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Jod

Funktion von Jod

Jod ist für die Bildung der Schilddrüsenhormone unentbehrlich. Es wird dabei in das Schilddrüsenhormon eingebaut und auf diese Weise in der Schilddrüse gespeichert. Von dort werden die Hormone ins Blut abgegeben, die eine Vielzahl von Vorgängen im menschlichen Organismus wie Wachstum, zelluläre Entwicklung und Funktion steuern.

Die Schilddrüse speichert Jod, damit es immer verfügbar ist. Bei normaler Jodversorgung reichen die Speicher für zwei Monate. Sind sie unzureichend gefüllt, so kann in Zeiten einer Steigerung des Bedarfs (Wachstum, Schwangerschaft) rasch eine Unterversorgung mit allen Folgen eintreten. Der Schilddrüsenhormonrezeptor im Zellkern, an den die Schilddrüsenhormone binden, findet sich in den Genen fast aller Zellen und reagiert auch gemeinsam mit den Kernrezeptoren von Vitamin A und Vitamin D.

Wie viel Jod braucht der Mensch?

Die mittlere tägliche Aufnahme von Jod liegt je nach Region zwischen 10 und 100 μg/Tag. Empfohlen werden für Erwachsene 200 μg/Tag.

Vorkommen von Jod

Alles, was aus dem Meer kommt, enthält mehr oder weniger viel Jod. Besonders gute Jodquellen sind in erster Linie Seefische und auch Algen. Durch die Jodierung des Speisesalzes wie auch des Tierfutters findet sich Jod auch in Butter und Buttermilch sowie in Brot. Je nach Fischart kann der Jodgehalt zwischen 50 und 175 μg/100 g liegen.

Jodmangel und seine Auswirkungen

Je nach Zählung leiden zwischen 1,5 und 2 Mrd. Menschen weltweit an Jodmangel mit unterschiedlichem Schweregrad, besonders in Entwicklungsländern.

Die Zahl der Kinder im Schulalter mit unzureichender Jodversorgung ist besonders in Entwicklungsländern immer noch sehr hoch (Abb. 2.3). Dies gilt auch für entwickelte Länder, wo sich zwar seit der Jodierung des Speise- und Futtermittelsalzes die Situation wesentlich gebessert hat, aber nach wie vor bei Kindern und Schwangeren die Versorgung nicht zufriedenstellend ist. So kommt eine Studie des Robert Koch-Instituts an 11 599 Schulkindern aus dem Jahr 2007 für Deutschland zu dem Ergebnis, dass sich Deutschland von einem Gebiet des Jodmangels in ein Gebiet der niedrigen Jodversorgung verändert hat, das die Kriterien der WHO bezüglich eines zufriedenstellenden Versorgungszustands knapp erreicht (Thamm et al. 2007). Immerhin gilt in dieser Studie für 25 % der Kinder gemäß WHO-Kriterien geringer Jodmangel, während für 17 % ein moderater Jodmangel attestiert wird. Die Verbesserung der Jodversorgung, so die Autoren, ist dabei weniger auf den Verzehr von Seefisch zurückzuführen als vielmehr auf den Verzehr von Fleischprodukten, die durch die Anreicherung des Futtersalzes mehr Jod enthalten. Die ausreichende Jodversorgung ist vor allem für Kinder von Bedeutung, da Jod für ihre physische wie psychische Entwicklung gebraucht wird. Immerhin betrifft ein Jodmangel in afrikanischen Ländern bis zu 10 Mio. Kinder und mehr im Schulalter, in europäischen zwischen 3 und 5 Mio. (Andersson et al. 2012).

Jodmangel findet sich vor allem in Ländern, in denen die Böden wenig Jod enthalten. Dies gilt besonders für bergnahe Regionen oder solche mit häufigen Überflutungen. In beiden Fällen ist das Jod durch Wasser ausgewaschen: im ersten durch Gletscher und Eiszeiten, im zweiten durch regel-

Abb. 2.3 Zahl der Kinder im Schulalter, die einen Jodmangel (mild, moderat, schwer, je nach Jodausscheidung im Urin [UIC]) aufweisen. Trotz Vorbeugungsmaßnahmen sind auch in Europa immer noch viele Menschen, ähnlich wie im Mittelmeerraum und Afrika, betroffen (Andersson et al. 2012).

mäßige Überflutungen in Flussmündungen. Pflanzen, die auf diesen Böden wachsen, nehmen wenig Jod auf und können so auch nur wenig Jod in die menschliche Nahrungskette weitergeben. Die Empfehlung für Kinder von mindestens 100 μg/Tag und für Schwangere von mindestens 200–250 μg/Tag ist mit Getreide aus diesen Regionen mit Werten unter 10 μg/kg Boden nur schwer oder kaum zu erreichen.

Eine Besonderheit, die vor allem in Entwicklungsländern die Jodversorgung problematisch macht, sind die sogenannten Goitrogene, also kropfbildende Substanzen; sie können einen Jodmangel und seine Wirkung auf die Schilddrüse verstärken. Viele Gemüsesorten (z. B. Brokkoli, Kraut), sogenannte Kreuzblütler, enthalten Glucosinolate, deren Abbauprodukte mit Jod um die Aufnahme in die Schilddrüse konkurrieren. Das gilt auch für Stoffwechselprodukte von Cassava, Bohnen, Hirse und Süßkartoffeln. Werden diese Lebensmittel nicht ausreichend gut gekocht, werden die goitrogenen Substanzen nicht zerstört und können so die Kropfbildung fördern. Außerdem werden wegen der unzureichenden Schilddrüsenhormonsynthese alle damit verbundenen Folgen einer schlechten Jodversorgung verstärkt (Zimmermann 2009).

Eine schlechte Eisen- und Vitamin-A-Versorgung verstärkt zusätzlich die klinischen Folgen des Jodmangels. Die Eisenmangelanämie reduziert die Hormonbildung in der Schilddrüse, der Vitamin-A-Mangel wirkt goitrogen (Zimmermann 2009).

Die sichtbare Folge des Jodmangels ist der Kropf. Er entsteht durch ständige Stimulierung der Schilddrüse durch ein im Gehirn gebildetes Wachstumshormon (thyroideastimulierendes Hormon, TSH). Da die Schilddrüse nun auch mehr Jod zurückhält, sinkt die Ausscheidung mit dem Urin, was als Indikator der Jodversorgung verwendet wird. Mit zunehmendem Wachstum der Schilddrüse verliert diese dann die Fähigkeit, ausreichend Schilddrüsenhormon zu bilden.

In der Schwangerschaft steigt der Jodbedarf um 50 %, denn es kommt zu einem starken Anstieg der Bildung des Schilddrüsenhormons (T4), da der Fetus bereits eine Synthese von fetalem Schilddrüsenhormon hat, deshalb Jod braucht und die Jodausscheidung der Mutter erhöht ist.

Dieser erhöhte Bedarf kann bei ausreichend versorgten Müttern aus den Speichern der Schilddrüse gedeckt werden. Andernfalls drohen dem Fetus mehr oder weniger schwere Entwicklungsschäden. Die Schilddrüsenhormone werden in der fetalen Entwicklung für die Bildung von Nervengewebe und Nerv-zu-Nerv-Verbindungen (Synapsen) gebraucht. Ist die Versorgung mit dem jodabhängigen Schilddrüsenhormon unzureichend, so ist auch die Plastizität des Gehirns, seine Anpassungsfähigkeit auf unterschiedliche Reize in der nachgeburtlichen Zeit, gestört. Die Kinder können sich nicht adäquat entwickeln, selbst wenn sie ausreichend ernährt werden. Die weiteren Folgen eines Jodmangels der Mutter reichen von spontanen Aborten über Totgeburten bis hin zu mehr oder weniger stark ausgeprägten neurologischen Entwicklungsstörungen oder Missbildungen, auch als „Kretinismus“ bekannt. Oft findet sich eine angeborene Taubheit. Überleben die Kinder, so sind sie meist mehr oder weniger stark geistig behindert bzw. in ihrer kognitiven und physischen Entwicklung eingeschränkt.

 
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