< Zurück   INHALT   Weiter >

Anna Christmann: Von Government zu Governance? Acht europäische Metropolregionen im Vergleich

Zusammenfassung: Der vorliegende Artikel geht von der allgemeinen These eines Trends von Government zu Governance aus und testet diese anhand einer vergleichenden Studie von acht europäischen Metropolregionen. Urbane Räume werden aufgrund eines anhaltenden Bevölkerungszuwachses immer wichtigere Akteure in einer globalisierten Welt und stehen daher zunehmend im Zentrum von Governance Studien, die entsprechend des New Regionalism ebenfalls von einem Trend zu netzwerkorientierten Entscheidungsstrukturen ausgehen. Die hier vorgelegte Studie zeigt jedoch auf, dass keinesfalls von einem eindeutigen Trend gesprochen werden kann, sondern je nach Kontext unterschiedliche Entwicklungen regionaler politischer Systeme zu beobachten sind. Die geopolitische Lage, das nationale Regierungssystem und die Intensität des Problemdrucks werden als entscheidende Faktoren identifiziert, die beeinlussen, ob neue Formen von Government oder Governance entstehen oder bestehende Strukturen beibehalten werden.

Schlüsselwörter: Urban Studies • New Regionalism • Pfadabhängigkeit • Netzwerke • APES

From government to governance? Comparing eight European metropolitan areas

Abstract: The article starts out from the general assumption of a trend from government to governance and tests it by means of a comparative study of eight European metropolitan areas. Due to the continuous growth of the population, urban areas are turning into increasingly relevant actors in a globalized world. They have thus increasingly become the focal point of governance studies. In line with the new regionalism, governance studies also assume a trend toward networkoriented decision-making structures. However, the analysis shows that there is no clear trend. Rather, the regional political systems develop in a different manner depending on the context. According to the author, new forms of government or governance arise or existing structures are maintained depending on the geopolitical location and national system of government as well as on how compelling the problem is.

Keywords: Urban studies • New regionalism • Path dependency • Networks • APES

1 Einleitung

Entsprechend des Titels dieses Sonderhefts wird in der Governance Forschung oft von einem klaren Trend von Government zu Governance gesprochen (Klijn 2008, Rhodes 1996). Klassische Regierungssysteme wandeln sich zu neuen Governance Formen, in denen verschiedene öffentliche und private Akteure an Entscheidungsprozessen beteiligt werden, ohne dass diese durch klassische demokratische Verfahren vom Volk delegiert werden – so die These der Governance Forschung. Als Ursache für diese Entwicklung werden im Allgemeinen die geringer werdende Bedeutung von nationalen Grenzen im Zuge der Europäisierung und Globalisierung genannt (Blatter 2009; Brenner 2004; Macleod und Goodwin 1999).

Metropolregionen sind ein Beispiel für politische Systeme, deren Grenzen sich permanent verändern und die nur im Zusammenspiel mit anderen Ebenen und Akteuren bestehen können. Ein anhaltender Bevölkerungszuwachs in urbanen Regionen stärkt metropolitane Zentren und macht sie zu wichtigen Akteuren in einer sich weiter globalisierenden Welt (Kübler und Heinelt 2005; Phares 2004; Sellers 2002, 2005). Folgerichtig setzt sich auch die politikwissenschaftliche Literatur zunehmend mit den Entscheidungsstrukturen von Metropolregionen auseinander und sucht Erklärungsmuster für die Entwicklung regionaler politischer Systeme.

Die Theorie des New Regionalism (Kübler und Schwab 2007; Savitch und Vogel 2000) postuliert, dass Netzwerke und politikbereichsspezifische Koordination zunehmend klassische lokale Regierungssysteme ablösen, da die Kernstädte die zunehmend regionalen Aufgaben in Verkehr, Raumplanung, Wirtschaft und weiteren Bereichen allein nicht mehr bewältigen können. Folgt man hingegen eher dem Literaturstrang der Metropolreformen (Lefèvre 1998), ist im Gegenteil gerade eine Institutionalisierung auf höherer Ebene anzuraten, um Koordinationsschwierigkeiten zwischen verschiedenen politischen Einheiten und privaten und öffentlichen Akteuren zu lösen. Empirisch ist die Grundlage für beide Thesen bisher schmal und beruht in der Regel auf einer Sammlung von Einzelfallstudien oder auf vergleichenden Analysen, die sich auf ein Land beschränken (Basten 2009; Heinelt und Kübler 2005; Hoffmann-Martinot und Sellers 2005; Koch 2013; Zimmermann und Heinelt 2012).

Der vorliegende Artikel überprüft diese Thesen daher in einem international vergleichenden Design anhand von acht europäischen Metropolregionen. Je zwei Fälle aus vier Ländern werden betrachtet, um zu prüfen, ob ein allgemeiner Trend von Government zu Governance tatsächlich existiert. Untersucht werden dazu die Entwicklung der regionalen Entscheidungsstrukturen in den letzten Jahrzehnten, sowie je zwei Beispiele für konkrete Entscheidungsprozesse innerhalb von zwei Politikfeldern während dieses Zeitraums.

Die vergleichenden Fallstudien zeigen auf, dass es in den Metropolregionen keinesfalls einen eindeutigen Trend von Government zu Governance gibt. Vielmehr hängt die institutionelle Entwicklung der Regionen im Zuge der Globalisierung und Europäisierung stark von ihren lokalen Kontextbedingungen, wie bereits bestehenden Institutionen und den konkreten Politikherausforderungen, ab. Je nach lokalem Kontext kann eine Entwicklung von Government zu Governance stattfinden, neue Institutionen auf Metropolebene, die für eine gegenläufige Entwicklung stehen, lassen sich aber ebenso beobachten. Andere Regionen verfügen wiederum über stabile Regimes, die kaum institutionellen oder prozeduralen Änderungen unterliegen.

Bevor diese Ergebnisse im empirischen Teil näher erläutert werden, stellt der Artikel zunächst den theoretischen Hintergrund der traditionellen These „von Government zu Governance“ und insbesondere deren Relevanz für Metropolregionen dar. Anschließend wird die allgemeine These eines Trends zu netzwerkorientierten Entscheidungsstrukturen auf Metropolregionsebene anhand der vergleichenden Fallstudien getestet. Aufbauend auf diesen Ergebnissen werden in den Schlussfolgerungen neue Hypothesen für die zukünftige Governance Forschung vorgeschlagen. Anstatt von einem generellen Trend auszugehen, erscheint es zielführender, Ursachen für unterschiedliche Entwicklungen von Entscheidungsstrukturen in sich verändernden politischen Räumen zu identifizieren. Dieser Artikel schlägt die geopolitische Lage, den nationalen Kontext, sowie den konkreten Problemdruck als Ursachen für die unterschiedliche Entwicklung von urbanen Regimen vor.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >