< Zurück   INHALT   Weiter >

6 Media Governance in Mexiko

Mexikos Mediensektor ist nicht nur in Sachen Pluralismus unterreguliert. Vielmehr ist es den politischen Akteuren seit der Transition, der Abwahl des PRI im Jahre 2000, nicht gelungen, die Medienregulierung an die Bedürfnisse und Erfordernisse eines demokratischen Gemeinwesens anzupassen. Das Radio- und Fernsehgesetz von 1960 wurde erst 2006 in der berüchtigten „Ley Televisa“ reformiert, in der weiter dereguliert wurde und das regulative Vakuum erhalten blieb, von dem staatliche und zivilgesellschaftliche Medien betroffen sind.

Ähnlich wie in Italien weist der Journalismus als Beruf in Mexiko nur einen geringen Grad an Autonomie und Professionalisierung auf. Zudem handelt es sich um ein hochgefährliches Berufsfeld: Seit 2003 wurden 80 Journalisten ermordet, 17 von ihnen sind

„verschwunden“ (Reporter ohne Grenzen 2013). Damit nimmt Mexiko, zusammen mit dem Irak und nach Pakistan, den zweiten Rang der für Journalisten gefährlichsten Länder der Welt ein. Diese Zahlen weisen darauf hin, dass mexikanische Journalisten in einem weitgehend unregulierten Bereich agieren, in dem noch nicht einmal ihre körperliche Unversehrtheit hinreichend geschützt ist. Der Zugang zur Profession ist nicht formalisiert. Journalist ist, so steht es im Ethikcode des Dachverbandes der mexikanischen Journalistenverbände FAPERMEX (Federación de Asociaciones de Periodistas Mexicanos), wer dem Journalismus in jedweder Form berulich in regulärer Beschäftigung oder als Haupterwerbsquelle nachgeht. Zwar nehmen mexikanische Journalisten sich selbst nicht in erster Linie als Arbeitnehmer, sondern als Mitglieder einer Profession mit besonderem Status – als „Vierte Gewalt“ – wahr, dennoch führt, so argumentiert Fuentes Muñiz (2008, S. 29) gerade diese Einstellung zu einer Statusgruppe von Individualisten, die zum größten Teil nicht nur wenig Interesse für professionelle Organisationen oder Gewerkschaften zeigten, sondern diese in ihrer Mehrheit ablehnten.

Eine Selbstregulierung der Medien findet in Mexiko allenfalls auf dem Papier statt, es existieren jedoch keine Institutionen, die ethische Standards durchsetzen oder sanktionieren und die Interessen der Profession nach außen vertreten. Die interne Struktur der Medienbranche weist einen losen Netzwerkcharakter auf; Medienunternehmer und Journalisten agieren jeweils in eigenen Verbänden. Die Liste an Journalistenverbänden ist lang. Der Dachverband FAPERMEX führt 99 regionale Verbände, davon 16 allein in der Hauptstadt. Hinzu kommt das 1995 gegründete Nationale Journalistennetzwerk (Red Nacional de Periodistas) mit 1500 Mitgliedern – das aber nicht einmal über eine eigene Webseite verfügt; auch darin spiegelt sich der schwache Grad an Institutionalisierung der Medienbranche in Mexiko.

Insgesamt zeigen sich Mexikos Journalisten und Medieneigentümer sehr vernetzungsfreudig – wenngleich diese Aktivitäten bisher zu keiner effektiven Institutionalisierung von Selbstregulierungsmechanismen führten. Auch der Verband der kommerziellen Medienunternehmer Cámara Nacional de la Industria de Radio y Televisión (CIRT) installierte bisher keinen eigenen Ethikcode, dafür aber eine Ethikrichtlinie als Grundlage für Ethikcodes innerhalb der Mitgliedsunternehmen und strukturiert damit die Selbstorganisation der Medienunternehmen vor. Die Ethik-Richtlinie des CIRT war, dies illustriert den bereits beschriebenen reaktiven Charakter von Selbstregulierung, bei einem Symposium der Mitglieder 1998 beschlossen worden, auf dem sich die mexikanische private Rundfunkindustrie gegen eine Reform positionierte, die das Recht auf öffentliche Information (derecho de la informacion) implementierte (Martínez 2009, S. 29). Einen Presseoder Medienrat, der verbindliche Normen vorgibt, ihre Einhaltung überwacht und Verstöße sanktioniert oder ein Ombudsverfahren für Journalisten gibt es auch in Mexiko nicht.

Ein Vergleich der Ethikcodes von Televisa und TV Azteca verdeutlicht die großen Unterschiede, die in der Selbstorganisation von Unternehmen innerhalb der gleichen Branche bestehen können. Dabei ist bereits die Existenz von Ethikcodes in Medienorganisationen in Mexiko ein Fortschritt, da im Land zwar 730 Fernsehkanäle, 1488 Radiosender und 340 Tageszeitungen existieren, aber nur 30 interne Ethikcodes (Martinez 2009). Während in beiden Fällen viel Wert auf die Verantwortung der Mitarbeiter gegenüber dem Unternehmen gelegt wird, setzt zumindest TV Azteca auch Regeln mit Bezug auf journalistische Qualität und gesellschaftliche Verantwortung (allein der wahrheitsgemäßen und objektiven Berichterstattung widmen sich sechs Unterartikel, Klinger 2011a, S. 223).

Der Ethikcode von TV Azteca zeigt, wie stark Medienunternehmen sich in die inhaltliche Ausgestaltung des Programms einbringen können – auf eine Weise, die staatlichen Akteuren in Demokratien gänzlich unmöglich wäre. In einem Glossar, dass dem Ethikcode beigefügt ist, sind 39 Themen und ihre „adäquate“ Behandlung aufgelistet, darunter Abtreibung, Scheidung, Staat, Regierung, Tod, Freiheit, Religion, Vergewaltigung usw. Auch enthält der Ethikcode von TV Azteca das Recht auf Gegendarstellung (derecho de replica), das erst seit der Verfassungsreform 2007 verbindlich per Gesetz eingefordert wird. Dies verdeutlicht, dass Selbstorganisation und Selbstregulierung einfacher und lexibler Regeln setzen können und so auch Regeln einführen können, für die es im politischen Prozess (noch) keine Mehrheiten gibt. In der Praxis ist ein solches proaktives Vorgehen jedoch selten. Hier bestünde also die Möglichkeit, verbindliche Regeln für einen inhaltlichen Pluralismus in der Berichterstattung zu setzen – die aber versäumt wird.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >