Station 4: Leben und Sterben mit chronischer Mangelernährung bis zum fünften Lebensjahr

Am Ende des 1000-Tage-Fensters entscheidet sich für viele Kinder, wie und vor allem auch ob es in ihrem Leben weitergeht. Wie die Zukunft aussieht, wurde in dieser Zeit festgelegt.

Emily Rapp schreibt in einem kurzen anrührenden Essay über die Begleitung ihres Kindes, das aufgrund einer Erbkrankheit das fünfte Lebensjahr kaum erleben wird:

„Sie weiß, dass ihr Kind kaum älter als drei Jahre alt werden wird, sie weiß es mit Sicherheit. Die afrikanische Mutter, nennen wir sie Joana, die ihr hungerndes Kind ebenso liebevoll im Arm hält wie Emily Rapp das ihre, ahnt, dass ihr Kind nicht lange leben wird, und würde für dieses Kind ebenso durchs Feuer gehen, wie es Emily Rapp beschreibt. Während Emily ihrem Kind das Leben, soweit es irgend geht, lebenswert und erlebbar machen will, bleibt Joana nichts anderes übrig, als jeden Versuch zu unternehmen, dem Kind ein Überleben am Rande der Existenz zu verschaffen. Zwischen Durchfällen, fieberhaften Infekten und immer wieder Hunger entwickelt sich dieses kleine Leben. Während Emily weiß, dass sie keinen Handlungsspielraum hat, sie ist, wie sie sagt, ‚frei von Erwartungen', hofft Joana, dass sich ihre Erwartungen erfüllen könnten, und weiß doch aus eigenen Erfahrungen und dem Erleben um sie herum, dass dies nur Hoffnungen sind. Emily beschreibt am Ende die Erfahrungen mit ihrem Kind: ‚Ein Vater oder eine Mutter zu sein, bedeutet, sein Kind heute zu lieben. In diesem Moment. Für alle Eltern, egal wo, geht es tatsächlich nur darum.'“ (Die Zeit, 08.12.2011)

Unser Karussell dreht sich noch. Wir sehen den Kindern zu, die ihre ersten sechs Monate überlebt haben und jetzt auf eine Zukunft hoffen dürfen oder besser sollten, auf ein fröhliches, unbeschwertes Leben. Sie müssen vor allem auf Wachstum hoffen, auf Entwicklung und Gesundheit. Alles hängt davon ab, ob sie etwas zu essen haben und wie dieses Essen aussieht.

12 % aller Kinder unter fünf Jahren weltweit sind mangelernährt mit der Konsequenz einer eingeschränkten geistigen und körperlichen Entwicklung und erhöhter Sterblichkeit. Mangelernährung, so die Schätzungen der WHO, ist für mehr als die Hälfte aller Todesfälle im Kindesalter (unter fünf Jahren) in Entwicklungsländern verantwortlich.

Bis zum Jahr 2025, so die Angaben der Organisation Save the Children (2012), soll in Afrika die Zahl der Kinder mit Stunting noch um 11,7 Mio. zunehmen. Hält der derzeitige Trend an, so der Bericht weiter, werden in den nächsten 15 Jahren weltweit 450 Mio. Kinder unter Stunting leiden – Kinder, die später dringend als Arbeitskräfte zur Steigerung der Produktivität und zur Minderung der Armut gebraucht würden, dazu aber kaum in der Lage sein werden, wenn nichts Einschneidendes geschieht.

Stellen wir uns vor, unser kleiner Mitfahrer Manuel, inzwischen zwei Jahre alt, kann laufen, lachen und ist wie alle Kinder in diesem Alter neugierig und immer auf den Beinen. Nur diese Beine tragen nicht so, wie sie sollten, oft sitzt er am Wegrand und scheint zu träumen; er muss sich ausruhen, weil die Muskulatur schwach ist. Irgendwann steht Manuel auf, rennt zu Joanna, klammert sich an ihr Bein – Joannas Arme tragen ein drei Monate altes Neugeborenes – und weint. Er weint, weil er hungrig ist, weil der kleine Körper mit den Parasiten im Darm und den Durchfällen nicht fertig wird und ihm die letzte Kraft raubt. Manuel kann nicht über Tod und Sterben nachdenken, weil er dazu zu klein ist, seine Mutter aber weiß um sein Schicksal.

Nach jüngsten Analysen sind im Jahr 2010 8 Mio. Kinder verstorben, bevor sie ihr fünftes Lebensjahr erreicht haben – 5 Mio. an Infektionskrankheiten, die alle vermeidbar gewesen wären, und 3 Mio. Neugeborene (Liu et al. 2012). Im Jahr 2000 waren es noch 10 Mio. gewesen. Der abwärts gerichtete Trend ist unter anderem auf eine Zunahme der Impfungen gegen Malaria, Masern und Tetanus zurückzuführen, weniger auf Ernährungsinterventionen. Mehr als ein Drittel der Kinder sterben an chronischer Mangelernährung und mindestens ein weiteres Drittel an Krankheiten, die in direktem Zusammenhang mit der Mangelernährung stehen. Ein Kind mit leichter Mangelernährung erkrankt im Vergleich zu einem gut ernährten Kind doppelt so häufig an Malaria. Die Sterblichkeit ist bei schwer mangelernährten Kindern im Vergleich zu ausreichend ernährten sogar neunmal so hoch (UNICEF 2007). Diese Kinder sterben nicht etwa infolge einer akuten Hungersnot, sondern nach monatebis jahrelanger Mangelernährung häufig an Lungenentzündungen, die bei ausreichend ernährten Kindern weitaus seltener auftreten. Jedes sterbende Kind ist nur ein Signal für die Millionen, die ebenfalls durch chronischen Hunger versterben werden. Hinzu kommt, dass vor allem afrikanische Staaten in vielen Fällen keine verlässliche Registrierung aufweisen, sodass viele der Kinder nicht erfasst werden und folglich auch Interventionsstrategien ausbleiben.

 
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