Ambivalente Sichtbarkeitspolitiken: die Perspektive der Norm

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen sollte das Streben nach Sichtbarkeit seitens sozial Marginalisierter zumindest als ambivalent eingeschätzt werden. Dies betrifft besonders die Frage nach den Norm herausfordernden Effekten zeitlich begrenzter Interventionen durch einen kollektiven Auftritt queerer Subjekte im Stadtraum. Was bleibt, wenn Paraden wie z. B. der CSD vorüber sind, wenn die Luftschlangen und Plastiksektgläser von den Maschinen der Stadtreinigung aufgekehrt wurden? Als Frage nach der Norm – gedacht im Sinne Foucaults (1983) als Disziplinarnorm – stehen insbesondere Heteronormativität und deren Durchkreuzung zur Debatte. Die disziplinäre Norm ist bei Foucault ein „präskriptive[s] Ideal“, das eine eindeutige und starre binäre Unterscheidung von normal und abnormal produziert und sich dabei vor allem auf die Individuen richtet (Mesquita 2011, S. 63).

Für eine mögliche Durchkreuzung der Norm muss analysiert werden, in welchem Verhältnis queere Sichtbarkeit zur Norm steht. Wird die Sichtbarkeit queerer Lebensformen womöglich dafür genutzt, die heterosexuelle Norm zu stabilisieren? Wie wirken in diesem Zusammenhang Mechanismen der Normalisierung und des Othering, also der Zuschreibung von Differenzen zur heterosexuellen Norm? Und wer und was wird in die Norm aufgenommen, wer und was wird daraus ausgegrenzt? Sichtbarkeit ist damit also auch eine Strategie, um diejenigen, die als anders markiert werden, ans Licht zu zerren, während die, die der Norm eher entsprechen, in den Genuss der Unsichtbarkeit kommen. Johanna Schaffer (2004) merkt in diesem Zusammenhang an, dass oft unterschätzt werde, dass Sichtbarkeit das Resultat eines Aushandlungsprozesses ist, in dem normative Parameter der Lesbarkeit verhandelt werden. Entsprechend bedeutet mehr Sichtbarkeit auch eine stärkere Einbindung in normative Identitätsvorgaben (S. 210). In ähnlicher Weise argumentiert Encarnación Gutiérrez Rodríguez (2000) aus einer Perspektive postkolonialer Kritik: In einer Gesellschaft, in der Menschen nach Identitätslogiken geordnet werden, ist es extrem schwierig, sichtbar zu werden, ohne sofort in eine bestimmte Identität gezwungen zu werden (S. 4). Sichtbarkeit ist damit als ein „spezifisches Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktionsleistungen“ und „Effekt von Prozessen“ zu verstehen, die in Herrschaftsverhältnisse eingelassen sind und diese zum Ausdruck bringen (Schaffer 2004, S. 211).

Repräsentation bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass etwas „Reales“ dargestellt wird, das von dieser Darstellung unabhängig ist, sondern sie bezeichnet den gesamten, durch Macht geprägten Komplex von Realitätskonstruktion, Bedeutungsproduktion und Subjektkonstitution (Engel 2009, S. 199, vgl. auch Schaffer 2004, S. 211). Damit ist Sichtbarkeit in politischer Hinsicht kein Wert an sich. Sichtbarkeit und Sichtbarmachung sind nicht automatisch an politische Repräsentation gekoppelt und stellen nicht per se einen Gewinn dar, z. B. an sozialer Anerkennung (Mesquita 2008, S. 131). So kann Sichtbarmachung auch mit negativer, abwertender Repräsentation einhergehen. Die Frage lautet daher, wie Sichtbarkeit erreicht werden kann, die nicht immer wieder in die Falle des Hegemonialen tappt, und stattdessen „politische Identitäten und gesellschaftliche Differenzen im Sinne sozialer Ungleichheit anerkennt“ (Gutiérrez Rodríguez 2000, S. 4).

Ich möchte schlussfolgern, dass CSD-Paraden damit nicht unbedingt eine wirksame Form sind, politisch durch die massenhafte Sichtbarkeit von Menschen, die von der Norm abweichen, Einfluss zu nehmen im Sinne queerer Ablehnung von Identitätspolitiken und einer tatsächlichen gesellschaftlichen Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen. Queere Großveranstaltungen funktionieren aus der Perspektive der Norm vielleicht doch zu deutlich zur Absicherung der Norm und zur Selbstversicherung der durchaus zahlreichen, nicht unbedingt als queer identifizierten Zuschauenden, die sich bei großen Paraden einfinden, um sich das Défilé der ‚schrillen Paradiesvögel' anzusehen. Die Zuschauenden und durch die Norm Privilegierten werden dabei weiterhin als ‚normal' angenommenen, dürfen unsichtbar und unmarkiert bleiben und können sich selbst als normgerecht identifizieren.

Während aus politisierten Szenekreisen die Kommerzialisierung und die flachen politischen Motti der Paraden kritisiert werden, erfüllen queere Großveranstaltungen darüber hinaus vielleicht längst nicht (mehr) den Zweck politischer Demonstrationen und eines damit verbundenen Kampfes um soziale Anerkennung. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass das Normabweichende untrennbar zur Norm dazugehört und partiell in sie aufgenommen wird. Vielleicht ist ein weiterer Grund dafür aber auch, dass stärkere Irritationen und Überraschungen im Rahmen der Veranstaltungen fast vollständig fehlen. Dennoch ermöglicht ein Event wie der CSD vielen queeren Teilnehmenden den Effekt, sich bestärkt zu fühlen durch das Erlebnis „einmal in der Mehrheit zu sein“ (Hark 2001). So ist die Sichtbarkeit also als ambivalent zu bewerten und möglicherweise eher ins Innere der Szene gerichtet wirksam, als dass nach außen politische Mitwirkung und gesellschaftliche Veränderungen erreicht werden.

 
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