Moderne Biotechnologie

Die verfügbaren und auch die angedachten Verfahren der modernen Agrobiotechnologie können, sofern sie nicht wieder nur auf quantitativer Betrachtung aufbauen, zur Lösung des Hidden-Hunger-Problems beitragen. Zweifellos sind Bemühungen zur Erzeugung von Saatgut, das weniger Wasser benötigt oder mehr Hitze verträgt, eine wichtige Entwicklung, die die zu erwartenden Klimaveränderungen berücksichtigen oder bereits jetzt in wasserarmen Gebieten eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion zum Ziel hat. Inwieweit durch Einkommensverbesserungen der Landwirte hierdurch tatsächlich der Hidden Hunger bekämpft werden kann, muss offenbleiben.

Genetisch modifizierte Lebensmittel (GMO)

Reis als eines der am meisten verzehrten Grundnahrungsmittel enthält neben Eisen und Zink auch Vitamin E, Folsäure und Provitamin A, allerdings etwas ungünstig verteilt. So ist die Menge dieser Vitamine im eigentlichen Reiskorn sehr gering, während in den grünen Blättern der Pflanze beträchtliche Mengen vorkommen. Sie schützen das Blatt vor den schädlichen Wirkungen von UV-Licht und Sauerstoff (beide zusammen generieren freie Radikale). Im Endosperm dagegen, dem verzehrbaren Reiskorn, findet sich kein Provitamin A, da es hier nicht gebildet und gespeichert werden kann. Offensichtlich wird es also von der Pflanze nicht gebraucht. Wenn nun durch genetische Modifikation die Expression von zwei Enzymen induziert wird, wird der Golden Rice gelb, da er das nun gebildete Provitamin A speichert. Die Erklärung liegt in der Tatsache, dass der Stoffwechselweg zur Bildung von Provitamin A in der Reispflanze nicht nur in den Blättern vorhanden ist (Sachub et al. 2005). Die Expression der vorhandenen Enzyme ist unter natürlichen Bedingungen zu gering, um hinreichend große Mengen an Provitamin A zu bilden, da es offensichtlich nicht gebraucht wird.

Ganz anders die Karotte, die ja bekanntermaßen eine der besten Provitamin-A-Quellen ist. Auch hier wird das Provitamin A, zumindest als Radikalfänger, kaum gebraucht, da die Karotte in der Erde steckt und folglich wenig Kontakt zu UV-Licht hat. Dennoch hat eine Mutation, irgendwann im 16. Jahrhundert (in Irland oder den Niederlanden, hier gibt es unterschiedliche Ansichten), zur Bildung von Beta-Karotin geführt. Was tut die Karotte nun mit dem scheinbar nicht benötigten Provitamin? Sie packt es in kleine „Müllbeutel“ aus Zellulose – aus diesem Grund können wir Menschen das Provitamin aus rohen Karotten, und nur aus diesen, kaum aufnehmen, da wir den Müllbeutel nicht öffnen können. Zellulose kann der Mensch nicht knacken, um sie zu verdauen. Golden Rice kann in armen Ländern eine von vielen wichtigen Quellen für eine nachhaltige Vitamin-A-Versorgung werden. Die neuen Varietäten haben weitaus größere Konzentrationen als die ersten Sorten und können so einen ganz wesentlichen Beitrag liefern, vor allem da ihre Bioverfügbarkeit besonders gut ist. Hinzu kommt, dass die Bildung von Vitamin A aus dem Provitamin deutlich besser ist als aus anderen Quellen (Tang et al. 2009). Dies ist jedoch nicht das einzige Lebensmittel, das mit dem Ziel einer Versorgung der Bevölkerung mit essenziellen Mikronährstoffen gentechnisch verändert wurde oder werden soll (Bouis et al. 2003). Bei Ölsaaten wird versucht, den Gehalt an essenziellen Fetten zu erhöhen bzw. den Gehalt an feh-

Tab. 7.5 Beispiele für angereicherte Lebensmittel (Johns & Eyzaguirre 2006).

lenden oder nur in geringer Menge vorhandenen essenziellen Aminosäuren (z. B. Methionin) zu verbessern.

Eine der meist diskutierten Fragen ist dabei, welchen Nutzen die Armen von dieser Entwicklung haben – sowohl hinsichtlich des Anbaus und damit der Versorgung der Kinder und Frauen als auch hinsichtlich der genetischen Veränderung. Bezieht man den Nutzen auf die genetische Modifikation, so rechnen Qaim und Kollegen (2006), je nach konservativer oder optimistischer Kalkulation, mit jährlich 5500 bzw. 39 700 Kindern allein in Indien, wo jährlich 71 500 Kinder an Vitamin-A-Mangel versterben, die durch den Golden Rice der zweiten Generation gerettet werden könnten (Stein 2006). Was die Verbesserung der Lebensmittelsicherheit der Armen angeht, so mag dies für Vitamin A erreicht werden, sofern die Kosten für den Erwerb und Anbau des Golden Rice sich nicht von bisherigen konventionellen Reissorten unterscheiden. Was nutzt es dem armen Kleinbauern, wenn er den Reis für seine Familie verwenden kann, die höheren Kosten aber die Möglichkeit einer ansonsten größeren Lebensmittelvielfalt ausschließen? Der Vitamin-A-Mangel wird zwar erfolgreich bekämpft, die anderen Defizite bleiben.

Im Jahr 2008 wurden gentechnisch veränderte Getreide auf 300 Mio. Morgen weltweit in 25 Ländern angebaut, davon 15 Entwicklungsländer (zitiert nach Federoff et al. 2010). Geht es um den Hidden Hunger, so muss auch die Gentechnik als Option mit erörtert werden. Syngenta, eine britische Saatgutfirma, die die Rechte am Golden Rice besitzt, will diesen an afrikanische Subsistenzfarmer ohne zusätzliche Kosten liefern, behält allerdings alle kommerziellen Rechte. Bis Ende 2012 will das internationale Reisinstitut den Golden Rice im asiatischen Raum einführen.

Solange keine alternativen und gut verfügbaren Quellen für Vitamin A vorhanden sind, stellt der Golden Rice, aber auch andere Entwicklungen, die in diese Richtung gehen, eine wichtige Grundlage im Kampf gegen Defizite, z. B. den Vitamin-A-Mangel, dar. Würde man allerdings das rote Palmöl für die Bevölkerung preisstabiler und verfügbarer machen, hätte man eine weitaus bessere und preisgünstigere Quelle. Solange wir aber bereit sind, dieses wertvolle Öl als Kraftstoff zu verheizen, müssen wir uns der Diskussion um den Golden Rice und andere durch gentechnische Verfahren in ihren Inhaltsstoffen modifizierte Lebensmittel stellen.

Berücksichtigt man die Tatsache, dass die Entwicklung des Golden Rice bis zur Verfügbarkeit für den Verbraucher mehr als 15 Jahre gebraucht hat, so sind gentechnisch veränderte Lebensmittel, zur Bekämpfung des Hidden Hunger zwar eine Option, aber kaum eine geeignete Lösung des Problems.

Die Realität der GMO ist leider so, dass in erster Linie Erträge das Ziel sind und nicht die Qualität. Insekten- und herbizidresistente Sorten stehen dabei im Vordergrund. Zwar lässt sich mit den entsprechend veränderten Getreidesorten zeigen, dass Ertragslücken, die durch Krankheiten oder hohen Wasserbedarf entstehen, geschlossen werden können, letztlich wird damit das Problem der chronischen Unterernährung nur zum Teil gelöst.

 
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