Kreative Stadt, soziale Stadt, Bürgerstadt: Dispositive des Regierens von Berlin

Bezogen auf das gegenwärtige Regieren von Berlin (im Sinne des Foucault'schen Gouvernementalitätskonzepts) sind drei Dispositive zu unterscheiden, die ich als kreative Stadt, soziale Stadt und Bürgerstadt bezeichne (vgl. Lanz 2013). Unter Dispositiven verstehe ich in Machtverhältnisse eingewobene Netzwerke aus heterogenen Elementen wie „Diskursen, Institutionen, Gebäuden, Gesetzen, polizeilichen Maßnahmen, philosophischen Behauptungen etc.“ (Agamben 2009, S. 3; vgl. Foucault 1978; Lanz 2011, 2013), denen eine strategische Funktion für die Bearbeitung spezifischer Probleme zukommt.

Kreative Stadt

Verhandeln gegenwärtige Stadt-Debatten Fragen von Mobilität und Diversität nicht negativ als soziale Probleme in der ‚multikulturellen' Stadt sondern positiv als urbane Ressourcen einer kosmopolitischen Stadtgesellschaft, koppeln sie dies meist an das Konzept der kreativen Stadt. Nach dem Niedergang der Industriestadt und mit der Globalisierung der Menschen-, Kapital- und Wissensströme könnten nur Städte ökonomisch erfolgreich sein, so argumentiert der meistzitierte Protagonist des Kreativstadt-Diskurses Richard Florida (2005), die auf kreative Klassen und Industrien setzen. Die dafür erforderlichen talents ließen sich nur an tolerante und dynamische, an internationalisierte und vielfältige Städte binden. Weit über solche umstrittenen Thesen hinaus bildet das Konzept der kreativen Stadt einen zentralen Bestandteil des „Dispositivs der Kreativität“ (Reckwitz 2012), das den „neuen Geist des Kapitalismus“ (Boltanski und Chiapello 2007) prägt. Seine ‚Zivilreligion' ist das zur „hegemonialen anthropologischen Figur“ (Bröckling 2003, S. 132) aufgestiegene „unternehmerische Selbst“ (Bröckling 2007, S. 152) und sein an Alle gerichteter Imperativ heißt „sei kreativ!“ Bezogen auf die Stadtpolitik ist Creative City darüber hinaus ein „diskursives Leitbild der Planung“ (Reckwitz 2009, S. 5).

In Berlin bildete sich das Dispositiv der kreativen Stadt heraus, als in den 1990er Jahren der ökonomische Niedergang der Industriestadt mit einer „Kulturalisierung von unten“ (Reckwitz 2009a, S. 184) einherging. Dabei wuchsen (sub-)kulturelle Entrepreneurs zu einem ökonomischen Potential heran, das die Stadtregierung als letzte Chance deutete, um Berlin auf einen erfolgreichen wirtschaftlichen Pfad zu führen. Waren die von den Kulturszenen in Anspruch genommenen Freiheiten des Selbstregierens in den 1990er Jahren noch repressiv bekämpft worden, begannen offizielle Regierungsprogramme sie ab dem Jahrtausendwechsel zu fördern.

Aus heutiger Sicht ist das Dispositiv der kreativen Stadt an eine disziplinäre Machttechnologie gekoppelt, insofern die andauernde politische und mediale Anrufung der Subjekte, sich als ‚creative professionals' zu erfinden und von wohlfahrtsstaatlichen Strukturen zu ‚emanzipieren', in eine „permanente Moralisierungs- und Disziplinierungsarbeit am eigenen Selbst“ (Lemke 2007, S. 60) mündete. Die mit dem „creativity fix“ (Peck 2007) einhergehende Infragestellung aller dauerhaften Konstellationen und die permanente Anrufung aller urbanen Milieus, sich eigeninitiativ neu zu erfinden, unentwegt mobil zu sein und sich an Transformationsprozesse anzupassen, verweist meist auf Rollenmodelle aus subkulturellen Gegenwelten. So deutete eine Studie der Berliner Senatsverwaltung (2007) Milieus, die sich irregulär und temporär urbane Räume für kulturelle oder soziale Nutzungen aneigneten, als „Urban Pioniers“, da sie maßgeblich die kreative Stadt entwickelten. Eine Studie der Senatskanzlei (2000) wies Migranten eine Pionierrolle für einen „Mentalitätswandel“ der Berliner zu, da sie kein sozialstaatliches „Sicherheitsdenken“ mitbrächten, sondern unternehmerisch handelten und so die globale Konkurrenzfähigkeit Berlins verbesserten.

Viel drastischer als noch vor wenigen Jahren vorstellbar, hat sich ein solches Pionier-Milieu internationalisiert. Seit Berlin weltweit als ‚spannend' liberale und über bespielbare Räume verfügende Kulturmetropole wahrgenommen wird, wandern nicht nur aus EU-Staaten oder den USA junge Kulturschaffende, Studierende oder Jobber_innen zu. Vorzugsweise lassen sie sich in Kreuzberg und Neukölln als den bekannten Laboren der Diversität nieder, deren zunehmende Transformation in urbane Abenteuerspielplätze Verdrängungsmechanismen in Gang setzt. Spätestens mit der Eurokrise hat sich diese Gruppe weiter ausdifferenziert. Nun kommen vermehrt junge, arbeitslose Akademiker_innen aus europäischen Krisenstaaten, die weniger vom globalen Berlin-Hype angezogen werden, als sie hier eine berufliche Chance suchen. Dazu gesellen sich internationale Bürgermilieus, die mit Blick auf die Finanz- und Eurokrisen ihr Kapitel in Berliner Immobilien investieren, oft mit dem Ziel, im Alter ihren Wohnsitz in die Stadt zu verlagern.

Geradezu exzessiv betont der Kreativstadt-Diskurs die vermeintliche Kosmopolizität Berlins entweder aus einem marktwirtschaftlichem Blick, für den soziale und rechtliche Ungleichheiten irrelevant sind – Diversität wird hier kommodifiziert –, oder aus einer ästhetischen Perspektive, die sich aus der umfassenden Kulturalisierung des Städtischen erklärt (vgl. Reckwitz 2012). Ein prägnantes Beispiel für Letzteres gibt die Stadtimagination der in den 1990er Jahren aus einer Hausbesetzung hervorgegangenen Urbanistengruppe Raumlabor (2008) ab, die heute Kulturspektakel räumlich inszeniert und ab und zu den Stadtentwicklungssenat berät: Ihre Imagination von Urbanität ist „eine Stadt des Moments, eine Stadt, die so dynamisch ist, dass sie sich jede Sekunde ändern kann. Sie macht alle Masterpläne irrelevant“. Insofern der Geist der Freiheit, der in einer solchen Imagination des Städtischen aufscheint, alle Stadtbewohner_innen einschließt, ist er zwar prinzipiell inklusiv, faktisch geht er aber auf Kosten jener, deren Alltagsbewältigungsstrategien auf die Verlässlichkeit von sozialen Umgebungen und Infrastrukturen angewiesen sind.

 
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