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1 Einleitung

Ökonomische Bildung zählt in der modernen Wissensgesellschaft zu einem unverzichtbaren Bestandteil von Allgemeinbildung (vgl. für viele u. a. Kaminski/Eggert 2008; Krol et al. 2011; Bank/Retzmann 2012). Begründet wird dies nicht ausschließlich mit der Allgegenwärtigkeit ökonomischer Phänomene, sondern vor allem bildungstheoretisch. Im Sinne eines sozialpraktischen Bildungsbegriffs soll eine umfassende Allgemeinbildung Kindern und Jugendlichen in gegenwärtigen und zukünftigen Lebenssituationen die individuelle Ausgestaltung ihres eigenen Lebens und die Teilhabe und Mitgestaltung an der Gesellschaft ermöglichen (vgl. u. a. Krol/Zoerner 2008, S. 94).

Im Gegensatz zu der Vielfalt an theoretisch-konzeptionellen Überlegungen zur ökonomischen Bildung liegen zu den ökonomischen Lehr-Lern-Prozessen, und damit eng zusammenhängenden Deerminanten, wenige empirische fachdidaktische Erkenntnisse vor. Dies gilt auch für die Lernenden, vor allem für die Wirtschaftslehrerinnen und

-lehrer. Über die verschiedenen Dimensionen der professionellen Handlungskompetenz von Wirtschaftslehrpersonen [1] an allgemeinbildenden Schulen (v. a. Wissen, Vorstellungen und Motivation) ist bisher kaum etwas bekannt (vgl. Bank/Retzmann 2012, S. 7).

Lehrervorstellungen (teachers' beliefs) sind die Vorstellungen von Lehrerinnen und Lehrern zu allgemeinen oder domänenspezifischen Aspekten ihres Professionsbereichs. Sie sind fachdidaktisch bedeutsam, weil Vorstellungen u. a. eine Art Filterfunktion haben und über die Lehrpersonen indirekt Einfluss auf den Unterricht und somit das Lernen von Schülerinnen und Schülern nehmen (Woolfolk Hoy et al. 2006, S. 730; Philipp 2007, S. 277). Lehrpersonen haben im Rahmen ihrer pädagogischen und didaktischen Entscheidungsfreiheit die Möglichkeit, Unterricht nach ihren Vorstellungen zu gestalten (vgl. Rothland 2009, S. 498). Es ist deshalb für die Fachdidaktik der ökonomischen Bildung von Bedeutung, sich mit den Vorstellungen der Praktikerinnen und Praktiker zu befassen, die ökonomische Bildung in den Schulen unterrichten. Lehrervorstellungen sind auch von bildungspolitischer Relevanz, weil sie Einfluss darauf haben, wie Lehrpersonen beispielsweise zu institutionellen Vorgaben wie dem Curriculum stehen (vgl. Kagan 1990). Verkürzt, aber prägnant, lässt sich für Unterrichtsprozesse sowohl im Allgemeinen als auch für die ökonomische Bildung im Besonderen konstatieren: „beliefs matter“ (Goldin et al. 2009, S. 14).

Die Erforschung von Lehrervorstellungen kann als eine originär fachdidaktische Aufgabe begriffen werden. Dies lässt sich beispielsweise aus den fachdidaktischen Prinzipien von Heidenreich und Heymann (vgl. 1976, S. 226f.) ableiten. Fachdidaktik soll demnach die individuellen Merkmale der am Unterricht beteiligten Akteure theoriegeleitet und empirisch erforschen und diese im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Unterrichtspraxis diskutieren. Lehrervorstellungsforschung kann, anknüpfend an diese Ausführungen, einen Beitrag dazu leisten

• Erkenntnisse zu Vorstellungen (beliefs) als einem wesentlichen Element professioneller Handlungskompetenz von Wirtschaftslehrpersonen zu liefern (individuelle Merkmale am Unterricht beteiligter Akteure) und

• diese zum theoretischen Referenzrahmen ökonomischer Bildung in Beziehung setzen (Theoriebezug) sowie

• die Lehrervorstellungen mit Blick auf ihre Qualität für den Wirtschaftsunterricht analysieren (Diskussion mit Blick auf die Unterrichtspraxis).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich ausgehend von der fachdidaktischen Relevanz von Lehrervorstellungen und dem Forschungsdesiderat in der ökonomischen Bildung mit den fachdidaktischen Vorstellungen von Lehrerinnen und Lehrern als einem wesentlichen Element ihrer professionellen Kompetenz. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Vorstellungen von Wirtschaftslehrpersonen an ausgewählten niedersächsischen allgemeinbildenden Schulen zum Lehren und Lernen im Wirtschaftsunterricht zu erheben und zu analysieren. Dieses Erkenntnisinteresse wurde im Sinne qualitativer Forschung in die folgenden Fragen ausdifferenziert:

Abbildung 1 Ausdifferenzierung des Erkenntnisinteresses

[2]

Die vorliegende Disserationsschrift ist im Fach ökonomische Bildung entstanden und hat einen direkten domänenspezifischen Bezug. Die fachdidaktischen Ausführungen zu wesentlichen Elementen und den Rahmenbedingungen ökonomischer Bildung im allgemeinbildenden Schulsystem, die in Kapitel 2 ausgeführt werden, sind deshalb als theoretischer Referenzrahmen der folgenden empirischen Studie anzusehen. Diese Darstellung ist auch notwendig, um anschließend an die Erhebung und Analyse, die Lehrervorstellungen mit den fachdidaktischen Theorien kontrastieren und somit die dritte Frage beantworten zu können.

Neben der fachdidaktischen Fundierung ist die Vorstellungsbzw. die Lehrervorstellungsforschung für die vorliegende Arbeit von besonderer Relevanz. Aufgrund der Komplexität des Konstrukts „Lehrervorstellung“ beschäftigt sich das Kapitel 3 mit Vorstellungen (beliefs) im Allgemeinen und Kapitel 4 mit Lehrervorstellungen (teachers' beliefs) im Besonderen. Dieses Kapitel zu teachers' beliefs umfasst sowohl die notwendige konzeptionelle Grundlage zum Untersuchungsgegenstand der Lehrervorstellung als auch den Stand der Forschung. Vor allem wird aber die fachdidaktische Relevanz von Lehrervorstellungen herausgearbeitet, die für die vorliegende Arbeit wesentlich ist. Ausgehend von dem theoretischen Referenzrahmen (vgl. Kapitel 2) und den Erkenntnissen der Vorstellungsund der Lehrervorstellungs-forschung (vgl. Kapitel 3 und 4) wurde zur Beantwortung dieser Fragen ein qualitatives Forschungsdesign entwickelt (vgl. Kapitel 5). Elementare Bestandteile des auf diesen Überlegungen aufbauenden Forschungsdesigns sind im Folgenden dargestellt:

Abbildung 2 Zentrale Elemente des Forschungsdesigns

Diese Methoden und Instrumente wurden eingesetzt, um die Vorstellungen von Wirtschaftslehrpersonen zu erheben und die ersten beiden untergeordneten Fragen zu beantworten.

Hierzu werden in Kapitel 6 die Ergebnisse der Inhaltsanalyse der Vorstellungen der Wirtschaftslehrpersonen nach den verschiedenen Gegenstandsbereichen, auf die sich die Vorstellungen beziehen, dargestellt und die Ergebnisse interpretiert. In Kapitel 7 werden die Ergebnisse anschließend zusammengefasst und auf dieser Basis Übereinstimmungen und Unterschiede der erhobenen Lehrervorstellungen zu den grundlegenden fachdidaktischen Elementen ökonomischer Bildung, die in Kapitel 2 dargestellt wurden, herausgearbeitet. Außerdem werden die Forschungsergebnisse in Bezug auf die Darstellung in Kapitel 4 in den Diskurs der Lehrervorstellungsforschung eingeordnet und fachdidaktische Implikationen aus der Durchführung der vorliegenden Arbeit abgeleitet.

Adler (1984, S. 29) beschreibt in einer der ersten sozialwissenschaftlichen Studien zu Lehrervorstellungen, dass Forschung zu den Vorstellungen von Lehrerinnen und Lehrern dazu beitragen kann, der häufig beschriebenen Kluft zwischen Theorie und Praxis entgegenzuwirken: „Research on teacher persepctives may be one way to help bridge the gap between theory and practice.“ Inwiefern dieses Potenzial auch der vorliegenden Studie zugesprochen werden kann, muss ihre Rezeption zeigen.

  • [1] Mit dem Begriff Wirtschaftslehrpersonen werden in der vorliegenden Studie all jene Lehrerinnen und Lehrer bezeichnet, die ökonomische Bildung unterrichten – unabhängig von Ausbildung und Schulfach
  • [2] Die im Folgenden dargestellten Abbildung und Tabellen stammen – sofern nicht anders angegeben – von der Autorin
 
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