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Die Armut ist weiblich

Gemäß der Weltbankdefinition bedeutet absolute Armut, weniger als 2 USDollar/Tag zur Verfügung zu haben, und extreme Armut, weniger als 1 USDollar/Tag ausgeben zu können. Davon kann weder eine ausreichende Ernährung noch eine medizinische Versorgung, die in den meisten Fällen nicht kostenfrei ist, bezahlt werden. Eine Milliarde Menschen verdienen weniger als 1 US-Dollar/Tag und 2,5–3 Mrd. weniger als 2 US-Dollar.

Armut ist ein grundsätzliches Problem von Frauen, vor allem in Entwicklungsländern – aber eben nicht nur dort, wie z. B. die Entwicklung in Deutschland zeigt: Von Armut sind vor allem alleinerziehende Mütter betroffen. Armut ist weiblich, titelt Elena Bütow (2010) und führt verschiedene Gründe an:

• eine schlechte ökonomische Ausgangssituation,

• Probleme bei der Vereinbarkeit von Kindern und Erwerbstätigkeit,

• Überlastungen durch hohe alleinige Verantwortung,

• wenig Freizeit und damit auch wenig Zeit für die Kinder

Und es verwundert auch nicht, dass der Gesundheitszustand (bezogen auf das Auftreten von 44 verschiedenen Erkrankungen) alleinerziehender Frauen im Vergleich zu verheirateten, so nachzulesen in der Gesundheitsberichterstat-

Tab. 4.2 Weltweite Verteilung der Armut (aus World Hunger and Poverty Facts 2011; worldhunger.org).

tung des Bundes aus dem Jahr 2003 (Helfferich 2003), signifikant schlechter ist.

All das hat wiederum einen negativen Einfluss auf die Produktivität und stellt somit auch einen strukturellen Teil der Persistenz der Armut dar. Die Konsequenzen der Armut sind vielfältig. Arme haben kaum Möglichkeiten, einen Lebensstandard zu entwickeln, der hygienische Bedingungen sichert, Teilnahme am sozialen Leben ermöglicht oder gar Gesundheitsvorsorge oder irgendwelche medizinische Betreuung vorsieht. An Bildung, Gesundheitsvorsorge oder Schule bzw. andere Angebote ist überhaupt nicht zu denken. Der Hunger diktiert die Ausgaben.

Wir Deutschen und Europäer sind reich und können uns einen privilegierten Lebensstil leisten. Was Armut wirklich heißt, wissen wir nicht. Was es bedeutet, weniger als 1,25 oder gar einen Dollar pro Tag zur Verfügung zu haben, können wir kaum nachempfinden. Dass dies nicht auf wenige beschränkt ist, ergibt die Erfassung der Verteilung der Armen weltweit (Tab. 4.2).

Armut hat wenig zu tun mit den fröhlichen, Maniok stampfenden Frauen in bunten afrikanischen Gewändern, die uns die Medien gelegentlich präsentieren. Aber Armut hat sehr viel zu tun mit depressiver Perspektivlosigkeit, mit Leben am Rande der Gesellschaft, die ebenfalls arm ist, aber in der manche vielleicht noch über ein kleines Stück Land und die Möglichkeit zur Selbstversorgung verfügen. Ein Indikator, an dem sich Armut messen lässt, ist das Hausdach – es ist aus Plastikplanen, Pappe, Blättern oder Metall. Je stabi-

Tab. 4.3 Müttersterblichkeit und Einkommen (nach Shiffman 2007).

ler das Dach, desto besser das Einkommen der Familie. Armut heißt für viele Familien, keine Hütte oder wenigstens ein stabiles Dach über dem Kopf zu haben. Armut heißt, Tag für Tag zu bangen, ob man etwas zu essen bekommt. Armut heißt, Stunden laufen zu müssen, um für die Kinder die Lebensmittelhilfe zu holen. Armut heißt, auf alles verzichten zu müssen, was für uns als Minimalausstattung selbstverständlich ist: eine Toilette, sauberes Wasser, ein Bett, Geschirr, Schutz vor Ungeziefer. Und Armut heißt, mit ansehen zu müssen, wie die Kinder krank werden und, wenn sie nicht sterben, weiter hungern. Es ist ein Leben im Nichts, mit fast nichts zum Überleben.

Wenn nun auch noch die Mutter bei der Geburt eines Kindes stirbt, bedeutet das in den meisten Fällen Absturz in die absolute Armut in jeder Hinsicht für den Rest der Familie.

Untersuchungen zur Müttersterblichkeit in Subsahara-Afrika haben ergeben, dass das Bruttosozialprodukt eines Landes, die mittlere Lebenserwartung, die Ausgaben für Gesundheit sowie die Häufigkeit der Geburten unter fachlicher Betreuung in direkter Beziehung zur Müttersterblichkeit stehen. Alle diese Faktoren stehen aber auch in direktem Zusammenhang zum individuellen Einkommen und damit auch zur Möglichkeit, mit diesem Einkommen eine ausreichende Versorgung und Ernährung zu sichern.

Müttersterblichkeit ist ebenso eine Frage der (oft mit Kosten verbundenen) Betreuung während der Geburt wie des Einkommens innerhalb eines Landes (Tab. 4.3). Während die Betreuung der Geburt sicherlich eine ganze Reihe von Todesfällen verhindern kann, ist die Armut wesentliche Grundlage für Geburtskomplikationen, die dann letztlich nicht nur zum Tod der Mutter, sondern auch des Kindes führen. „Akut“ kann das kaum verhindert werden, da meist die notwendige Infrastruktur fehlt. Dafür aber ist eine medizinische Versorgung der Schwangeren Voraussetzung, die auch nur annähernd unserem Standard entspricht. Diese medizinische Versorgung ist nicht immer in der Nähe oder aber sie muss bezahlt werden. Transport und Kosten der Versorgung sind aber wiederum bei der armen Bevölkerung oft nicht möglich.

Die besonders hohe Müttersterblichkeit in Nigeria hat ihre Ursache in der Armut, trotz wirtschaftlicher Entwicklung. Das BSP (Bruttosozialprodukt) hat seit 2001 kontinuierlich zugenommen, seit 2008 ist eine moderate Militärregierung an der Macht, die Reformen einleitet. Dennoch liegt die Zahl der in absoluter Armut lebenden Menschen mit 71 % < 1 US-Dollar/Tag und 92 % < 2 US-Dollar/Tag extrem hoch. Damit gehört Nigeria zu den fünf ärmsten Ländern weltweit. Die Lebenserwartung liegt mit 44 Jahren am unteren Ende der Skala und die Müttersterblichkeit mit 700–1500/100 000 an der Spitze.

Eine Umfrage in Nigeria ergab (National Population Commission Nigeria 2003; 2008), und das ist exemplarisch, nicht nur für den afrikanischen Kontinent: 30 % der Frauen hatten kein Geld für eine Geburtsbegleitung, 24 % war es nicht möglich, eine entsprechend eingerichtete Station zu erreichen, 14 % wussten nicht, an wen sie sich wenden könnten, und 10 % gaben an, dass man ihnen den Zutritt zu einem Krankenhaus verwehrt hätte. 66 % der Geburten finden immer noch zu Hause statt, und nur 23 % der Frauen werden innerhalb von zwei Tagen nach der Geburt durch eine fachlich kompetente Pflegekraft betreut. Dazu kommt die schlechte Ausstattung der Kliniken und Geburtsstationen. Nigeria liegt in Bezug auf die Qualität seines Gesundheitssystems auf Rang 187 von 191 erfassten Systemen. Generell kann aber gelten: Mütter sterben, weil sie arm sind.

Dass der Zusammenhang zwischen Einkommen und Sterblichkeit auch in hochentwickelten Ländern Gültigkeit hat, zeigen entsprechende Daten aus den USA: Die Zahl der Armen, besonders Frauen und in extremer Armut lebende Menschen, hat in den USA in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Jede siebte Frau lebt in Armut und jede 15. in extremer Armut (National Womens Law Center 2011). Die Zahl der verstorbenen Frauen/100 000 Lebendgeburten hat sich zwischen 1990 und 2008 von 12 auf 24/100 000 Lebendgeburten verdoppelt. Dagegen ist die Sterblichkeit weltweit um 34 % zurückgegangen. Das bedeutet eine Zunahme von 3,7 %/Jahr und damit eine der stärksten Zunahmen weltweit (WHO 1990–2008). In den Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Bildungsstand und geringem Einkommen liegt die MMR bei 28,4/100 000 Lebendgeburten, in den besser verdienenden bei 10,5 bzw. 8,9/100 000 Lebendgeburten (National Center of Health Statistics 2009). Wesentliche Ursache sind hier die fehlenden finanziellen Mittel, um eine Betreuung vor der Geburt zu ermöglichen. Damit aber steigt das Risiko für Zwischenfälle während der Geburt um das Dreibis Vierfache (Bingham et al. 2011). Der Kampf gegen die Armut muss auch in Industrienationen höchste Priorität haben, da sich in diesen Ländern ebenfalls ein Hungerkarussell dreht, das noch weniger wahrgenommen wird, da es hinter all dem Überfluss verschwindet und damit auch schwer vorstellbar und politisch nicht akzeptiert wird.

„Eine Auswertung des sozio-ökonomischen Panels (Befragung von 12 000 Haushalten) zeigt, dass auch in Deutschland ein positiver Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der Lebenserwartung von Männern und Frauen in der zweiten Lebenshälfte besteht. Männer und Frauen im untersten Viertel der Einkommensverteilung haben eine um etwa sechs bzw. vier Jahre kürzere Lebenserwartung als Menschen im obersten Einkommensquartil. Dieser Einfluss bleibt auch bei Berücksichtigung zusätzlicher Bestimmungsfaktoren der Mortalität bestehen.“ (Reil-Held 2000)

In Deutschland leben 17 % der Männer und 21 % der Frauen unter der Armutsgrenze, d. h., ihr Einkommen liegt unter 940 €/Monat (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit 2005). Inwieweit diese Menschen und vor allem ihre Kinder ausreichend ernährt werden können, ist nicht untersucht und soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. Allerdings, so die Analyse des Dortmunder Institutes für Kinderernährung, reicht der Hartz-IV-Satz für die Ernährung von Kindern nicht aus, um eine gesunde Ernährung zu finanzieren. Gleiches gilt für die Armen in entwickelten Ländern. Eine „gesunde“ Ernährung kostet mehr als eine, der dann verschiedene Mikronährstoffe (Vitamin C, Provitamin A, Vitamin D, Folsäure u. a.) fehlen, so eine amerikanische Studie (Aggarwal et al. 2012) sowie eine Studie aus Frankreich (Maillot et al. 2007). Lebensmittel höherer Qualität, so die Autoren, kosten nicht nur mehr, weil sie energieärmer sind, sondern auch weil sie mehr Mikronährstoffe enthalten. Da bleibt den Armen keine Wahl: sie müssen zum preisgünstigeren energiereichen und mikronährstoffärmeren Lebensmittel greifen, wenn sie satt werden wollen.

Die Verbindung von Armut, Mangelernährung und Krankheiten besteht in jedem Land – je nach Einkommen und Zugang zu Lebensmitteln mit deutlichen Unterschieden. Während die Mutter und folglich das Kind in Entwicklungsländern keine andere Wahl haben, als die billigsten Lebensmittel (Getreide) zu kaufen, um satt zu werden, sollte dies in Ländern wie Deutschland anders aussehen. Doch auch hier müssen Arme zu billigen Lebensmitteln greifen, die allerdings im Gegensatz zu Afrika und Asien nicht Getreide heißen, sondern billiges und daher fettes Fleisch oder Wurst. Was der eine zu wenig an Kalorien hat, hat der andere zu viel – eine Erklärung für die besonders starke Häufigkeit des Übergewichts bei armen Familien. Gemeinsam haben beide Ernährungsformen die geringe Dichte an essenziellen Mikronährstoffen. Die Konsequenz ist sichtbar: Kinder aus armen Familien in Deutschland sind doppelt so häufig übergewichtig und drei mal so häufig stark übergewichtig wie Kinder aus Familien mit hohem Einkommen (Kleiser et al. 2009). Dies heißt auch, dass der Schein trügt: Die Kinder aus Familien mit geringem Einkommen sind zwar übergewichtig, sie können jedoch gleichzeitig auch mehr oder weniger stark mangelernährt sein.

Untersuchungen an 622 übergewichtigen Schwangeren aus dem ländlichen Raum um New York über einen Zeitraum von zwei Jahren nach der Schwangerschaft zeigen, dass eine unzureichende Lebensmittelsicherheit (geringe Diversität, geringe Mikronährstoffdichte) oft mit Übergewicht assoziiert war und das wesentliche Risiko für eine weitere Gewichtszunahme darstellte (Olson & Strawderman 2008).

Begründet durch die (verständliche) Aussage, dass es in den entwickelten Ländern genug Lebensmittel gibt, sodass sich jeder gesund ernähren kann, wird hier weit mehr als in den Entwicklungsländern übersehen, dass dies oft auch hier eine Frage des verfügbaren Einkommens ist. Inwieweit dies Konsequenzen für die Mikronährstoffversorgung der Betroffenen hat und inwieweit ein Hidden Hunger in entwickelten Ländern existiert, in welchem Ausmaß und welche Folgen er für die Gesundheit der Betroffenen hat, ist in den meisten entwickelten Ländern, Ausnahme USA, nicht oder nur gering untersucht.

 
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