Wie wird die Preisentwicklung in der Zukunft aussehen?

Die Lebensmittelrohstoffpreise werden auch in den nächsten Jahren noch hoch bleiben. Die FAO hat kalkuliert, dass die Weltmarktpreise für Reis, Weizen, Mais und Ölsaaten in der Zeit zwischen 2015 und 2020 um 40 %, 27 %, 48 % und 36 % höher liegen werden als in den Jahren zwischen 1998 und 2003.

Hierbei müssen kurzfristige Schwankungen von langfristigen, permanenten Veränderungen unterschieden werden. Gleichzeitig kann ein realistisches Szenario nur dann angenommen werden, wenn Faktoren wie Klimawandel, Wasserverknappung oder extreme Wetterbedingungen berücksichtigt werden. Auf dieser Basis haben OECD und FAO die zu erwartenden Preissteigerungen bis zum Jahr 2017 berechnet. Demzufolge wird gegenüber 2008 mit realen Preissteigerungen für alle Grundnahrungsmittel in einer Größenordnung von 10–60 % zu rechnen sein. Besonders stark werden die Preise für Ölsaaten und Pflanzenöle steigen (50–80 %), nicht zuletzt durch die Konkurrenz mit den Biotreibstoffen. Weizen, Reis und weitere Getreide werden Preissteigerungen bis 40 % haben. Damit aber wird die Situation der Menschen, die auf diese Grundnahrungsmittel angewiesen sind, immer schlechter, wenn nicht gleichzeitig, ganz im Sinne des MDG 1, die Armut abnimmt.

Grundsätzlich regelt die Nachfrage den Preis, und genau dies ist das sich weiter entwickelnde Dilemma: Die wachsende Weltbevölkerung und der wachsende Wohlstand (nicht in allen Regionen) führen zu einer verstärkten Nachfrage nach Lebensmitteln, insbesondere auch nach höherwertigen (Fleisch, tierischen Produkten) mit allen Folgen. Die Politik der Biotreibstoffe wird ebenso einen wesentlichen Einfluss haben. Steigen die Rohölpreise, wird die Nachfrage nach Biotreibstoffen ebenfalls steigen, was wiederum zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise führen wird. Solange diese Verbindung nicht getrennt werden kann, werden sich immer wiederkehrende Preisschocks mit all ihren Konsequenzen nicht verhindern lassen. Steigen die Ölpreise, werden auch die landwirtschaftlichen Produktionspreise steigen und folglich zu höheren Lebensmittelpreisen führen. Nicht zuletzt werden die sich verändernden Klimabedingungen gerade in den Ländern, die bereits heute unter hohen Preisen für Getreide leiden, ihr Übriges tun. Besonders in diesen Ländern, in denen Wasserknappheit und Bodenerodierung hinzukommen, wird es kaum möglich sein, zu erschwinglichen Preisen Getreide zu produzieren. Die Folge wird sein, dass diese Länder auf Importe und Unterstützung von außen noch mehr als bisher angewiesen sind.

Grundsätzlich darf davon ausgegangen werden, dass Preise in Zukunft noch sehr viel empfindlicher und auch drastischer schwanken, als dies bisher der Fall war. Nehmen extreme Wetterbedingungen wie Trockenheit oder Überschwemmungen zu, so wird dies kurzfristig zu erheblichen Einflüssen auf die Produktion und damit auf die Preise, gerade von Grundnahrungsmitteln, führen.

Auf der Basis der Entwicklungen der Märkte für Grundnahrungsmittel in den letzten Jahren kommen Runge und Senauer (2007) zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Menschen, die sich nicht ausreichend ernähren können, je Prozent Preissteigerung um 16 Mio. zunimmt. Dies werde die Zahl der Hungernden bis 2025 statt der prognostizierten 625 Mio. auf 1,2 Mrd. Menschen erhöhen. 2011 waren es bereits mehr als 1 Mrd. – nicht zuletzt wegen der Konkurrenz der Grundnahrungsmittel mit dem Biotreibstoff. Diese Konkur-

Abb. 6.2 Mittlere Preisentwicklung für Lebensmittel von 2008 bis 2017 in Prozent bezogen auf die Jahre 1998 bis 2007 (OECD/FAO 2011).

renz ist ein spezielles und komplexes Thema, sie wird unweigerlich zur Verschärfung des Hungers beitragen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil im Zuge der Kommerzialisierung des Getreides für die Verwendung als Bioethanol und Tierfutter Sorten gezüchtet werden, die sich nicht mehr an den Bedürfnissen des Menschen orientieren (Morris & Sands 2006). Das als „Züchter-Dilemma“ bezeichnete Problem besteht im Widerspruch zwischen den besonderen Anforderungen an das Getreide im Blick auf die menschliche Gesundheit und Gewinnen durch hohe Erträge für Bioethanol oder Tierfutter. Die Investition in die menschliche Gesundheit ist sicherlich teurer, aber zweifellos im Endeffekt gewinnbringender und nachhaltiger.

Was aber nutzt die Ertragssteigerung, egal wie stark sie nun ausfällt oder wie stark der Klimawandel die hochgesteckten Erwartungen dämpft, wenn sich diejenigen, die auf die Erträge angewiesen sind die Produkte aufgrund der Preise nicht mehr leisten können?

In ihrem Bericht über die Entwicklung der Agrarwirtschaft zwischen 2008 und 2017 kommen FAO und OECD zu dem Ergebnis, dass die Lebensmittelpreise in Zukunft kaum sinken, sondern tendenziell eher steigen werden, von wenigen Ausnahmen abgesehen (Abb. 6.2).

Dies betrifft vor allem die wichtigen Grundnahrungsmittel, die die Ernährungsbasis der Armen bilden (Getreide, Öle). Die Einwohner der heute noch armen Länder werden mit steigendem Wohlstand durch steigende Produktivität (wenn eine Generation heranwächst, die eine solche steigende Produktivität generieren kann) eine zunehmende Nachfrage nach Fleisch haben. Selbst wenn hier nur geringe Preissteigerungen prognostiziert sind, werden die Zerealienpreise der Nahrungsvielfalt einen Strich durch die Rechnung machen. Diese Beziehung zwischen Quantität und verfügbarer Qualität wird bisher nicht hergestellt, und die Berechnung im Hinblick auf den Hunger beschränkt sich daher nach wie vor auf die verfügbare Energiemenge. Die Getreidepreise werden auf dem Hoch der Jahre 2008/2011 verbleiben, die Ölpreise werden, so der OECD-Report, darüber liegen (OECD/FAO 2008). Damit aber bleibt alles beim Alten. Die Ernährung bleibt einseitig, und der Hidden Hunger wird sich von Generation zu Generation „vererben“. Ohne Berücksichtigung der dritten Säule, der Nahrhaftigkeit, wird sich nichts ändern.

 
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