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Vitamin-A-Mangel und Schwangerschaft

Ein beginnender Vitamin-A-Mangel kann mit biochemischen Markern kaum erfasst werden. Allerdings ist das Immunsystem bereits vor dem Nachweis klinischer Zeichen eines Mangels geschwächt, und das Risiko für Infektionen aller Art sowie Darmparasiten ist deutlich erhöht. Schmutziges Wasser, fehlende Hygiene und wiederum Armut sind die Garanten, dass bereits ein marginaler Vitamin-A-Mangel gerade bei Schwangeren verheerende Auswirkungen haben kann. Tritt Nachtblindheit auf, ist der Mangel bereits weit fortgeschritten. Etwa 20 Mio. Schwangere leiden an einem ausgeprägten Vitamin-A-Mangel, bei einem Drittel liegt bereits eine (oft unerkannte) Nachtblindheit vor (West 2002). Unerkannt bleibt die Nachtblindheit als Zeichen eines fortgeschrittenen Vitamin-A-Mangels, da sie nicht als Krankheit empfunden wird. Allein die Supplementierung von Vitamin A und Provitamin A (Beta-Karotin) konnte die Sterblichkeit (20 119 Frauen mit 22 189 Geburten) um 40 % von ursprünglich 645/100 000 auf 385/100 000 senken (West et al. 1999).

Eine ähnliche Studie (Christian et al. 2000) an Schwangeren (10 422) aus Nepal mit Nachtblindheit zeigte, dass das Mortalitätsrisiko fast dreifach höher ist (3601/100 000 Schwangerschaften) als bei Frauen ohne Nachtblindheit (950/100 000 Schwangerschaften). Bei Frauen mit Nachtblindheit, die keine Vitamin-A-/Provitamin-A-Substituierung erhielten, lag die Mortalität bei 1163/100 000 Schwangerschaften gegenüber substituierten Frauen ohne Nachtblindheit (631/100 000 Schwangerschaften). Frauen mit Nachtblindheit hatten zudem ein fünffach höheres Risiko, an Infekten zu versterben als nicht nachtblinde Frauen.

Der Erfolg der Intervention bei Frauen mit Nachtblindheit zeigt exemplarisch, dass bei schwerem Mangel nicht nur die Müttersterblichkeit gesteigert ist, sondern dass dann auch eine Substituierung als akute Intervention hilfreich ist. Das muss berücksichtigt werden, wenn andere Studien, die Frauen ohne nachgewiesenen Vitamin-A-Mangel untersuchen, zu abweichenden Ergebnissen kommen. Allerdings berechtigt dies nicht dazu, die Supplementierung bei Frauen ohne Nachtblindheit grundsätzlich infrage zu stellen. Das Infektionsrisiko ist schon lange vor dem Auftreten der Nachtblindheit gesteigert und gefährdet Mutter und Kind.

Die Notwendigkeit einer Vitamin-A-Substituierung in der Schwangerschaft kann nur als Notlösung und Akutintervention akzeptiert werden. Denn Nachtblindheit ist ja nicht nur Folge des Vitamin-A-Mangels, sondern klinischer Marker für eine Mangelernährung. Der Verzicht auf Substituierung setzt voraus, dass eine adäquate Ernährung verfügbar ist, die dann auch alle anderen Mikronährstoffe enthält.

 
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