturen – Hilfe aus einer Hand' betrachtet. Im Rahmen der Laufzeit dieses Projektes war die aktivierende Unterstützung für (ar-beitsfähige) Bedürftige auf der Grundlage der Methode ‚Case Management' zu erbringen. Für den Gesetzgeber waren sowohl das Sozialagenturenkonzept als auch die Methode ‚Case Management' Bezugspunkte für die Regelung der Erbringung von aktivierender Unterstützung im SGB II. Darüber hinaus verstand der Gesetzgeber diese Grundkonzepte auch als Blaupausen für die Entwicklung einer Aufbauund Ablauforganisation der sich konstituierenden Grundsicherungsträger. Zudem konnten die im Modellprojekt mit Varianten der Erbringung von aktivierender Unterstützung gesammelten Erfahrungen, den Grundsicherungsträgern eine Orientierung für die Entwicklung eigener Unterstützungskonzepte und ihrer Implementation geben.

Die Untersuchung basiert auf zwei Grundannahmen: Vor dem Hintergrund des rechtlichen Bezugsrahmens und den lokalen Produktionsbedingungen für die Erbringung der aktivierenden Unterstützung in den einzelnen Sozialagenturen wird angenommen, dass das jeweils eingesetzte Konzept der Methode ‚Case Management' und ihre Handhabung durch die Case Manager in der Praxis den Prozess der aktivierenden Unterstützung (arbeitsfähiger) Bedürftiger prägt. Im Spiegel der Anwendung und Handhabung dieser Methode, so wird weiter angenommen, können zum einen der den Case Managern strukturell vorgegebene Handlungsspielraum für die Unterstützung des Gebrauchs der Eigenkräfte der Bedürftigen und zum anderen das Ergreifen dieses Handlungsspielraums durch die Case Manager empirisch sichtbar gemacht, beschrieben und charakterisiert werden. Dabei wurde erstmals der gesamte Unterstützungsprozess anhand der einzelnen Phasen der Methode ‚Case Management' zum Gegenstand einer Untersuchung zur personenbezogenen aktivierenden Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger gemacht.

Aus den in Abschnitt 3.2 der Studie beschriebenen Grundkonzepten der Methode‚Case Management' ist zu erkennen, dass die Wahl eines bestimmten Fachkonzeptes für die Ausrichtung der Erbringung der aktivierenden Unterstützung im allgemeinen und für den Gebrauch der Eigenkräfte der Bedürftigen im besonderen zentral ist. Zudem legt die in Abschnitt 3.3 vorgenommene Analyse nahe, dass die Förderung der Selbsthilfekräfte und der Selbstorganisation der Bedürftigen in engem Zusammenhang mit dem Stellenwert des Empowerment-Gedankens im Case Management-Konzept steht. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist anhand der beiden folgenden Leit-fragen zu prüfen, inwieweit die Case Manager der Sozialagenturen das ihnen vorgegebene Fachkonzept ‚Case Management' umgesetzt haben:

1. Wenden die Case Manager bei der aktivierenden Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger die Aufbauund Ablaufschritte der Methode ‚Case Management' an?

2. Handeln die Case Manager bei der aktivierenden Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger aus der Grundhaltung des Empowerments heraus?

Wie bereits erwähnt findet die Anwendung der Methode ‚Case Management' in den Sozialagenturen unter bestimmten Rahmenbedingungen statt. Zu diesen zählen die Trägerstruktur der Sozialagentur, ihre organisatorischen Ziele, das Aufbauund Ablaufkonzept der Sozialagentur, die Zielgruppe der Unterstützung, die Stellung und Zuständigkeit der Case Manager, sowie ihre Motivation, Ausbildung und Berufserfahrung. Es ist daher zu erwarten, dass diese und andere Rahmenbedingungen die Handhabung der Methode durch die Case Manager beeinflusst haben. In der Untersuchung spielt die Beschäftigung mit solchen möglichen Einflüssen nur eine nebengeordnete Rolle. Zumeist beschränkt sie sich auf die Sammlung empirischer Indizien. Dies trifft jedoch nicht auf zwei, auch in der Sekundärliteratur als bedeutend eingeschätzter vermuteter Einflüsse zu: der Profession der Case Manager und ihre doppelte Zuständigkeit für die sichernde und die personenbezogene aktivierende Unterstützung. Dabei wird die Vermutung geäußert, dass in der personenbezogenen Unterstützung Case Manger mit einer Ausbildung in Sozialer Arbeit (Sozialarbeiter und Sozialpädagogen) eher als Sachbearbeiter der Sozialhilfe die Bedarfe und Wünsche der Bedürftigen berücksichtigen und sie mittelbar zum Gebrauch ihrer Eigenkräfte für die Bearbeitung ihrer Problemsituation befähigen. Auch wurde die Befürchtung geäußert, dass durch eine gleichzeitige Zuständigkeit für die personenbezogene und die sichernde Unterstützung, eine klientennahe, auf die Vorstellungen der Bedürftigen und ihr Engagement ausgerichtete Bearbeitung der Problemsituation der Case Manager beeinträchtigen, ja sogar die sichernde Hilfe gefährden könnte. Anhand der folgenden beiden Forschungsfragen soll deshalb erkundet werden, ob sich für diese Vermutungen empirische Anhaltspunkte finden lassen:

3. Beeinflusst bei der aktivierenden Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger die Profession der Case Manager die Anwendung der Methode ‚Case Management'?

4. Welchen Zusammenhang stellen die Case Manager zwischen der aktivierenden und der sichernden Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger her?

 
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