Urbaner Raum als Manifestation der Vergesellschaftung von Individuen?

Im Folgenden findet eine Diskussion der Mobilitätsunterschiede von Frauen und Männern statt. Dieser wird ein theoretischer Exkurs zum Konzept der Vergesellschaftung vorangestellt. Dieses Modell hilft zu verstehen, wodurch die Mobilitätsunterschiede zustande kommen.

Theodor W. Adorno definierte den Terminus Gesellschaft über seine relationale Ausformung. Demnach setzen sich Gesellschaften nicht einfach aus einer Akkumulation von Individuen zusammen, sondern deren Mitglieder sind wechselseitig aufeinander bezogen (vgl. Adorno 1993, S. 63). Becker-Schmidt und Knapp (2001) nehmen den Begriff der Vergesellschaftung im Sinne Adornos auf und ergänzen diesen mit der „Relationalität der Genus-Gruppen.“ (Becker-Schmidt und Knapp 2001, S. 56) Die „Stellung der Genus-Gruppen“ wird von beiden Autorinnen als „Vehikel“ verstanden „[…] sie auf je besondere Weise in das übergreifende Sozialsystem einzubinden.“ Frauen sind beispielsweise über zwei Formen des Arbeitsvermögens in die Gesellschaft eingebunden: über nicht-marktvermittelte (Haus-) und über marktvermittelte (Erwerbs-)Arbeit. „Die unausbalancierte Vergesellschaftung von Frauen, die ins Private stärker integriert sind als in die Berufswelt […]“ beruht nicht zuletzt auf der Gebärfähigkeit der Frauen. Becker-Schmidt und Knapp (2001) sprechen deshalb bei Frauen von „doppelter Vergesellschaftung“ und haben damit jene „Unausgewogenheiten“ im Blick, die in einer marginalisierten Erwerbsrolle und „übermäßig eingespannt[en]“ familiären Versorgungsrolle zum Ausdruck kommen, während Männer zumeist einseitig erwerbsorientiert vergesellschaftet werden.

Das Konzept der doppelten Vergesellschaftung aufgreifend wurde in der Intersectional Map-Studie versucht, die beobachteten Mobilitätsunterschiede und damit die unterschiedlichen Muster der Stadtnutzung beider Genus-Gruppen mit der geschlechterrelevanten Arbeitsteilung in Zusammenhang zu bringen. Eine diesbezügliche Sichtung des Datenmaterials zeigte, dass Frauen hohe Werte in den Kategorien Teilzeit und Haushalt aufwiesen, während Männer in der Kategorie Vollzeit mit Abstand am öftesten vertreten waren. Ausgehend von der Annahme, dass die Verantwortung für Kinderbetreuung zu komplexen alltäglichen Mobilitätsstrukturen führen kann, wurde der Faktor Kinder unter 14 Jahren im Haushalt in die weitere Analyse einbezogen. Sowohl Winker und Degele (2009, S. 41) als auch Becker-Schmidt und Knapp (2001, S. 56) bestimmen die soziale Position von Gesellschaftsmitgliedern aus ihrer jeweiligen Stellung zur Erwerbs- und Reproduktionsarbeit. Die Verantwortung für Reproduktionsarbeit wurde in der Intersectional Map-Studie vor allem durch den Faktor Kinder unter 14 Jahren im Haushalt berücksichtigt. (vgl. Scambor und Scambor 2012, S. 69)

Die Varianzanalyse (Faktoren: Geschlecht, Kinder unter 14 Jahren im Haushalt, Migrationshintergrund) ließ ein Ergebnis deutlich hervortreten: Die durchschnittliche Anzahl alltäglich aufgesuchter Orte war bei Frauen deutlich höher, wenn sie mit Kindern unter 14 Jahren im Haushalt lebten (vgl. Abb. 3). Bei Männern blieb das Mobilitätsmuster gleich. Dieser Zusammenhang ließ sich für alle Stufen der Variable Migrationshintergrund (Nicht-EU, EU, Österreich) annähernd gleichermaßen nachweisen. Die höhere Anzahl alltäglich aufgesuchter Orte bei Frauen spiegelt die Reproduktionsarbeit wider: Frauen gaben häufiger als Männer alltägliche Orte mit Reproduktionsbezug an („Kinderbetreuungseinrichtungen“,

„Spielplätze“, „Parks“, „Geschäfte“, etc.) und wiesen komplexere alltägliche Mobilitätsmuster auf.

Die Mobilitätsmuster von Männern erschienen dagegen vergleichsweise einfach, waren zumeist auf Erwerbsarbeit konzentriert und verbanden wenige Orte. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Anteil von Männern mit reproduktionsorientierten Mobilitätsstrukturen – wenngleich vorhanden – gering war, sodass sich daraus kein nennenswerter Effekt bezogen auf die Gesamtgruppe aller Männer mit Kindern unter 14 Jahren im Haushalt ergab.

Diese Mobilitätsmuster sollen im Folgenden durch einen Wechsel der Perspektive von der strukturellen auf die individuelle Ebene veranschaulicht werden. Die folgenden zwei Fallbeispiele (Abb. 4 und 5) illustrieren sowohl den Komplexitätsgrad der Wegketten von Frauen und Männern mit Kindern unter 14 Jahren im Haushalt, als auch typische Orte dieser Personengruppen.

Abb. 3 Durchschnittliche Anzahl von aufgesuchten Orten pro Tag nach Geschlecht und in Abhängigkeit davon, ob Kinder unter 14 Jahren im Haushalt lebten; Personen ohne Migrationshintergrund. (Anmerkungen. Auf der x-Achse ist die Information aufgetragen, ob Kinder unter 14 Jahren im Haushalt leben. Die y-Achse repräsentiert die durchschnittliche Anzahl aufgesuchter Orte pro Tag. Quelle: Scambor und Scambor 2012, S. 70)

Abb. 4 Wegkette einer Frau ohne Migrationshintergrund, mit Kindern unter 14 Jahren, wohnhaft in einem Bezirk mit niedrigem Migrationsanteil. (Quelle: Scambor und Scambor 2012, S. 65)

Abb. 5 Wegkette eines Mannes ohne Migrationshintergrund, mit Kindern unter 14 Jahren, wohnhaft in einem Bezirk mit

niedrigem Migrationsanteil. (Quelle: Scambor und Scambor 2012, S. 65)


 
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