< Zurück   INHALT   Weiter >

Masern

Was bedeutet es, wenn einer unserer kleinen Wegbegleiter Masern bekommt? Es bedeutet zunächst, dass er nicht geimpft wurde. Je nach Grad seiner Mangelernährung wird die Masernerkrankung mehr oder weniger akut und schwer auftreten. Die Kinder haben nicht nur den typischen Hautausschlag, sondern bluten aus dem Mund, haben hohes Fieber, verlieren dadurch Flüssigkeit und fallen rasch in eine Bewusstlosigkeit. Das geschwächte Immunsystem begünstigt Masernkomplikationen, wie Lungenentzündung, die oft zum Tod führen. Aber auch Durchfälle treten häufig auf und mindern das Überlebensrisiko. Auffällig ist außerdem, dass sehr plötzlich Zeichen eines schweren VitaminA-Mangels an den Augen auftreten.

Trotz weltweiter Impfprogramme sterben pro Stunde immer noch 18 Kinder (vorwiegend unter fünf Jahren) an Masern, das sind 164 000/Jahr. Bis zum Jahr 2000 waren es noch mehr als doppelt so viele. 95 % der Todesfälle finden sich in den Ländern mit niedrigen Einkommen. Die Impfaktionen der WHO haben nach deren Angaben inzwischen 85 % der Kinder erreicht. Weltweit infizieren sich bis zu 20 Mio. Menschen an Masern, dabei liegt die Sterblichkeit bei Kindern bis zum fünften und bei Jugendlichen ab dem 20. Lebensjahr am höchsten.

Eine wesentliche Ursache der Masernsterblichkeit ist Mangelernährung und hier insbesondere Vitamin-A-Mangel. Durch die gleichzeitige Gabe von Vitamin A und Masernimpfung konnte die Mortalität bis zu 80 % gesenkt werden (WHO 2012). Das bedeutet, dass zwischen dem Jahr 2000 und 2008 12,7 Mio. Maserntodesfälle verhindert wurden. 2010 starben noch 140 000 Kinder an Masern, 95 % davon in Entwicklungsländern. Zwar hat die Impfrate seit 2000 von 74 % weltweit auf 85 % zugenommen, ist jedoch immer noch nicht ausreichend (WHO Fact sheet 286 04/2012). Erklärtes Ziel ist eine weitere Senkung unter 80 000 Todesfälle. Allerdings setzt dies voraus, dass alle 47 Länder eine flächendeckende Impfung von Kindern durchführen; doch insbesondere Länder wie Indien, Nigeria und China beteiligen sich nicht konsequent genug an den Impfaktionen. Außerdem sind die Finanzierungen der Impfaktionen rückläufig. Statt der bisherigen 150 Mio. US-Dollar/Jahr stehen nur noch 50 Mio. zur Verfügung (CDC 2009). Wird die Impfung nicht flächendeckend durchgeführt und gelingt es nicht, auch Indien mit in die Impfmaßnahmen einzubeziehen, so ist mit einem Wiederanstieg der Todesfälle von mehr als 150 000/Jahr auszugehen. Damit wäre im Jahr 2013 die Zahl der Todesfälle aus 2000 fast wieder erreicht (CDC 2009; Wolfson et al. 2009).

Neben einer nicht durchgeführten Impfung gilt eine schlechte Vitamin-AVersorgung als Risikofaktor für eine Masernerkrankung. Die alleinige Gabe von Vitamin A führte bereits zu einer deutlichen Senkung der Masernmortalität zwischen 18 und 76 % (Imdad et al. 2011).

Die Ursache für die scheinbar besondere Wirkung des Vitamin A liegt in der Tatsache begründet, dass Masern nicht nur eine stark Vitamin A verbrauchende Erkrankung ist, sondern die Infektion auch zu einem Verlust des Bindungsproteins über die Nieren führt. Die Konsequenzen sind fatal. Die geringen Speicher werden rasch aufgebraucht, und wenn keine ausreichende Eiweißzufuhr erfolgt, geht auch die Verfügbarkeit des Transportproteins zur Neige. In diesem Fall kommt ein Vitamin-A-Supplement oft zu spät. Man kann hier eine verhängnisvolle Beschleunigung des Vitamin-A-Mangels beobachten: Innerhalb weniger Tage beginnen die vor der Infektion noch fröhlich dreinschauenden Kinderaugen irreversibel einzutrüben, was letztlich zur Erblindung führen kann. Da das Impfprogramm nicht mehr konsequent umgesetzt wird, wird auch die damit einhergehende Vitamin-A-Supplementierung auf der Strecke bleiben.

Die Bedeutung der Impfung neben einer ausreichenden Ernährung zeigt sich exemplarisch an einer Studie, die während der Hungersnot in Äthiopien im Jahr 2000 (10 Mio. Menschen betroffen) durchgeführt wurde (Salama et al. 2001). Exemplarisch wurden 595 Haushalte mit 4032 Personen erfasst. Im Untersuchungszeitraum (12/99–07/2000) verstarben 293 Menschen, davon 159 Kinder unter fünf Jahren. 116 Kinder (73 %) wurden Opfer von Masern, Durchfällen oder Malaria. Dabei entfielen auf Masern, allein bei Kindern unter fünf Jahren, 47 % der Todesfälle. 72 Kinder verstarben in der Altersgruppe 5–14 Jahre, davon 42 (58 %) an Masern, Durchfällen und Malaria, 16,7 % an Masern allein. Die Mehrzahl der Todesfälle (77 %) lag vor Einsetzen der humanitären Hilfe (April 2000). Insgesamt, so die Hochrechnung auf die Zahl aller Bewohner dieses Distrikts (Gode: 330 000), hatte die Hungerkatastrophe im Untersuchungszeitraum zu knapp 20 000 (zusätzlichen bzw. vermeidbaren) Todesfällen geführt, darunter fast 11 000 Kinder unter fünf Jahren. Hochgerechnet auf die anderen fünf Regionen mit 1,5 Mio. Einwohnern wären dies mindestens 98 000 zusätzliche und in vielen Fällen vermeidbare Todesfälle gewesen.

Neben der flächendeckenden Impfung als Voraussetzung zur Vermeidung von Masern zeigt auch die Vitamin-A-Supplementierung (2 × 200 000 IE) in Gebieten mit schlechter Vitamin-A-Versorgung einen bemerkenswerten Effekt im Hinblick auf die Mortalität. In einer Metaanalyse wurde eine bis zu 82%ige Senkung der Masernmortalität nach Gabe von Vitamin A beschrieben (Mayo-Wilson et al. 2011). Es ist aber nicht das Vitamin A allein – die durch den oft begleitenden Zinkmangel ausgelösten Durchfälle tun ihr Übriges –, dass die Überlebenschancen solcher Kinder gering sind.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >