< Zurück   INHALT   Weiter >

Gründe für Preissteigerungen

Die Gründe für Preissteigerungen sind vielfältig und bei Weitem nicht nur durch Börsenspekulationen bedingt, wenngleich diese besonders kritisch zu sehen sind. Die FAO hat folgende Ursachen aufgelistet:

• Trockenperioden in exportstarken Ländern,

• politische Förderung (z. B. Subventionen) der Biotreibstoffe, mit dem Ergebnis einer verstärkten Nachfrage nach Mais und Pflanzenölen,

• Währungsprobleme (Dollarschwäche),

• starkes Wirtschaftswachstum mit der Folge von Preissteigerungen bei Energie und Düngemitteln sowie gesteigerter Nachfrage nach Fleisch (zunehmender Wohlstand) und damit nach Tierfutter,

• als Folge gestiegener Energiepreise höhere Preise für Transport,

• Rückgang der Ertragssteigerungen vor allem bei Reis und Weizen,

• Spekulationen.

Nicht zuletzt ist es die Handelspolitik mit Exportbeschränkungen und Hamsterkäufen durch verschiedene Staaten, was wiederum dazu führt, dass die Produzenten mit dem Verkauf zögern und dadurch Einfluss auf die Börsen nehmen und letztlich auch die Konsumenten zu Panikkäufen veranlassen. Und schließlich ist es auch unser eigenes Konsumverhalten, wenn wir Lebensmittel unter dem Aspekt ‚Hauptsache billig' einkaufen, ohne über die Hintergründe der Herstellung nachzudenken.

Zweifellos wird dies alles durch Spekulationen an den Rohstoffbörsen noch verschärft:

„An der Chicagoer Terminbörse CBoT wetten Profihändler auf Schweinebäuche, gefrorenen Orangensaft oder Weizen. Auch Privatanleger mit starken Nerven können über Zertifikate auf einzelne Agrargüter mitzocken.

Besonders viel Musik ist derzeit bei Weizen drin. Nach der Flut im Osten Australiens könnten bis zu 40 Prozent der Weizenernte nur noch als Futtermittel taugen. Normal wäre ein Ausschuss von etwa zehn Prozent. Australien ist in diesem Jahr mit voraussichtlich 14,3 Millionen Tonnen der viertgrößte Weizenexporteur. Im vergangenen Jahr exportierten die Australier noch 16,9 Millionen Tonnen. Zudem stocken Algerien und Indonesien ihre Lager auf und nehmen so Weizen vom Markt.

China importiert 60 Prozent der weltweit gehandelten Sojabohnen. Auch bei Mais drehen die Chinesen an der Preisspirale: Die Importe aus den USA steigen in diesem Jahr voraussichtlich von 1,5 Millionen auf 7,0 Millionen Tonnen. Der Boom der Biospritbranche stützt ebenfalls den Maispreis. Gingen 2005 nur zwölf Prozent der US-Maisproduktion in den Tank, waren es im vergangenen Jahr schon knapp 40 Prozent. Laut Welternährungsorganisation FAO könnte die Weltproduktion von Bioethanol bis 2017 auf 125 Milliarden Liter steigen – doppelt so viel wie 2007.“ (Wiwo 2011)

Rohstoffe im Allgemeinen und Getreide im Besonderen sind ein einträgliches Geschäft. Wird vor allem der Handel mit Nahrungsmitteln verantwortungsvoll, d. h. mit Blick auf die Länder, die unter Knappheit an Lebensmitteln und auch Finanzen leiden, durchgeführt, so wäre dies durchaus vertretbar. Die Realität ist aber eine andere!

Reis ist so teuer wie nie

Die Krise um die weltweit steigenden Lebensmittelpreise setzt sich fort: Nun erreicht der Reispreis einen Rekordstand.

Der Chef-Volkswirt der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Heiner Flassbeck, sieht Spekulationen an Rohstoffbörsen als Hauptgrund für den rasant steigenden Reispreis. „Es muss eine dramatische Spekulation geben, nur so etwas kann den Reispreis in kurzer Zeit so hochtreiben“, sagte Flassbeck der Frankfurter Rundschau.

Der Reispreis hatte am Donnerstag einen neuen Höchststand erreicht: Eine Tonne Reis kostete in Thailand erstmals mehr als 1000 Dollar. Damit hat sich der Preis für das Grundnahrungsmittel im größten Exportland für Reis seit Jahresbeginn fast verdreifacht.“ (n24.de/wirtschaft&Börse)

Tab. 5.2 Lebensmittelpreisindex der FAO und der Weltbank 2011.

1990–2006

Mittelwert

2008 höchster Monatswert

2009 Jahresmittel

2010 Jahresmittel

2011 01–03

Mittel

Lebensmittel

124

292 (Juni)

205

224

284

Zerealien

126

340 (April)

214

215

289

Reis

129

448 (April)

274

241

229

Weizen

130

305 (Juni)

196

196

281

Mais

122

324 (Juni)

187

209

319

Fett und Öle

127

341 (Juni)

216

244

321

Zucker

120

165 (Febr.)

222

260

348

Weltweit gesehen sind die Preise für Lebensmittel und Zerealien seit 2008 zwar gesunken, steigen jedoch seit 2009 wieder kontinuierlich an und nähern sich dem Stand von 2008 wieder an oder liegen darüber (Tab. 5.2).

Es ist kaum vorstellbar, was es für einen Haushalt, der bereits vor der Krise 2008 70 % seiner Mittel in die Ernährung investieren musste, bedeutet, wenn sich die Reispreise plötzlich mehr als verdreifachen und sich auch bis 2011 gegenüber dem Jahresmittel bis 2006 kaum wirklich erholen. Gleiches gilt für die Preise für Fett und Öle. Damit ist der letzte Rest der Existenzgrundlage vieler Armer zerstört. Der jüngste Bericht der Weltbank ergibt für den Zeitraum Februar bis Dezember 2011 eine weitere Preissteigerung für Reis von 12 % (Food Price Watch 2012). Für den gleichen Zeitraum lagen die Preise für Weizen, Mais, Hirse und Reis in verschiedenen Ländern (Burkina Faso, Äthiopien, Niger, Uganda, Ruanda, Kenia, Südafrika, Mexiko und Malawi) um 20–120 % über denen des ebenfalls schon hochpreisigen Vorjahres. Umgekehrt waren auch Preisverringerungen von bis zu 40 % für diese Grundnahrungsmittel in anderen afrikanischen Ländern zu beobachten. Es sind wieder einmal die ärmsten Länder, die betroffen sind.

Vergleicht man die Preise für Mais in der Zeit zwischen 2006 und 2011 mit dem Finanzvolumen der börsennotierten Fonds, so fällt auf, dass diese erstmals 2008, im Jahr der großen Lebensmittelkrise, ihren Höchststand erreichen (knapp 6 Mrd. US-Dollar), um danach vorübergehend wieder zu fallen (International Grain Council 2011). Das Geschäft mit Lebensmittelfonds scheint sich vor allem bei hohen Preisen zu lohnen, wie die Preisentwicklung während der zweiten Krise 2011 zeigt. Die Volumina der börsennotierten Unternehmen liegen nun über 9 Mrd. US-Dollar. Der Maispreis lag auf der Höhe der Krise im Juni 2008 bei 287 US-Dollar/Megatonnen, im April 2011 bei 318 US-Dollar/mt und liegt im Juni 2012 bereits wieder bei 281 USDollar/mt. Die Dürrekatastrophe in den USA sowie die Tatsache, dass 40 %

Abb. 5.4 Entwicklung der Maispreise bis Juli 2012 (mongabay.com und aktuelle Daten).

der Maisernte in die Herstellung von Biotreibstoff gehen, hat die Preise erneut auf 314 US-Dollar/Tonne steigen lassen. Verglichen mit den Preisen vor der Krise und in der stabilen Phase zwischen Oktober 2008 und Oktober 2010 (150 US-Dollar/mt) kann kaum mehr von einem kurzen Preisschock gesprochen werden; es handelt sich vielmehr um eine offensichtlich längerfristige, wenn auch nicht dauerhafte Preissteigerung, die viele Kinder und Mütter das Leben kosten dürfte. Die Preisentwicklungsprognose des International Grain Council (IGC) ist für Anleger sicherlich erfreulich: „Der steigende Wohlstand wird auch die Nachfrage nach Getreide hochhalten, insbesondere für Futter und industrielle Verwertung.“ Will heißen, zur Deckung des gestiegenen und weiter steigenden Fleischbedarfs (besonders Chinas und Indiens, aber auch Lateinamerikas) sowie zur Herstellung von Biotreibstoff wird diese Nachfrage und damit eben auch der Preis weiterhin hoch bleiben. Weiter ist bei IGC zu lesen: „Die zunehmende Diversifizierung der Ernährung, vor allem die Bevorzugung von Fleisch und Fleischprodukten, wird einen langsamen Rückgang der Verwendung von Getreide in der menschlichen Ernährung nach sich ziehen.“ Für Anleger ist sicherlich interessant, dass die Aktien für Mais stabil und die Gewinne hoch bleiben werden.

Der Kurvenverlauf der Maispreise (Abb. 5.4) steht exemplarisch für andere Grundnahrungsmittel wie Reis und Weizen. Diese zeigen einen ähnlichen Verlauf mit Spitzen, die über 100 % der Vormonate gehen können. Eng gekoppelt sind diese Preisentwicklungen an die Energiepreise und damit auch an die Preise für Biotreibstoffe. Im Endeffekt ist es gleichgültig, was oder wer die Preise nach oben treibt, sie müssen von den Armen mit ihrer Gesundheit bezahlt werden.

In einer Analyse der eskalierenden Lebensmittelpreise befasst sich UNICEF mit den Auswirkungen der Spekulation (Box 5.2).

Box 5.2: Handel mit Leben(smitteln)

In den letzten fünf Jahren gab es einen signifikanten Anstieg von Geldströmen in die Verbrauchsgüter. Zwischen 2005 und 2010 hat sich die Anzahl von Termin- und Optionsgeschäften, die an der Warenbörse weltweit gehandelt werden, beinahe vervierfacht; damit wurden Ende 2010 66 Mio. Verträge erreicht– ohne den OTC-Handel (over the counter, „über den Ladentisch“) –, wovon der Handel mit Nahrungsmitteln (Gütern) nur einen kleinen, aber schnell wachsenden Anteil hat. Nicht regulierte OTC-Aktivitäten hatten auch einen explosiven Anstieg in dieser Zeit zu verzeichnen; diese erreichten einen nominal auffallenden Wert von 12 Trillionen USDollar in nicht Gold-Güter-Verträgen im Jahr 2008 (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich 2010). Der Zugang zu liquiden Mitteln auf dem Finanzmarkt spielte bei dem raschen Anstieg eine wichtige Rolle, während die Hauptinvestoren, die sich prinzipiell nicht mit den agrarwirtschaftlichen Grundsätzen, sondern eher mit den kurzfristigen Gewinnen beschäftigten, sich in den Güterhandel auf dem Terminmarkt bewegten und dadurch eine Warenblase generierten.

Warentermingeschäfte sollten prinzipiell ein brauchbares Instrument für Hersteller und Konsumenten sein, um als „Zaun“ gegen hohe Preisrisiken zu agieren. Jedoch werden nur 2 % aller Terminabschlüsse auch als tatsächliche Waren ausgeliefert, während 98 % noch vor dem Ablauftermin weitergehandelt werden von Investoren, die nur auf spekulative Gewinne aus sind. Diese Art von Aktivitäten trägt zu den übermäßigen Schwankungen der Preise von Nahrungsmitteltermingeschäften bei sowie zu verzerrten Signalen für erwartete Preise. Durch diese Handlung erschweren die Spekulationen die Kurssicherungsgeschäfte. Des Weiteren werden dadurch unerwartet hohe Kosten erhoben sowie den Bauern, weiterverarbeitender Industrie und Händlern unangemessene Bürden auferlegt, was potenziell dazu führen kann, dass die lokalen Nahrungsmittelkosten sich ungerechtfertigt ändern. Unter dem Aspekt, dass die spekulativen Aktivitäten zu einer Ausbeutung von Leben führen und tödliche Folgen für Millionen von Menschen in Entwicklungsländern mit sich

Der aktuelle Food Price Index der FAO (03.05.2012) zeigt für Zerealien einen leichten Rückgang des Preises (2,5 %), für Fett und Öle jedoch weiter einen Anstieg (2,2 %). Dies mag marginal erscheinen, allerdings finden diese Preissteigerungen auf höchstem Niveau der Preise statt, die sich seit der Krise 2008 nicht wieder den Werten davor angenähert haben. Je nach Land können die Preissteigerungen zwischen 40 % (Belarus) und 12 % (Thailand) liegen. Diese lokalen Preissteigerungen laufen mit den globalen um nur wenige Wochen zeitversetzt parallel. Dies bedeutet aber, dass durch internationale Krisen, Spekulationen und politische Entscheidungen bewirkte Veränderungen der Weltmarktpreise kurzfristig auf den lokalen Märkten der armen Bevölkerung ankommen.

Diese leichten Preisrückgänge sind inzwischen schon längst wieder aufgeholt. Im Juli 2012 sind die Weizenpreise um 25 % gestiegen und seither unverändert hoch. Vergleichbare Preissteigerungen finden sich bei vielen Grundnahrungs- und Futtermitteln. Der Anstieg der Sojapreise um 17 % zwischen Juni und August 2012 hat kurzfristig zu einem Anstieg der Fleischpreise geführt. Am Ende steht die arme Bevölkerung, die durch diese Preisentwicklungen weiter in die Armut und Mangelernährung getrieben wird.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >