Diaspora-Netzwerke

Sowohl das Phänomen der transnationalen Mobilität als auch das der Diaspora haben sich durch die Globalisierung, vor allem aber durch immer schnellere und preisgünstigere Transportmittel sowie durch digitale Medien, gravierend verändert. Die Migration hat ihre Endgültigkeit und Unidirektionalität verloren (vgl. Pries 2001, S. 8 ff.). Die Diaspora verliert zusehends ihren ausschließlichen Bezug auf die Vertreibung und die Rückkehrwünsche. Sie wird stattdessen immer stärker zur alltäglichen Vergesellschaftungsform. Im Falle der russisch(sprachig) en Diaspora, wird sie durch eine gemeinsame Sprache als Kommunikationsmittel und Informationsträger zusammengehalten (vgl. Kühn 2012, S. 270 f.). Sie stellt ein hochflexibles und anpassungsfähiges Netzwerk dar, das zwar noch Züge einer „vorgestellten Gemeinschaft“ (Anderson 1991, S. 12) trägt, immer mehr aber zu einer zukunftsorientierten Gesellschaftsform tendiert.

Bommes und Tacke (2011, vgl. S. 27, S. 36 ff.) bezeichnen die Netzwerke als „die Struktur der Einbettung des Handelns in soziale Beziehungen“. Beide Autoren, führen weiter aus, dass die Netzwerke in der modernen Gesellschaft:

• an bestimmten sozialen Gelegenheiten ihren Anlauf nehmen,

• sich auf die Freigabe heterogener Adressen stützen,

• sich selbst auf Basis der Reziprozität fortschreiben.

Netzwerke entstehen also durch unspezifisch reziproke Kommunikationsbeziehungen (vgl. ebd. 2011, S. 36 ff.). Daher tendieren sie, nach Meinung der genannten Autoren, zu einer sachlichen und sozialen Expansion, „denn der formale Mechanismus der Reziprozität sieht im Prinzip keine Stoppregel vor“ (ebd. 2011, S. 27, S. 37).

Die Netzwerke eröffnen ihren Teilnehmern Zugänge zu unwahrscheinlichen Möglichkeiten und tendieren daher zu einer sachlichen und sozialen Expansion, so Bommes und Tacke (2011, vgl. S. 37 ff.) weiter. Je mehr Adressen, in die Umlaufbahn eines Netzwerkes einbezogen sind, desto breiter ist sein Leistungsspektrum. Durch die angebotenen spezifischen Leistungen und die „bestätigende Reziprozität“ wird der sachliche und zeitliche Bestand eines Netzwerkes gewährleistet (ebd. 2011, S. 40).

Die Netzwerke brauchen für ihre Entstehung und Fortdauer „soziale Strukturkontexte“ (vgl. ebd. 2011, S. 43). Dementsprechend beschreiben die Autoren soziale Netzwerke als „Systembildungen eigenen Typs“ (ebd. 2011, S. 14), die sich sowohl entlang als auch quer zu den Funktionssystemen der Gesellschaft bilden (vgl. Holzer 2011, S. 51 ff.) und „strukturelle Leerstellen“ (Bommes und Tacke 2011, S. 47) überbrücken können. Die Ersteren sind beispielsweise Künstler-, Politiker-, Studentennetzwerke. Zum zweiten Typ gehören, zum Beispiel Diasporas, bestimmte konfessionelle Gemeinden aber auch kriminelle Netzwerke. Laut Bommes und Tacke (2011, S. 18) weist die Netzwerkbildung „auf Strukturprobleme der Differenzierungsform der modernen Gesellschaft“ hin.

Im Falle fremdsprachiger Senioren ist davon auszugehen, dass die ausdifferenzierten Strukturen eines modernen Wohlfahrtstaates und seine standardisierten Leistungen, wie institutionelle Seniorenbetreuung, stationäre Unterbringung, Pflege im Alter etc. nicht mehr den tatsächlichen Bedürfnissen dieser Personengruppe entsprechen. Russischsprachige Senioren knüpfen zwar an die entwickelten sozialen Dienste, wie beispielsweise Pflegedienste an, passen diese aber gleichzeitig ihren Belangen an. Allein in Köln gibt es acht bis zehn Pflegefirmen sowie eine Einrichtung des Betreuten Wohnens Nascha Kwartira, die auf Betreuung russisch(sprachig)er Personen spezialisiert sind.

Nascha Kwartira ist eine stationäre Einrichtung für demenzkranke Menschen in Köln. Sie ist durch die Zusammenarbeit von einem Freien Wohlfahrtsträger und den Diaspora-Netzwerken entstanden. Der Freie Träger sorgt dabei für die institutionelle Einbettung der Einrichtung, die Diaspora-Netze rekrutieren Pflegekräfte und Bewohner.

Die Entstehung dieser Pflegfirmen ist sicherlich erst durch die Systeme funktionaler Differenzierung eines modernen Sozialstaates möglich geworden. Gleichzeitig nehmen sie aber Bezug auf die Sprache und die Alltagsgepflogenheiten der oben genannten Personengruppe und füllen damit eine strukturelle Lücke im System des Sozialstaates. Die angebotenen Pflegeleistungen sind bis zu einem bestimmten Grad „maßgeschneidert“. Die Informationen über die möglichen Varianten der Pflege kursieren durch die lokalen Diaspora-Netze. So erfahren russischsprachige Senioren, welcher Dienstleister zuverlässig ist, besonders qualifizierte Pflegekräfte werden weitervermittelt, die möglichen Arrangements werden ausgehandelt, etc. Sowohl die informelle Unterstützung seitens der Diaspora, als auch formalisierte aber sprachbezogene Leistungen, die über informelle Netzwerke vermittelt werden, erlauben es den Senioren so lange wie es nur geht zu Hause zu bleiben. [1] Dies verstärkt einerseits, das individuelle Wohlbefinden der Senioren und mindert andererseits, die für den Wohlfahrtsstaat entstehenden Kosten. Eine Inclusive City mit ihrer Vielfalt an Angeboten stellt somit gerade für solche Personengruppen eine praktische Basis dar, indem sie ihnen ermöglicht an bedarfsorientierte altersrelevante formale Systeme der Stadtgesellschaft Anschluss zu finden.

Eine Diaspora vermittelt ihren Mitgliedern ein Zugehörigkeitsbzw. Heimatgefühl, das nicht unbedingt mit der wirklichen oder imaginären Heimat zu tun haben muss. Dieses imaginierte Zuhause bewohnen dann die Menschen, die ähnliche Wünsche, Vorstellungen, Gewohnheiten, Vorlieben, etc. haben. „Um das Verlangen nach dem Zuhause zu stillen, wird dann nicht einfach auf einen realen oder imaginären „Heimat“-Stoff zurückgegriffen, sondern es werden Elemente aus der Herkunfts-, Aufnahme- und der Diasporakultur ausgewählt, gemischt und neu kombiniert“, so Moosmüller (2002, S. 17). In diesem Zuhause werden soziale Situationen geschaffen, die es einem Individuum ermöglichen, sein Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe, Freundschaft, Intimität zu befriedigen, sowie sich in einer solidarischen Gemeinschaft geschützt zu fühlen.

Holzer (2011, S. 52) betont, dass erst vor dem Hintergrund und im Unterschied zur funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften „Netzwerke ihre Bedeutung als eigenständige Formen sozialer Selektivität“ erlangen, die für eigene „Ordnungsbildung“ sorgen. Dementsprechend erlauben die Diaspora-Netzwerke den Senioren ihre mitgebrachten bzw. neu kreierten Beziehungen zu sortieren und zu ordnen. Diejenigen, die im Augenblick absolut notwendig sind, werden innerhalb des Netzes platziert, das die Person umschließt und ihr emotionalen Halt bietet. Die Anderen wiederum, die nur von Zeit zu Zeit gebraucht werden, befinden sich schließlich außerhalb des Netzes. Die Übergänge zwischen den Netzwerken sind fließend. Durch die Zugehörigkeit zur Diaspora gewinnt der Alltag der Senioren an Überschaubarkeit und Sicherheit. Die Kombination aus Aufnahmegesellschaft sowie flexiblen und losen Netzwerken bietet so genug Platz für diverse Lebensarrangements und vermittelt den Mitgliedern das Gefühl, frei wählen zu können.

Für die russischsprachigen Migranten übernehmen Clubs, wie beispielsweise Seniorenclub Nasch Dom der Synagogen-Gemeinde Köln oder aber Bibliotheken mit russischen Büchern die Rolle der Treffs, in denen überwiegend lokale Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Ein mannigfaltiges Programm des Begegnungszentrums Köln-Porz, das ebenfalls zu der Synagogen-Gemeinde Köln gehört, bietet den Senioren eine Reihe von Weiterbildungsveranstaltungen und Freizeitaktivitäten an. Gleichzeitig fungiert das Begegnungszentrum als Schaltstelle zwischen Diaspora und Stadtteil: Viele Veranstaltungen werden in Zusammenarbeit mit lokalen institutionellen Trägern der Seniorenarbeit organisiert.

Aktuell lässt sich jedoch beobachten, dass ein großes Potenzial der lokalen Diaspora-Netzwerke für die Funktionssysteme der Stadtgesellschaft noch brach liegt: der Pool qualifizierter zweisprachiger Fachkräfte für soziale Tätigkeitsfelder und Pflegeberufe wird nur unzureichend benutzt. Solche Formen des betreuten Wohnens wie Nascha Kwartira, die sich sowohl kosteneffektiv als auch zweckdienlich erweisen, sind nur exemplarisch. Informelle Treffs, die Nachbarschaftshilfe leisten und für eine kommunikative Inklusion der Senioren sorgen, werden wenig gefördert. Es bleibt nur zu hoffen, dass solche Möglichkeiten vermehrt genutzt werden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die informellen Netzwerke (hier: Diaspora) in der Aufnahmegesellschaft eine komplementäre Funktion übernehmen Sie passen sich den Gegebenheiten des heutigen Sozialstaates an und füllen strukturelle Lücken aus. Gleichzeitig erfüllen sie Wünsche und Bedürfnisse ihrer Angehörigen, und dienen so der „Wohlfahrtssteigerung“ (Bommes und Tacke 2011, S. 36) einzelner Personen. Den Senioren vermitteln die Netzwerke das Gefühl von Zugehörigkeit und die Sicherheit, ihr Leben frei zu gestalten.

  • [1] Diese Daten stammen aus von mir 2011–2012 durchgeführten qualitativen Interviews.
 
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