Sicherung von Angebot und Nahrhaftigkeit

Dies bedeutet zunächst einmal ganz einfach, dass es genug zu essen für alle geben muss. Es bedeutet aber keinesfalls, dass sich das alle leisten können und dass das Vorhandene oder Verfügbare auch nahrhaft ist. Wie sieht das für die kommenden Jahre aus?

Abb. 6.1 Relative Ertragssteigerungen 1961–2009 von Getreide und Fleisch (FAOSTAT 2009).

Abb. 6.1 zeigt die Steigerungsraten bei der Produktion von Grundnahrungsmitteln zwischen 1961 und 2009 (FAOSTAT 2009). Dabei werden die Werte als absolute Steigerungen angegeben (1961:1), d. h., dass zwischen 1961 und 1995 eine Steigerung bei Getreide um das 2,5-fache, bei der Tierproduktion um das 3,5-fache (Hühner) erfolgt ist. Zwischen 1995 und 2009 dagegen liegt die Steigerung für Getreide bei 0,5 %, für Hühner bei weiteren 100 %. Im Fall des Getreides zeigt sich, dass die Ertragssteigerungen kaum wie bis 1995 fortgesetzt werden konnten. Bei der Fleischproduktion muss berücksichtigt werden, dass jede Form von Steigerung stark ressourcenverbrauchend ist und die Klimaschädigung fortsetzt.

Foley (2011) rechnet die Ertragsentwicklung genauer nach und kommt zu sehr unterschiedlichen Werten. Die Erträge für die landwirtschaftlichen Produktgruppen (einschließlich Zerealien, Ölsaaten, Obst und Gemüse) haben zwischen 1995 und 2005 um 47 % zugenommen (FAO 2011). Berücksichtigt man allerdings alle in den USA angebauten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, so liegt die Steigerung nur noch bei 28 % (FAO 2011; Monfreda et al. 2008). Wird die Zunahme an bepflanzbarer Fläche zu Grunde gelegt, so liegt der Zuwachs an Erträgen nur noch bei 20 %, also weit unter den immer wieder zitierten 47 % (Foley et al. 2011). Dies bedeutet aber, dass sich die Ertragssteigerungen, die zwischen 1965 und 1985 errechnet wurden (56 %), keinesfalls, wie oft argumentiert wird, in vergleichbarer Höhe fortgesetzt haben. Selbst bei optimistischer Betrachtung ist die von der FAO beim Welternährungsgipfel 2009 geforderte Steigerung der Erträge um 70 % kaum realistisch. Diese Steigerung müsste nochmals 40 % über der absoluten Steigerung der letzten Jahre liegen (Tester 2010). Von den weltweiten Ernten gelangen 62 % in die menschliche Ernährung, während 35 % als Tierfutter Verwendung finden. Die verbleibenden 3 % verteilen sich (bisher) auf Bioenergie, Saatgut und weitere Industrieprodukte.

Die Frage der Ertragssteigerung muss auch berücksichtigen, wo diese Steigerungen erfolgen sollen. So liegt in Ländern mit den besten Ertragssteigerungen, wie den USA und Europa, aufgrund einer optimalen Entwicklung und Technologie, der Anteil der landwirtschaftlichen Produktion für die menschliche Ernährung bei 40 %, in Afrika und Asien, mit den oft schlechteren Möglichkeiten zur Ertragssteigerung, bei 80 %. (Foley et al. 2011). Trotz erheblicher Anstrengungen der modernen Landwirtschaft hat weiterhin jeder siebte Mensch zu wenig Nahrung (gemessen an der erforderlichen Energiemenge von 2100 kcal) und folglich chronischen Hunger mit den oben beschriebenen Folgen. Ohne weit in die Zukunft blicken zu müssen, wird sich diese Situation, trotz Zunahme der Erträge, durch Preisspekulationen, Bioenergieproduktion und klimatische Veränderungen weiter verschärfen (Godfray et al. 2010). Die Produktion von Getreide, als wesentliche Grundlage der Ernährung in den meisten Entwicklungsländern, müsste sich annähernd verdoppeln, um die geforderte Mindestkalorienmenge pro Kopf sicherzustellen. Zu den „Störgrößen“ dieser als notwendig erachteten Entwicklung gehört neben den oben genannten vor allem auch die Entwicklung des Ernährungsverhaltens der Menschen, die aufgrund ihres steigenden Einkommens nicht mehr nur auf Getreide angewiesen sind, sondern verstärkt nach Fleisch und tierischen Produkten greifen werden. Die wünschenswerte Verringerung der Armut wird die Ressourcen einschränken und damit die angepeilte Verdoppelung der Getreideproduktion mehr als infrage stellen. Dies wird allerdings nur dann Konsequenzen haben, wenn die Ernährungssicherung weiterhin lediglich unter quantitativem Aspekt betrachtet wird. Wir geben uns dann eben damit zufrieden, wenn jeder seine 2100 kcal erhält, egal wie diese aussehen.

Die Folge wäre unweigerlich eine weitere Zunahme des Hidden Hunger.

Die immer wieder magisch apostrophierte Verdoppelung der Erträge, die durch die Nachfrage nach Biotreibstoff keine Verdoppelung für die Hungernden ist, würde aber noch ein weiteres Problem mit sich bringen: Landwirtschaft ist bereits heute ganz wesentlich für Klimaveränderungen, Landerodierung und Wasserverbrauch sowie für den Verlust an Biodiversität verantwortlich.

Bis 2050, so Foley in seiner Analyse, sollten die folgenden Ziele erreicht sein: Steigerung der Agrarproduktion, Steigerung der Lebensmittelversorgung, Verbesserung der Verteilung und Verfügbarkeit von Lebensmitteln sowie der Elastizität des gesamten Lebensmittelsystems. Dies, so der Autor allerdings, kann ebenso wenig erreicht werden wie die Forderung der gleichzeitigen Schonung der Umwelt. Landwirtschaft, so das Resümee von Foley, muss bei dem Versuch, diese Ziele zu erreichen,

• die dabei entstehenden klimarelevanten Gase um 80 % verringern,

• den Verlust an Biodiversität und Lebensraum verringern,

• die Entnahme von Wasser aus nicht nachhaltigen Ressourcen verringern, besonders da, wo dieses Wasser auch für andere Dinge gebraucht wird,

• die Verunreinigung des Wassers durch Chemikalien und andere landwirtschaftliche Rückstände verringern.

Es bedarf keiner großen Fantasie, um sich klarzumachen, dass diese Ziele zu hoch gesteckt sind. Die Profitgier, die unablässige Energieverschwendung, der Umgang mit den Ressourcen, wie Wasser und Land, besonders auch die Rodung bewaldeter Flächen, die geringe Achtung von Lebensmitteln – all dies wird sich nicht kurzfristig ändern. Dabei sind andere Einflüsse, wie längere Trockenzeiten, Kriege und wachsende Armut noch nicht berücksichtigt.

Ein wichtiger, hier aber nicht weiter erörterter Aspekt, der die Verfügbarkeit von Lebensmitteln auf jeder Ebene einschränkt, sind die Verluste, die vor oder nach der Ernte vor allem in Entwicklungsländern eintreten, sowie die in den Müll gelangenden Lebensmitteln in den Ländern, die zu viel davon haben.

 
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