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Preisentwicklung der Grundnahrungsmittel

Preisschwankungen bei Getreide spiegeln sich in den Zahlen toter Kinder und Mütter und auch in den Zahlen entwicklungsgestörter Kinder wieder. Es gibt „vermeidbare“ Ursachen für die Preisschwankungen (gewinnmaximierte Börsengeschäfte, Produktion von Biotreibstoffen und einseitige Handelspoli-

Abb. 5.1 Verlauf der Lebensmittelpreise zwischen Januar 1990 und Januar 2011: Die Preisspitze während der Wirtschaftskrisen 2008 und 2011 ist deutlich zu erkennen (World Bank 2011).

tik oder Subventionen), und entsprechend faire Regulierungen können dazu beitragen, die Preise für die wichtigsten Lebensmittel zu senken und auf niedrigem Niveau zu halten – das braucht allerdings politischen Willen.

Die Preisentwicklung, wie sie durch den FAO Food Price Index (FFPI, 2011) regelmäßig dokumentiert wird, zeigt zwei wesentliche Aspekte: Die Preise für die wichtigsten Grundnahrungsmittel liegen gegenüber dem Jahr 2000 auf doppelt so hohem Niveau, und die Wirtschaftskrisen 2008 und 2011 haben vorübergehend zu einer erheblichen Zunahme der Preise geführt, die sich jedoch nicht mehr auf das Niveau vor der Krise zurückentwickelt haben. Die Getreide- und Lebensmittelpreise sind seit 2005 um 100 % gestiegen (Weltbank 2012).

Wir sind auf dem besten Wege, die Preissteigerungen der Jahre 2006 bis 2008 zu überholen. In Abb. 5.1 ist die Folge der Wirtschaftskrise 2011 noch nicht komplett zu erkennen. Die Analysen der letzten Monate zeigen jedoch, dass die Preise nicht mehr gesunken sind (Weltbank 2012).

Der FFPI ist eine numerische Indizierung der Weltmarktpreise für die wesentlichen Grundnahrungsmittel. Demnach war der FFPI 2011 höher als 2010 und der höchste seit 1980 (FFPI 2011/2012). Im Jahr 2011 lag der FFPI für Getreide um 35 % über dem von 2010 und war damit der höchste seit 1970.

Abb. 5.2 Preisentwicklungen für landwirtschaftliche Produkte zwischen Januar 1990 und Januar 2011. Bis Ende 2012 sind die Preise nicht mehr wesentlich gesunken. Gerade die Grundnahrungsmittel der Armen, Zerealien und Fett, liegen auf besonders hohem Niveau (World Bank 2011).

Liest man die Details und berücksichtigt man die Folgen für die arme Bevölkerung, so wird deutlich, dass sich hier immer wieder lokale Katastrophen ereignen, denen die armen Familien nichts entgegenzusetzen haben.

Der Global Food Price Monitor (Dezember 2011) kommt in Bezug auf die Preissteigerungen von Getreide in einigen ostafrikanischen Staaten zu dem Ergebnis, dass dies Folge schlechter Ernten und hoher Treibstoffpreise sei. So war der Maispreis 2011 im städtischen Bereich von Nairobi um 75 % über dem des Vorjahres, in Kampala (Uganda) stieg der Maispreis gegen Ende 2011 um 26 %, und in Äthiopien lag der Maispreis im November 2011 147 % über dem im November 2010. In manchen afrikanischen Ländern wird auch ein Rückgang der Preise als Folge guter Ernten beschrieben. Allerdings bleibt der Preis immer noch deutlich über den Preisen von 2009.

Betrachtet man die Detailanalyse der Preissteigerungen, so wird deutlich, dass vor allem die Preise von Getreide und Ölen von dieser Entwicklung während der Wirtschaftskrisen betroffen sind (Abb. 5.2).

Wenn die Portion Reis plötzlich das Doppelte kostet, so bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig, als entweder zu hungern oder auf minderwertigere und billigere Lebensmittel zurückzugreifen. Je nach Land sind die Reispreise

Abb. 5.3 Verteilung des Haushaltseinkommens für Lebensmittel und andere NonFood-Güter in Haushalten in Sri Lanka (Petersson et al. 2011).

zwischen September 2011 und Dezember 2012 um 25–90 % gestiegen, die Weizenpreise um 15–90 %, Maispreise um 10–120 % und die Hirsepreise um 20–60 % (World Bank 2012). Alternativ müssen die Betroffenen auf andere Dinge verzichten, für die ohnedies wenig Mittel zur Verfügung stehen (Abb. 5.3).

Aus Abb. 5.3 ist zu erkennen, dass ein solcher Haushaltsplan, der im Übrigen nicht für die ganz Armen gilt, nur sehr wenig Spielraum lässt. Je höher der Anteil am Haushaltseinkommen für Lebensmittel ist, desto weniger entfällt auf den sogenannten Non-Food-Bereich. In verschiedenen Provinzen von Sri Lanka schwanken die Ausgaben zwischen 50 und 70 %, wobei der Anteil für Grundnahrungsmittel (im Wesentlichen Reis) zwischen 30 und 50 % liegt. Der Anteil der Haushalte, die zwischen 65 und 100 % für Lebensmittel ausgeben, liegt zwischen 20 % (Gebiet mit Populationen mit höchstem Einkommen) und 65 %.

Das Fazit der Weltbank: Der scharfe und nicht saisonal bedingte Anstieg der Zerealienpreise ist alarmierend und sollte dringend Aktionen auslösen, um eine Katastrophe in Burkina Faso, im Tschad, in Mali, Mauretanien und Niger zu verhindern. Bereits jetzt kann davon ausgegangen werden, dass der scharfe Preisanstieg in 2011 zusätzlichen 500 000 Kindern das Leben gekostet hat (Save the Children 2011). Darüber hinaus dürften mehr als 1 Mio. Kinder zusätzlich chronischer Unterernährung ausgesetzt sein. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die armen Haushalte die Preisspitzen durch Einschränkungen der Lebensmittelvielfalt kompensieren müssen, sodass am Ende eben nur noch Reis oder Mais für längere Zeit bleibt.

Die Preisentwicklung lässt sich leicht in Tabellen und Diagrammen darstellen – neutral und scheinbar ohne Konsequenzen. Aber Lebensmittelpreise lassen sich nicht trennen von denjenigen, die auf Lebensmittel angewiesen sind, und zwar den Armen, die die Lebensmittel zum „nackten“ Überleben brauchen, und den Reichen, die sie ökonomisch nutzen, um ihr Überleben so gut und luxuriös wie möglich zu gestalten.

Die Armen sind auf dem globalen Lebensmittelmarkt in der Mehrheit (> 1 Mrd.), die anderen, die an den Preisen drehen, in der Minderheit (einige Hundert). Während die Armen nicht ausreichend Geld haben, um eine adäquate Ernährung zu sichern, nutzen die Reichen die Nachfrage der Armen zur Gewinnmaximierung. Wenn es um ihre Ernährung geht, haben diejenigen, die diese Ernährung zum Überleben brauchen, nichts mitzureden. Die vielfältigen Krisen, die ihnen die Beschaffung der Nahrung zusätzlich erschweren, lassen ökonomische Akteure der Lebensmittelbörsen letztlich kalt. Es bleibt alles eine Frage der Kalkulation und damit der Gewinnmaximierung.

Steigen die Preise für Grundnahrungsmittel, nimmt der Hunger, besonders der Hidden Hunger zu, und dies gilt keinesfalls nur für Entwicklungsländer!

 
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