Entwicklung der Produktion von Biotreibstoffen

Im Jahr 2007 wurde durch den amerikanischen Kongress ein Gesetz verabschiedet, das als Ziel vorgab, die Biokraftstoffproduktion bis zum Jahr 2022 auf 35 Mrd. Gallons (132 Mrd. Liter) zu verfünffachen. Die EU legte sich auf einen Anteil von 10 % Biokraftstoff bis 2020 fest. Während die EU der weltweit größte Hersteller von Biodiesel ist, sind die USA und Brasilien führend bei Bioethanol. Fast 40 % der jährlichen Maisernte der USA gehen in die Biokraftstoffproduktion. Dabei werden große Flächen umgewidmet, und die Monokultur, die zur Auslaugung der Böden führt, hält Einzug. So führte die Expansion der Maisproduktion in den USA dazu, dass in den Jahren 2006/07 16 % der Flächen für die Reisproduktion wegfielen und 16 % für die Sojaproduktion. Letzteres führte zu einem dramatischen Anstieg (75 %) der Sojabohnenpreise (Mitchell 2008). In gleicher Weise werden in Europa Flächen, auf denen bisher Weizen angebaut wurde, für Ölsaaten verwendet. Die acht größten Weizen exportierenden Länder steigerten zwischen 2001 und 2007 die Flächen für Rapssaaten- und Sonnenblumenanbau um 36 %, während die Flächen für Getreide um 1 % abnahmen (Mitchell 2008).

Die Preisentwicklung, besonders für Mais und Pflanzenöle, auf den Weltmärkten hat 2008 und 2011 zu einem Preisanstieg für Grundnahrungsmittel geführt, der den bis dahin höchsten Preisindex seit Aufzeichnung zur Folge hatte. Jacques Diouf, der Präsident der FAO, hat daher besonders die Entwicklungsländer gewarnt, ihre Biotreibstoffproduktion zu überdenken. Bereits jetzt, so Diouf, sind dem Markt mehr als 120 Mio. Tonnen Zerealien für Biotreibstoffe entzogen (Nachrichtenagentur Reuters 2011). Die Preisanstiege werden direkt an die weitergegeben, die ohnedies nichts haben – mit allen mehrfach geschilderten Folgen.

Die steigende Produktion von Biotreibstoffen wird unweigerlich Einfluss auf die Preisentwicklung gerade der Lebensmittel haben, die die Grundlage für die Energie- und Eiweißversorgung von fast 80 % der Weltbevölkerung sind. Durch großzügige Subventionen der Biotreibstoffe bleibt ein starker Anreiz für die Produzenten, in diese Rohstoffe zu investieren. Dies hat aber unweigerlich einen Anstieg der Preise solcher Lebensmittel zur Folge, die um die Verwendung als Lebensmittel oder aber Treibstoff „konkurrieren“. Verschiedene US-amerikanische staatliche Institutionen haben den Anteil der Biotreibstoffe an den Preissteigerungen vor allem für Mais und Soja auf 40– 70 % ermittelt (Mitchell 2008). Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass die Biotreibstoffproduktion einen direkten Einfluss auf die Preise der Grundnahrungsmittel hat. Damit aber wird für die armen Länder und ihre Bevölkerung die Ernährungsfrage immer kritischer und die existenzielle Bedrohung immer größer. Es wird zwar argumentiert, dass durch den Anbau der Biotreibstoffe z. B. in Afrika die Produktivität zu- und damit die Armut abnehmen würde, allerdings setzt dieser Prozess ein funktionierendes Staatswesen voraus. Da die vor allem auf dem Land lebenden armen Bauern kein Land haben, auf dem sie neben den Lebensmitteln für ihren eigenen Bedarf die Biotreibstoffe anbauen können, wäre ein wirklicher Zuverdienst nur durch eine gerechte Verteilung von Flächen möglich. Diese werden aber inzwischen an große Investoren (z. B. China) verkauft, und es ist fraglich, was den armen Landbauern bleibt. Das andere Argument, die Produktion von Biotreibstoffen schaffe Arbeitsplätze für die Armen, bedarf noch des Nachweises. Hinzu kommt, dass solche Arbeitsplätze eben wegen der Preisentwicklungen sicherlich nicht fürstlich honoriert werden, wenn die Hersteller konkurrenzfähig bleiben wollen.

Bei der Einrichtung von Palmölplantagen wurde den kleinen Farmern, denen vorher ein Teil oder das Ganze ihres Landes genommen wurde, Arbeitsplätze und Verdienst versprochen – Verdienst durch das Betreiben kleiner Ölmühlen, die sie von den Plantagenbesitzern, meist durch Aufnahme eines Kredits, erwerben konnten. Voraussetzung für den Betrieb einer solchen kleinen Mühle ist aber, dass die Palmölfrüchte rasch nach der Ernte (48 h) angeliefert werden, da sonst das Öl an Qualität verliert. Sind die Transportwege lang, die Straßen schlecht oder aber treten andere Verzögerungen auf, so ist das Öl nicht mehr verwertbar. Das bedeutet, dass sowohl die Farmer, die den Transport bewerkstelligen müssen, als auch diejenigen, die die Mühlen betreiben, ein hohes Risiko eingehen. Am Ende müssen sie die Mühlen aufgeben und in den Plantagen die Schulden über viele Jahre abarbeiten. Auf der Strecke bleiben wiederum die Familie und hier vor allem die Kinder. Das Land, das zur Selbstversorgung hätte ausreichen können, ist nicht mehr vorhanden und wo einmal Palmölplantagen angelegt waren, wächst lange Zeit nichts anderes mehr.

 
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