Welchen Gewinn haben die Kleinbauern?

Arbeitsplätze? Technische Innovation für den Anbau von Lebensmitteln? Schwer vorstellbar. Ausländische Investoren werden vor Ort bestimmen, was mit dem Land geschieht und was nicht. Das fängt bei den lokalen Lebensmittelpreisen an und hört mit den Transportkosten, die in Afrika ohnedies sehr hoch sind, auf. Inwieweit eine sich verändernde Infrastruktur den armen Bauern zugutekommt, muss ebenso offenbleiben.

Die immer länger werdende Liste der Landverkäufe und Verpachtungen (IFPRI 2009) hinterlässt ein Gefühl des ungläubigen Staunens. Da wird Land verpachtet für Getreide, Gemüse, Reis usw. – Lebensmittel, die dort, wo sie wachsen, dringend gebraucht werden, nun aber teuer importiert werden müssen oder als Lebensmittelhilfe ins Land gebracht werden. Ein Land wie die Philippinen beispielsweise, das erhebliche Probleme hat, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen, verkauft fruchtbares Land an südkoreanische Investoren und an den Ministaat Bahrain. Die Hälfte der philippinischen Bevölkerung lebt auf dem Land. Landwirtschaft ist oft die einzige Einnahmequelle, und die meisten sind Subsistenzfarmer oder Fischer. Viele von ihnen leben in Armut und sind unzureichend ernährt. Was es bedeutet, wenn diesen Farmern das Land streitig gemacht wird, bedarf keiner weiteren Erörterung.

Wer schützt die arme Landbevölkerung vor dem Land Grabbing der eigenen Regierung, die die Wünsche der Investoren erfüllen möchte? Wer schützt sie vor allem, wenn es um Flächen geht, die sich zum Anbau von Lebensmitteln eignen (Bodenqualität, Wasserversorgung)? Dabei wird gerade in Afrika mit den Eigentumsrechten der Kleinbauern nicht immer zimperlich umgegangen. So hat Uganda Tausende von Bauern ausgewiesen, um in den Besitz ihrer Ländereien zu kommen, die es dann einem in Großbritannien ansässigen Unternehmen verkaufte (Oxfam 2011).

Ein typisches Beispiel für Landraub ist der Vertrag zwischen der NTD (Nile Trading & Development Inc., Hauptsitz Dallas, Texas, USA) und einer Kooperative (Mukay Payam) im Sudan. Diese Kooperative gewährte der Firma ein 49 Jahre dauerndes Pachtrecht auf 600 000 ha fruchtbarem Ackerland

– das sind 6000 km2 – sowie eine Option für 400 000 ha für eine Pacht von 25 000 US-Dollar! Die Kooperative ist ein lokaler, selbsternannter Verein, ohne jede rechtliche Grundlage für den Pachtvertrag, mit drei einflussreichen Personen in diesem Distrikt. Dieser Pachtvertrag wurde durch die lokalen politischen Autoritäten abgesegnet. Der Vertrag sichert der NTD die folgenden Rechte:

• das Recht auf Waldwirtschaft jeder Art, einschließlich der Erlaubnis, bestehende Waldflächen zu bearbeiten und das Holz zu verwerten,

• das Recht zum Handel und Verkauf von CO2-Krediten aus Holz,

• das Recht, sich landwirtschaftlich zu betätigen einschließlich Anbau von

Biotreibstoffquellen (Jatropha und Palmöl),

• das Recht auf die Prüfung und den Abbau weiterer Rohstoffquellen wie Öl, Erdgas oder anderer Kohlenstoffquellen für den lokalen und den Exportmarkt,

• das Recht, das Land oder die oben genannten Rechte weiter zu verpachten.

Bedenkt man, dass in dem betroffenen Gebiet fast 90 000 Menschen leben, von denen die Mehrheit Subsistenzfarmer sind, so wird klar, dass die Lebensmittelsicherheit dieser Menschen in größter Gefahr ist. Zwar ist dieser Vertrag noch nicht durch den Staat Sudan abgezeichnet und NTD kann seine Aktivitäten nicht aufnehmen, er zeigt aber exemplarisch die Vorgehensweise und die drohenden Gefahren für die Landbevölkerung. Es ist kaum anzunehmen, dass ein Unternehmen, das im Rohstoffbereich tätig ist und eng mit Unternehmen kooperiert, die z. B. tropische Hölzer vermarkten (Kinyeti Inc., Austin Texas), plötzlich auf die Idee kommt, kleine Farmer zu unterstützen.

Es ist absurd, dass sich reiche Länder zur Bewahrung ihres Reichtums, durch Sicherung von Lebensmitteln, Futtermitteln und Treibstoff, dort bedienen, wo es um Flächen geht, die das Überleben sichern sollen. Hier wäre es weitaus wichtiger, bisher unfruchtbare oder ausgelaugte Flächen für die dort Lebenden zu kultivieren bzw. zu rekultivieren, als sie zu verkaufen und für andere Produkte als Lebensmittel zu missbrauchen. Genau dieser Missbrauch treibt die Zahl der hungernden und sterbenden Kinder weiter in die Höhe.

Würden die reichen Länder massiv in die Landwirtschaft der armen Länder investieren und diesen die Möglichkeit bieten, nicht nur die eigene Bevölkerung zu versorgen sondern auch Überschüsse zu exportieren, dann wäre dies zweifellos der bessere Weg. Wir könnten und sollten es uns durchaus leisten, den Preis für Lebensmittel zu zahlen, der den Investitionen in ihre Herstellung (ohne Subventionen) entspricht, statt nach Schnäppchen jagend immer billigere Lebensmittel zu fordern. Wir dürfen uns dann auch nicht wundern, wenn sich im eigenen Land Lebensmittelskandale häufen, weil die Hersteller vor lauter Preisdruck an der falschen Stelle sparen. Würden wir Weizen zur Herstellung von Mehl zu fairen Preisen aus Afrika beziehen, von Böden, bei deren Kultivierung wir geholfen haben, dann würde das morgendliche Brötchen eben 80 Cent oder 1 € kosten. Stattdessen kaufen wir das Land in Afrika, um uns von hohen Importzöllen unabhängig zu machen, damit die Semmeln auch morgen noch 30 Cent oder weniger kosten.

Mit jedem Cent, den wir an Brötchen (als ein Beispiel) oder an Sprit sparen, gefährden wir das Überleben der Kinder in Afrika. Wir haben die Sicherheit, dass Preissteigerungen an den Weltmärkten nicht direkt bei uns ankommen. Dafür sorgt die Handelspolitik unserer Regierung. Dies alles geschieht auf Kosten der Kinder und Mütter in Asien und Afrika! Dem Wähler der hierfür verantwortlichen Parteien wird gerne versichert, dass dies der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder diene und so deren Produktivität erhöhe. Aber wie soll das möglich sein, wenn das Hungerkarussell weiter Fahrt aufnimmt und die Zahl der Mitfahrenden seit 2008 um 150 Mio. gestiegen ist (FAO 2010)!

Analog stellt sich dieser Irrsinn bei Biotreibstoffen dar. In Deutschland wird auf Flächen, die für den Anbau von Getreide genutzt werden könnten, Raps oder Sonnenblumen angebaut, um Diesel herzustellen. Gleichzeitig kauft Deutschland Flächen in Afrika und Asien zur Herstellung von Diesel aus Palmöl. Es besteht ein berechtigtes Misstrauen gegenüber den Landverkäufen in Ländern, in denen Land zur Biotreibstoffproduktion durch ausländische Investoren erworben wird. Von den Regierungen oder auch lokalen Behörden wird Land als nutzlos oder untergenutzt definiert und damit gerade den Armen entzogen, die damit landlos werden.

White (2010) beschreibt den Fall einer Landübernahme durch einen norwegischen Biotreibstoffproduzenten, der durch einen Vertrag mit einem Provinzchef, der diesen Vertrag nicht einmal lesen konnte, 38 000 ha Waldland erwarb und rasch mit der Rodung begann, um dort Jatropha anzupflanzen. Der ländlichen Bevölkerung wurden Arbeitsplätze und gutes Einkommen versprochen – dieses Versprechen wurde aber nicht gehalten, und die arme Bevölkerung verlor ihre Lebens- und Einkommensgrundlage. Erst nach Intervention durch die Organisation RAINS (Regional Advisory and Information Network System) wurde die Abholzung, nachdem bereits 2300 ha verloren waren, gestoppt.

Die fehlende staatliche Regulation ist ein Aspekt, die fehlende Moral eines europäischen Unternehmens bei der Landnahme ein anderer. Die Beispiele von „Landraub“ ließen sich beliebig fortsetzen, und so scheint die Einschätzung, wie sie von GAIN (Global Alliance for Improved Nutrition 2009) vorgenommen wurde, zutreffend zu sein: Die führenden Akteure in der Landnahme sind nicht Länder oder Regierungen, sondern Konzerne, die sich Land nehmen und in vielen Fällen nicht einmal dafür zahlen (GAIN 2009).

Was von den Versprechungen auf Arbeitsplätze und damit auch bessere Versorgung zu halten ist, zeigt drastisch ein Beispiel aus dem ländlichen Kigali in Ruanda (Veldman & Lankhorst 2011). Seit Generationen waren Tausende von Kleinbauern im Marschland in den Flusstälern rund um Kigali angesiedelt und konnten sich und ihre Familie als Subsistenzfarmer ernähren. Im Jahr 2005 erließ die Regierung ein neues Gesetz zur Intensivierung der Landnutzung und brachte das gesamte Land (vor allem Flüsse, Flusstäler und Wälder) unter Regierungskontrolle. Mit den neuen Gesetzen sollte ein Anreiz für Investoren geschaffen werden, größere Flächen zu erwerben. Das Gesetz ist Teil einer politischen Kampagne zur Beseitigung der Armut. Ruanda zählt zu den ärmsten Ländern weltweit. Bereits 1997 wurden die Farmer enteignet und die Zuckerrohrplantagen einer Firma aus Uganda übergeben. Die enteigneten Farmer wurden als schlecht bezahlt Arbeiter übernommen, nur wenige konnten sich über Wasser halten, indem sie Zuckerrohr aus eigenen kleinen Plantagen mit weniger als 1 ha Fläche lieferten. Gegen einen geringen Lohn von weniger als 1 US-Dollar/Tag arbeiten vor allem Frauen auf den Plantagen. Von dem geringen Einkommen, so eine Umfrage unter den Farmern, können sie sich etwa Bohnen oder Süßkartoffeln, die sie vorher selbst angebaut hatten, nicht mehr leisten. Die wenigen Farmer, die einen kleinen Gewinn hatten, werden bald auch ihr Land verlieren, sodass im Ergebnis die Armut mit all ihren Facetten zugenommen hat und den Familien nichts anders übrig bleibt, als ihr Land zu verlassen.

 
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