Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Wirtschaftsunterricht aus der Sicht von Lehrpersonen
< Zurück   INHALT   Weiter >

2.1.6 Auswahl und Rekonstruktion ökonomischer Inhalte

In den vorangegangenen Ausführungen wurde der Erwerb ökonomischer Kompetenzen als wesentliches Bildungsziel ökonomischer Bildung erläutert. Auch wenn sich in der ökonomischen Bildung die Outcome-Orientierung als fachdidaktisches Prinzip durchgesetzt hat, sind nach wie vor Inhalte zu bestimmen, anhand derer Kompetenzen gelehrt und gelernt werden können und sollen. In der ökonomischen Bildung sind hierzu im Wesentlichen die folgenden Ansatzpunkte verbreitet, die mit dem Erwerb ökonomischer Kompetenz(en) in einem engen Zusammenhang stehen:

Abbildung 4 Ansatzpunkte zur Auswahl von ökonomischen Inhalten

Diese Ansatzpunkte sind nicht als isoliert zu verstehen, da sich sowohl zwischen den Kategorien und den Inhaltsbereichen als auch zwischen den Akteuren und Rollen Übereinstimmungen ergeben. Außerdem sind sie nicht einzelnen fachdidaktischen Ansätzen zuzuordnen, sondern sind als fachdidaktische Auswahlprinzipien ansatzübergreifend. In Bezug auf die Erhebung der Lehrervorstellungen

– v. a. den Vorstellungen zur Unterrichtung von Wirtschaft – gilt es, im Rahmen der Auswertung der Interviews, zu analysieren,

• welche Ansatzpunkte die interviewten Lehrerinnen und Lehrer nach ihren Angaben zur Auswahl und Rekonstruktion wirtschaftlicher Inhalte nutzen und

• welche Rolle fachdidaktische Ansatzpunkte (Kategorien, Inhaltsbereiche/Akteure und/oder Rollen) hierbei spielen (vgl. Kapitel 6.3 und 6.4).

Da die Orientierung an Lebenssituationen und ökonomischen Rollen in den vorangeganenen Kapiteln bereits in Bezug auf den Lebenssituationen-Qualifikationen-Ansatz sowie anhand des Kompetenzmodells von Seeber, Retzmann, Remmele und Jongebloed (2012) dargestellt wurde, wird an dieser Stelle auf eine Wiederholung verzichtet. Für die kategoriale Bestimmung von ökonomischen Lehr-Lern-Inhalten wird der Ansatz von Kruber (1994, 2000) exemplarisch dargestellt. Zu berücksichtigen gilt es an dieser Stelle, dass auch andere fachdidaktische Ansätze auf die Formulierung von Kategorien zurückgreifen (vgl. u. a. Kaminski/Eggert 2008; Seeber et al. 2012). Die Bestimmung von Inhaltsbereichen bzw. Akteuren im Wirtschaftsgeschehen und die Formulierung von didaktischen „Ordnungsversuchen“ ist wesentlich dem ordnungstheoretischen Ansatz zuzuordnen (vgl. u. a. Kaminski/Eggert 2008).

Kruber legt in seiner kategorialen Wirtschaftsdidaktik, in Anlehnung an die bildungstheoretische Didaktik auf der einen Seite und wirtschaftsund politikdidaktische Ansätze auf der anderen Seite dar, dass es aufgrund der Quantität und Dynamik ökonomischer Wissensbestände notwendig sei, eine exemplarische Auswahl an Inhalten zu treffen, die „Grundformen, -strukturen, -typen, -beziehungen“ des Faches aufzeigen können (vgl. ebd. 2000, S. 287). Kategorien werden von Kruber in Anlehnung an Sutor als eine an der Struktur der jeweiligen Wissenschaft orientierten Strukturierung beschrieben. Diese können didaktisch funktional genutzt werden, weil sie Komplexität reduzieren und somit das Lehren und Lernen erleichtern, einen exemplarischen Zugang ermöglichen können und eine gewisse Beständigkeit aufweisen (vgl. ebd. 2000, S. 287). Im Hinblick auf die Vorstellung der Wirtschaftslehrpersonen zum Lehren und Lernen im Wirtschaftsunterricht gilt es, zu prüfen, inwiefern und inwieweit

• Exemplarität bei der Auswahl von Unterrichtsinhalten ökonomischer Bildung eine Rolle spielt und welches subjektive Verständnis des Prinzips die Lehrpersonen in den geäußerten Vorstellungen explizieren (vgl. Kapitel 6.2.2).

Die Auswahl an geeigneten Kategorien ist bei Kruber – vor allem im Hinblick auf das Unterrichtsfach Wirtschaft/Politik in Schleswig-Holstein

– wirtschaftspolitisch geprägt. Darüber hinaus nimmt er Bezug auf die ökonomische Verhaltenstheorie, die ökonomische Interaktionstheorie und ordnungspolitisches Denken (vgl. ebd., S. 290). Dies unterscheidet seinen ökonomisch-kategorialen Ansatz von den Ansätzen von Dauenhauer und May, die eher mikroökonomisch ausgerichtet sind, und macht die Nähe zu fachdidaktischen Ansätzen, wie dem von Kaminski, aber auch zum institutionentheoretischen fachdidaktischen Ansatz von Krol et al. deutlich. Zur Auswahl geeigneter Unterrichtsinhalte für den Wirtschafts(-Politik)-Unterricht formuliert Kruber auf der Basis der von ihm als bildungstheoretisch relevant eingestuften ökonomischen Theorien sogennante „Stoffkategorien“, die den Kern seiner kategorialen Didaktik ausmachen und dreizehn thesenartig formulierte fachliche Kategorien umfassen (vgl. S. 292ff.). Diese Stoffkategorien werden durch

„didaktische Leitfragen an den Stoff“ und „allgemeindidaktische Fragen“ ergänzt, die die Auswahl von Unterrichtsinhalten erleichtern sollen. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht zu Krubers fachlichen und didaktischen Kategorien sowie zu den didaktischen Leitfragen an den Stoff (vgl. Tabelle 1).

Stoffkategorien der Wirtschaft

Didaktische Leitfragen an den Stoff

Allgemeindidaktische Fragen

- Knappheit und Bedürfnisse

- Entscheidungen

- Arbeitsteilung

- Märkte und Wettbewerb

- Geld und Wirtschaftskreislauf

- Interpendenzen und Zielkonflikte

- Instabiltiät

- soziale Ungleichheit und ökologische Probleme

- Eingriffe des Staates

- Interessenkonflikte

- Gegenstand politischer Auseinandersetzungen

- Wirtschaftsordnung

- Hat der Stoff eine über den Tag hinausreichende Bedeutsamkeit für die Lernenden?

- Eignet sich der Stoff zur Offenlegung von wirtschaftlichen Zusammenhängen?

- Eignet sich der Stoff zur Offenlegung von Grundsätzen der Wirtschaftsordnung?

- Eignet sich der Stoff, die engen Verbindungen von Wirtschaft und Politik zu erkennen?

- Eignet sich der Stoff, ethische Grundfragen des Wirtschaftens zu beschreiben?

- Handelt es sich um ein aktuelles Problem?

- Hat der Stoff Bezüge zur gegenwärtigen bzw. zukünftigen Lebenssituation der Lernenden (subjektive Betroffenheit)?

- Eignet sich der Stoff zum Entscheidungstraining, d. h., handelt es sich um ein offenes Problem, das verschiedene Lösungsmöglichkeiten zulässt?

- Eignet sich der Stoff zum Erlernen von Verhaltensweisen in der Situation?

Tabelle 1 Kategorien und didaktische Fragen nach Kruber (2000, S. 292ff.)

Deutlich wird an den Kategorien und didaktischen Fragen von Kruber, welche grundlegende Bedeutung der LSQ-Ansatz auch in den didaktischen Leitfragen an den Stoff und den allgemeindidaktischen Fragen seiner kategorialen Didaktik hat. Auch in Anknüpfung an den kategorialen Ansatz nach Kruber lässt sich im Hinblick auf den Interviewleitfaden begründen, warum die Begriffe Lebensweltorientierung, Zukunftsorientierung und Aktualität als Gesprächsimpulse zu den fachdidaktischen Prinzipien eingesetzt werden. Inwiefern die wirtschaftspolitisch geprägten Kategorien Krubers insbesondere eine fachdidaktische Referenz für die Vorstellungen der PolitikWirtschaftslehrpersonen darstellt, gilt es zu prüfen.

Im ordnungstheoretischen Ansatz von Kaminski wird, in Anknüpfung an die bildungstheoretische Didaktik und auf Basis eines ökonomischmethodologischen Fundaments, auf Kategorien zur fachdidaktischen Reduktion und Rekonstruktion von für den Wirtschaftsunterricht geeigneten Inhalten zurückgegriffen und es werden vier didaktische

„Ordnungsversuche“ zur Systematisierung und Strukturierung ökonomischer Bildung vorgeschlagen:

- „Entwicklung eines Verhaltensmodells (Wie handeln Individuen?)“,

- „Auseinandersetzung mit den zentralen Akteuren sowie deren

Beziehung zueinander im Wirtschaftsprozess?“,

- „Erfassen und Ordnen des Institutionenund Regelsystems einer Wirtschaftsordnung“ und

- „Identifizierung von Kategeorien, die allen wirtschaftlichen

Handlungen immanent sind“ (Kaminski/Eggert 2008, S. 14f.).

Die Ordnungsversuche umfassen somit verschiedene Ebenen (Mikro-, Mesound Makroebene) und weisen Bezüge zur ökonomischen Theorie (Verhaltenstheorie, Neue Institutionentheorie, Ordnungsökonomik) und kategorialen Ansätzen auf. In der Konzeption von Kaminski und Eggert werden außerdem „Inhaltsbereiche ökonomischer Bildung“ definiert:

„Wirtschaftsordnung“, „private Haushalte“, „Unternehmen“, „Staat“, „internationale Wirtschaftsbeziehungen“, „Arbeit und Beruf“ (ebd., S. 12). Inhaltsbereiche und Ordnungsversuche ermöglichen eine fachdidaktische Auswahl von Themen und Inhalten für den Wirtschaftsunterricht, die mithilfe entsprechender Methoden umgesetzt werden können, um ökonomische Kompetenzen zu vermitteln.

Deutlich wird, dass aus fachdidaktischer Sicht die Auswahl der im Wirtschaftsunterricht zu behandelnden Inhalte stets auf Basis eines wirtschaftswissenschaftlichen Fundaments, aber auch immer mit Blick auf die Lebenssituationen der Lernenden und der zu vermittelnden Kompetenzen erfolgen muss. Zur Auswahl und fachdidaktischen Rekonstruktion geeigneter Inhalte werden in der Fachdidaktik didaktische Werkzeuge wie Kategorien und Ordnungsversuche genutzt, um eine fachlich angemessene, exemplarische und an den Bildungszielen orientierte Auswahl aus der Fülle ökonomischer Inhalte zu treffen. Inwiefern und inwieweit Wirtschaftslehrpersonen in ihren Vorstellungen zum Lehren und Lernen im Wirtschaftsunterricht Bezug hierauf nehmen, gilt es, in der Analyse der Lehrervorstellungen zu überprüfen.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften