Woran sterben die Mütter?

Mit 14 Jahren wurde Ruande Kumirai verheiratet. Schnell wurde sie schwanger und erwartet nun mit 15 ihr erstes Kind. Die Geburtshelferin des kleinen Dorfes, die auch schon ihrer Schwester geholfen hat, kommt, als die Wehen einsetzen. Sie hat Räuchermaterial und ein aus Tierleder gefertigtes Instrument dabei. Es soll dazu dienen, die Geburtswege zu weiten und den Geburtsvorgang zu beschleunigen. Ruande hat nun seit zwölf Stunden Wehen, sie wimmert, sie weint, und sie weiß, dass dies bei anderen Frauen, die singend vor der Hütte stehen, genauso war. Die 20. Stunde mit Wehen und Kämpfen hat begonnen. Ruandes Mann ist inzwischen auch angekommen. Er kann nicht helfen, versucht jedoch, die Dorfältesten zu bewegen, Ruande in das etwa zwei Stunden entfernte Health Center zu bringen. Nach weiteren zwei Stunden kann er sie endlich auf den Wagen legen, mit dem er sonst den wenigen Mist auf die Felder fährt, spannt ihn an das alte Fahrrad und bringt Ruande, die immer noch jammert, in der Abenddämmerung zum Health Center. Dort, in der Dunkelheit angekommen, wird er getröstet, dass am nächsten Morgen der freundliche Arzt aus dem Norden kommen und dann alles gut gehen wird.

Das nächste größere Krankenhaus, das einen Kaiserschnitt vornehmen könnte, ist eine Tagesreise entfernt, Geld für einen Autotransport fehlt, und überhaupt, so die Pflegerin, ist es nichts Ungewöhnliches, wenn die Wehen länger dauern. Am nächsten Morgen ist das Kind tot, die Mutter hat viel Blut verloren und fiebert. Die unweigerliche Sepsis entwickelt sich, und die Mutter kann nur gerettet werden, indem der Entzündungsherd, die eiternde Gebärmutter, entfernt wird. Tage später geht Ruande mit ihrem Mann nach Hause in eine trostlose Zukunft.

Ruande hat überlebt – im Gegensatz zu vielen Frauen in ähnlicher Situation, die an einer Sepsis (Blutvergiftung) sterben. Die Todesursachen sind im Wesentlichen Folgen von Blutungen (28 %) durch fehlende Möglichkeiten zur Blutstillung, nachgeburtliche Sepsis (15 %) durch mangelnde Hygiene, schwerer unbehandelter Bluthochdruck während der Schwangerschaft (14 %), unsichere/unsaubere Abtreibung (13 %) sowie Folgen einer verzögerten oder „unmöglichen“ Geburt. Über die Hälfte der Todesfälle ereignet sich innerhalb der ersten 24 Stunden nach Einsetzen des Geburtsvorgangs. Und oft ist die Mangelernährung ein entscheidender (Anämie der Mutter und Blutungen) oder begünstigender Faktor (durch Vitamindefizite ausgelöste Schwächung des Immunsystems).

Gründe für die hohe Müttersterblichkeit sind Armut, chronische Mangelernährung mit dadurch bedingter schlechter Gesundheit, erhöhte Belastung durch Doppelfunktion: Mutter und Arbeitsbelastung. Letztlich ergibt sich hier ein neues Karussell: Armut – Mangelernährung – eingeschränkte Gesundheit und Belastbarkeit – geringere Produktivität und Bildung – Armut.

 
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