Gefangen im Hungerkarussell – der Hunger wird vererbt!

Ich lade meine Leser zu einer Karussellfahrt ein, auf einem ganz besonderen Karussell, dem Hungerkarussell. Der Boden ist die Armut, die Drehscheibe der Mangel an Nahrung, Gesundheitsfürsorge und Hygiene; die Energie, die dieses Karussell antreibt, hat viele Quellen: Das sind unter anderem der weltweite Handel mit seinen Marktbeschränkungen für arme Länder, unser Anspruch auf Billigwaren, Biotreibstoffe, Preisspekulationen, fehlende Bildung und schlechte Gesundheitsversorgung – all dies in Verbindung mit Armut, dem eigentlichen Motor. Das Karussell dreht sich unaufhörlich und hinterlässt eine tödliche Spur – von gestorbenen Müttern, Neugeborenen und Kindern; und die, die auf dem Karussell bleiben, sind oft von Geburt an ihr ganzes Leben geschädigt.

Bevor wir (freiwillig, vorübergehend und am Kassierer vorbei) Platz nehmen, gilt es zu erklären, was das Karussell aus denen macht, die sich unfreiwillig darin befinden.

Auf dem Hungerkarussell (Abb. 4.1) sind diejenigen, die erst wahrgenommen werden, wenn sie verhungern, wenn also wieder einmal eine Hungerkatastrophe, deren Kommen schon lange vorher angekündigt wird, zum vorübergehenden Medienspektakel geworden ist. Ist die internationale Hilfe angekommen, wird das Ende der Katastrophe verkündet. Das Problem scheint gelöst. Das Karussell aber dreht sich weiter und ist nach wie vor gut besetzt.

Die wesentlichen agierenden Personen im Hungerkreislauf sind Frauen und Kinder unter fünf Jahren. Tag für Tag werden weltweit 220 000 Kinder geboren, 10 % werden das fünfte Lebensjahr nicht erleben. Bereits mit der Geburt blicken sie in eine trostlose Zukunft.

Der Hungerkreislauf ist ein Karussell, ganz ohne Musik und ohne die Möglichkeit zum Abspringen. Wer einmal in ihm Platz genommen hat, schweigt und hungert. Er bleibt dort und gibt den Hunger weiter über Generationen. In den meisten Fällen sind es Frauen, die ihre von Zeit zu Zeit jammernden Kinder, ganz wie auf dem richtigen Karussell, auf dem Schoß halten und in die Ferne schauen – sehr wohl wissend, dass sie diesen Kreislauf nicht werden verlassen können, solange die Armut mit all ihren Ursachen der Motor des

Abb. 4.1 Der Hungerkreislauf – das Hungerkarussell – zeigt die Personen auf dem Karussell und die treibenden Kräfte (modifiziert nach: ACC/SCN 2000).

Karussells ist. Sie sind zu schwach und zu unterdrückt, um lautstark zu protestieren. Wir hören sie nicht und wollen sie auch gar nicht hören. Die Vorstellung, dass alle 20 Minuten 130 Kinder an den Folgen der Mangelernährung sterben, erreicht uns, wenn überhaupt, nur vorübergehend. Andernfalls würden wir für diese Frauen und ihre Kinder das Schreien übernehmen. Der „Wutbürger“ schweigt, weil er satt ist!

Egal, wo man in dieses Karussell einsteigt, man wird immer wieder dort ankommen, wo man eingestiegen ist, um dann eine neue Runde zu drehen. Das Karussell dreht sich immer weiter. Es wird angetrieben von unzureichender Ernährung, mangelnder Gesundheitsversorgung und schlechter Bildung. Dies zusammen ist der Nährboden der chronischen Mangelernährung als wesentlichem äußeren Zeichen derer, die auf dem Karussell sitzen.

Es gibt verschiedene Stationen, die miteinander verbunden sind und unterschiedliche Folgen für die im Karussell Sitzenden haben – Folgen, die jedoch immer wieder durch die chronische Mangelernährung bedingt sind. Hinzu kommt, dass sich das Karussell kontinuierlich dreht. Und gerade darin liegt die besondere Tragik: Es genügt nicht, eine der Stationen zu „behandeln“, die vorangehenden werden die bereits „behandelte Station“ immer wieder mit neuen Karussellfahrern füllen.

Werfen wir einen Blick auf das gesamte Karussell, so wird diese fatale Vernetzung mit all ihren Konsequenzen deutlich: In knapp drei Jahren (bis 2015) sollte das 1990 erklärte MDG 4 erreicht sein. Die Zahl der Kinder, die vor dem sechsten Lebensjahr sterben, sollte um zwei Drittel reduziert sein. Dies entspräche einem jährlichen Rückgang der Sterblichkeit um 4,4 %. 1990 lag die Sterblichkeit weltweit bei 12,2 Mio. Kindern unter fünf Jahren, heute liegt sie bei 7,7 Mio. Dies entspricht lediglich einem jährlichen Rückgang von knapp 2 % und nicht, wie gewünscht, 4,4 % pro Jahr. Die derzeitige Entwicklung (Globalisierungsfolgen, Preise, Klima, Handelsbeschränkungen, Armut etc.) lässt kaum erwarten, dass die Verringerung der Kindersterblichkeit zügig voranschreitet. In einer Analyse aus dem Jahr 2010 schreiben Rajaratnam und Kollegen (2010) verhalten optimistisch, dass die Sterblichkeit von Kindern unter fünf in keinem Land mehr über 200/1000 liegt (d. h., jedes fünfte Kind starb in manchen Ländern), während diese hohe Sterblichkeit 1990 noch in zwölf afrikanischen Ländern der Fall war. Wie relativ solche Zahlen sind, zeigen die Entwicklungen in Krisengebieten wie Somalia, wo die Zahl von 150/1000 in kurzer Zeit wieder auf über 250/1000 anstieg.

Die Zahl der jährlichen Todesopfer (Mütter, Neugeborene, Kinder unter fünf) liegt in Subsahara-Afrika bei 4,7 Mio. 265 000 Mütter sterben unter der Geburt (je nach Land zwischen 300 bis 1200/100 000), 208 000 Neugeborene im ersten Lebensmonat und 3 192 000 Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahres (70–180/1000). Hinzu kommen noch 880 000 tot geborene Kinder, die allerdings kaum wahrgenommen werden.

Erst im Vergleich zur Müttersterblichkeit in Europa, die zwischen 3 und 10/100 000 liegt und der Sterblichkeit der Kinder unter fünf Jahren, zwischen 2 und 6/1000, wird die Dimension deutlich. Die Wahrscheinlichkeit einer Mutter aus Subsahara-Afrika, die Geburt ihres Kindes nicht zu überleben, ist bis zu 120-mal größer als die einer europäischen Mutter, und daran hat sich seit fast 20 Jahren nicht wirklich viel verändert. Anders ausgedrückt: Das Risiko einer Mutter in Europa, unter der Geburt zu versterben, liegt bei 1/2800, in Afrika bei 1/20 (!) (Abou-Zahr 2003).

• Jahr für Jahr gebären 60 Mio. Frauen ihre Kinder zu Hause ohne jede fachliche Hilfe. Das sind etwas mehr als ein Drittel aller Geburten.

• Jedes Jahr sterben zwischen 400 000 und 600 000 Frauen (je nach Quelle) während der Geburt, etwa 10 % zusätzlich infolge unsachgemäß ausgeführter Abtreibungen.

• Jahr für Jahr sterben 4 Mio. Neugeborene innerhalb der ersten 28 Lebenstage.

• 3 Mio. werden tot geboren.

• 10 Mio. Kinder sterben vor Erreichen des fünften Lebensjahres.

• Jede Minute sterben 20 Kinder unter fünf Jahren, sieben Neugeborene und eine Mutter.

Mehr als die Hälfte der Todesfälle könnten durch eine auch nur halbwegs ausreichende Ernährung der Mütter und Kinder vermieden werden.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >