Biofortifikation

Ziel der Biofortifikation (Bioanreicherung) ist es, durch züchterische Verfahren die Mikronährstoffdichte in landwirtschaftlich erzeugten Grundlebensmitteln zu steigern, um damit die Versorgung der Bevölkerung mit Mikronährstoffen zu verbessern. Durch gezielte Suche nach Varietäten mit hoher Mikronährstoffdichte sollte es möglich sein, diese für die Landwirtschaft auch in armen Gebieten verfügbar zu machen. Bei Reis etwa gibt es Varietäten, die besonders viel Eisen enthalten, das offensichtlich auch eine gute Bioverfügbarkeit aufweist (Haas et al. 2005). Die Mikronährstoffe, die durch Biofortifikation in den Grundlebensmitteln angereichert werden sollen, sind Provitamin A in Cassava, Mais und Süßkartoffeln sowie Eisen und Zink in Bohnen, Reis und Weizen (Tab. 7.5).

Analysiert man Tab. 7.5, zu der inzwischen sicherlich noch weitere Lebensmittel hinzugekommen und viele in den Labors der großen Unternehmen angedacht sind, so muss man zwei Aspekte trennen: interessante Veränderungen, die vor allem den reichen Ländern und den Ansprüchen auf Prävention und Langlebigkeit entgegenkommen, und solche, die gezielt der Bekämpfung des Hidden Hunger gelten. Im ersten Fall ist das Ziel, den Fettgehalt im Sinne gesunder Fettsäuren (Ölsäure, n-3-Fettsäuren, Gamma-Linolensäure) zu modifizieren – gesund, weil damit die oft vollmundigen Versprechen um den Schutz vor Gefäßerkrankungen oder auch Demenz oder kindliche Hirnentwicklung einhergehen. Den Menschen in den armen Ländern Prävention durch Verzehr von Ölen zu versprechen, die außer den genannten Fettsäuren keinen weiteren Mehrwert haben, ist noch nicht einmal ein gutes Geschäft, da die meisten Menschen in diesen Ländern diese Öle kaum erwerben können. Damit aber wird wieder einmal in einem Land mit schweren Ernährungsproblemen ein Lebensmittel produziert und dann ins Ausland verkauft. Die Biofortifikation von Vitamin A, Eisen oder Zink dagegen kommt vor allem der armen Landbevölkerung zugute, ist aber auch wieder stark vom Preis abhängig. So sind in 100 g der Süßkartoffel ca. 12–14 mg Provitamin A neben geringen Mengen an Zink und Eisen zu finden. 100 g decken daher mehr als den Tagesbedarf an Vitamin A ab, sodass auch weniger ausreichen würde, um die Vitamin-A-Versorgungslücke zu schließen.

Howard Bouis, der Initiator des HarvestPlus Program, das sich mit Biofortifikation befasst, hat errechnet, dass z. B. 80 Mio. US-Dollar ausreichen würden, um 80 Mio. Kinder in Asien für zwei Jahre mit Vitamin-A-Supplementen zu versorgen oder ein Drittel der Bevölkerung Südasiens für zwei Jahre mit Eisen. Letztlich würde dieser Betrag ausreichen, um sechs Grundnahrungsmittel für die Weltbevölkerung auf dem Wege der Biofortifikation mit kritischen Mikronährstoffen anzureichern (Bouis et al. 2003).

Gerade die Abnahme der Lebensmittelvielfalt infolge von Armut und unzureichender Kenntnis führt aber sowohl in reichen als auch in armen Ländern zu Defiziten mit gesundheitlichen Folgen. Während in armen Ländern vorwiegend Kinder und Mütter mit allen beschriebenen Folgen der Mangelernährung betroffen sind, trägt diese eingeschränkte oder besser einseitige Lebensmittelwahl in reichen Ländern zum weltweiten Anstieg von Übergewicht, Diabetes und Herzerkrankungen bei. Angereicherte Lebensmittel in Industrienationen helfen zwar Versorgungslücken (z. B. Jod, Eisen, Folsäure, Vitamin D) zu schließen, sie können aber eine gesunde Ernährung, d. h. eine Ernährung, die alle Mikronährstoffe in ausreichender Menge liefert, nicht ersetzen. Gleiches gilt für arme Länder, wenngleich hier das Schließen der bekannten und weit schwerwiegenderen Versorgungslücken mit angereicherten Lebensmitteln in ihrer Wirkung sicherlich effektiver ist.

 
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