Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Lebensmittelwissenschaft & Ernährung arrow Der verborgene Hunger
< Zurück   INHALT   Weiter >

Chronische Mangelernährung und Schwangerschaft

Chronische Mangelernährung bedeutet Fehlen von essenziellen Stoffen, die für eine gute Gesundheit und Abwehrkraft Voraussetzung sind. Besonders häufig sind hier wieder die Kandidaten des verborgenen Hungers – Vitamin A, Eisen, Zink – betroffen. Mangelernährung ist Folge der Armut und neben den schlechten hygienischen Bedingungen und der fehlenden Betreuung bei der Geburt eine wesentliche Ursache für die hohe Müttersterblichkeit in Entwicklungsländern.

Häufig kommt es zu einer verzögerten Geburt, die in direktem Zusammenhang mit der Körpergröße der Mutter, aber auch mit der Größe des Kindes steht. Je nach Entwicklungsland ergeben sich unterschiedliche Häufigkeiten. So wird nach kürzlichen Schätzungen der WHO die verzögerte oder unmögliche Geburt für 22 % der Todesfälle von Müttern und Neugeborenen verantwortlich gemacht. Neben einer durch Mangelernährung in der Kindheit ausgelösten Entwicklungsverzögerung (Missverhältnis von Beckendurchmesser der Mutter zum Kopfumfang des Kindes) sind es vor allem bereits seit Längerem bestehende Vernarbungen und Fisteln durch Beschneidungen oder unbehandelte Verletzungen durch vorangegangene Geburten, die zu entzündlichen Veränderungen der Geburtswege führen (Drucknekrosen) und eine Geburt erschweren oder unmöglich machen (Dolea 2003).

War die meist noch sehr junge Mutter in der frühen Kindheit mangelernährt, so ist sie folglich körperlich klein und zierlich. Hinzu kommt, dass eine frühe Schwangerschaft die körperliche Entwicklung der Mutter weiter beeinträchtigt. Die Mangelernährung der Mutter in ihren ersten beiden Lebensjahren, auch als 1000-Tage-Fenster bezeichnet, macht sich jetzt auf vielerlei Weise als lebensgefährliche Hypothek bemerkbar. Eine geringe mütterliche Körpergröße ist eine wesentliche „Determinante“ der intrauterinen Wachstumsstörung und eines niedrigen Geburtsgewichts bei armen Frauen. Geringes Geburtsgewicht und intrauterine Wachstumsverzögerung sind mit höherer Mortalität für Mutter und Kind verbunden.

Frauen mit einer Körpergröße zwischen 145 und 157 cm benötigen im Vergleich zu Frauen, die größer als 157 cm sind, so Metaanalysen aus 20 Studien von 25 Ländern, viel häufiger eine assistierte Geburt (WHO 1995). Kommt eine unzureichende Ernährung, besonders von Mikronährstoffen während der Schwangerschaft, hinzu, so hat dies fatale Folgen für Mutter und Kind. Der während der Schwangerschaft bei einzelnen Mikronährstoffen erhöhte Bedarf für die Entwicklung des Kindes wird nicht gedeckt, und die Speicher der Mutter werden entleert. Dies schwächt sowohl die Mutter als auch das Kind.

Eine afrikanische Mutter aus sogenannten bildungsfernen Schichten wird kaum wissen, was Vitamine sind, und schon gar nicht, dass sie diese in der Schwangerschaft dringend benötigt. Und selbst wenn sie es wüsste, würde ihr das nicht viel helfen, denn sie kann das Geld nicht aufbringen, um vitaminreiche Lebensmittel zu kaufen.

Ein Vitamindefizit kommt selten allein. Grundsätzlich ist, nach derzeitigem Wissen, eine vorübergehende Unterversorgung kein wirkliches Problem, sofern diese nur wenige Tage besteht. Ist die Ernährung aber insgesamt nicht bedarfsdeckend, vor allem in der Schwangerschaft, so können sich daraus Risiken für die Entwicklung des Kindes und für die Mutter ergeben. Eine Unterschreitung der Empfehlungen für mehrere Mikronährstoffe ist ein deutliches Zeichen für eine unausgewogene oder Mangelernährung.

Die Auswertung von 1560 Studien (Abb. 4.4 a/b) ergab für Regionen, in denen die Nahrung ungenügend Mikronährstoffe enthielt, dass für die meisten erfassten Mikronährstoffe die Empfehlungen (Recommended Nutrient Intake, RNI) – besonders bei Schwangeren – mehr oder weniger weit unterschritten wurden (Torheim et al. 2010). Ein Wert von 100 % der RNI sollte ausreichen, um den Bedarf von 98 % aller gesunden Personen einer definierten Bevölkerungsgruppe an diesem Mikronährstoff zu decken. Bei vielen Vi-

Abb. 4.4 Metaanalyse der Mikronährstoffversorgung in Prozent der Empfehlung für schwangere (4.4a) und nicht schwangere, nicht stillende Frauen (4.4b) (Torheim 2010). Die Punkte stehen jeweils für eine Studie mit dem entsprechenden Ergebnis für die Vitamin-Versorgung unter den Empfehlungen (< 100% RNI) oder darüber (> 100% RNI).

taminen ist noch nicht einmal die Empfehlung für gesunde Nichtschwangere erreicht. Vielmehr unterschreitet die Zufuhr die 50-%-Marke der Empfehlungen. Schwangere brauchen aber von vielen Mikronährstoffen mehr, andernfalls gehen ihre Reserven in der Schwangerschaft verloren, besonders bei Mehrlingsgeburten und kurzen Abständen zwischen den Schwangerschaften. Abb. 4.4a zeigt auch, dass bei Weitem nicht nur ein oder zwei Mikronährstoffe in der täglichen Kost unzureichend enthalten sind – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Ernährung unausgewogen ist. Berücksichtigt man, dass in der Schwangerschaft für viele Vitamine 30 bis 50 % mehr empfohlen werden, dies gilt ganz besonders für kurze Geburtenabstände, wie sie in Entwicklungsländern häufig sind, so wird deutlich, dass selbst da, wo die 100-%Empfehlungen überschritten wurden, dies bestenfalls ausreichend, keinesfalls zu viel ist. Es fehlen essenzielle Mikronährstoffe, die für die Entwicklung des Kindes von Bedeutung sind. Die Konsequenzen einer solchen Mangelernährung sind vielfältig: eine vorzeitige Geburt, ein für den Geburtszeitpunkt zu niedriges Geburtsgewicht und eine schwer zu behebende Mangelernährung des Kindes, da auch der Muttermilch die Mikronährstoffe fehlen, die das Kind dringend benötigen würde. Bei den meisten Vitaminen weiß die Wissenschaft nicht, welche Folgen eine Unterversorgung in der Schwangerschaft hat. Für die „Kandidaten“ des Hidden Hunger ist dies dagegen gut untersucht.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften