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3 Forschungsdesign

Zur Überprüfung und Präzisierung der dargestellten Hypothesen werden qualitative, international vergleichende Fallstudien durchgeführt, in denen die Entwicklung der politischen Systeme der verschiedenen Regionen in zwei Politikbereichen aufgezeigt werden. Vergleichende Fallstudien werden unter anderem von Denters und Mossberger (2006) empfohlen, um erklärende Faktoren herauszufiltern. Das ist im Hinblick auf vergleichende Forschung nicht neu, unterstreicht aber, dass komparative Studien in der Metropolregionsforschung bisher zu kurz gekommen sind. Hier wird eine mittlere Fallzahl von acht Regionen in vier Ländern gewählt, um die Fälle ausreichend detailliert untersuchen, gleichzeitig aber eine Varianz in den politischen Entscheidungsstrukturen der Metropolregionen vergleichen zu können.

Die Fallauswahl ist ein entscheidender Schritt für ein erfolgreiches medium-N Design. Für die vorliegende Studie wird ein zweistufiges Auswahlverfahren angewendet, das auf nationalen und lokalen Kriterien beruht. Zum ersten werden Länder ausgewählt, die unterschiedlichen lokalen Regierungssystemen folgen. Deutschland weist das so genannte Nord- und Mitteleuropäische lokale Regierungssystem auf, das lokalen Einheiten eine große Bedeutung zumisst. Die Schweiz folgt einem vergleichbaren System, ergänzt durch starke direkte Demokratie. Beides sind zudem ausgeprägte Föderalstaaten, in denen Kommunen, Länder und Kantone, sowie der Bundesstaat zum Teil eigenständige politische Ebenen darstellen. Demgegenüber stehen die beiden Zentralstaaten Großbritannien und Frankreich, die nur schwach ausgeprägte regionale und lokale Einheiten aufweisen. Großbritannien folgt dabei aber einem anderen lokalen Regierungssystem (Anglo) als Frankreich (Franco). In ersterem haben lokale politische Einheiten traditionell eine geringe politische Bedeutung, bewältigen aber zahlreiche lokale Aufgaben eigenständig. Das französische System misst lokalen Einheiten hingegen eher eine politische als eine funktionale Bedeutung bei, in der die Repräsentation der eigenen Region in höheren Ebenen an erster Stelle steht (Kübler und Heinelt 2005, S. 20).

Innerhalb dieser Staaten werden je zwei Metropolregionen ausgewählt. Zum einen die jeweilige Hauptstadt, die internationalen Entwicklungen besonders stark ausgesetzt ist, zum anderen ein weiterer Fall, der sich möglichst hinsichtlich des regionalen Government oder Governance Schemas unterscheidet. Es wird keine Zufallsauswahl verfolgt, sondern explizit nach einer Varianz in der abhängigen Variablen gesucht, um die These des einheitlichen Trends zu widerlegen. Die räumliche Definition der ausgewählten Metropolregionen, die auf Pendlerströmen zwischen dem Zentrum und der Peripherie basiert, beruht auf Hoffmann-Martinot und Sellers (2005).

In Deutschland verfügt die Hauptstadt Berlin über keine neue Institution auf Metropolebene, die Eigenschaft des Stadtstaats macht es geopolitisch allerdings zu einem besonders interessanten Fall. Stuttgart liegt demgegenüber in einem großen Bundesland, und hat eine Institution auf Metropolebene gegründet, den Verband Region Stuttgart. In Frankreich ist die Lage sehr ähnlich, da Paris ebenfalls keine neue Institution gegründet hat, allerdings die Region Ile-de-France in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Im Fall Lyon wurde hingegen mit Grand Lyon eine institutionalisierte Metropolregion ins Leben gerufen. In Großbritannien ist mit Greater London in der Hauptstadt eine neue Metropolitaninstitution entstanden, während Birmingham dem Typ der Stadt innerhalb einer größeren Region entspricht, der keine neue Institution gegründet hat. In der Schweiz werden Bern und Zürich gewählt. Zwar verfügt keine der beiden Städte über eine umfassende neue Institution auf Metropolregionsebene, geopolitisch handelt es sich jedoch um interessante Fälle, da Bern innerhalb eines großen Kantons gelegen ist, während die Metropolregion Zürich beinahe mit dem Kanton Zürich identisch ist.

Methodisch werden die acht ausgewählten Metropolregionen zunächst in ihrer generellen Entwicklung verglichen. Wie haben sich die Entscheidungsstrukturen in den letzten Jahrzehnten bis heute verändert, wie ist die geopolitische Lage, wann hat sich die jeweilige neue Institution gegründet? Der Beginn des Beobachtungszeitraums variiert zwischen den Metropolregionen, je nachdem ab wann Regionalisierung ein lokales Thema im jeweiligen Fall geworden ist. Die jüngsten Veränderungen der metropolitanen Governance Strukturen und der Status Quo 2012 stehen jeweils im Zentrum der Analyse. Nach diesem generellen Vergleich auf der Grundlage von Dokumentanalysen und Sekundärliteratur, wird der Fokus auf konkrete Entscheidungsprozesse in zwei Politikfeldern gelegt, um detailliert die aktuellen Akteursstrukturen in den Regionen zu erfassen. Durch Prozessanalysen auf der Grundlage von umfangreichen Fallstudien anhand von Dokument-, Internet- und Medienrecherchen, wird untersucht, welche Akteure in welchem Ausmaß an Entscheidungen in der Region beteiligt sind.

Konkret werden jeweils ein Entscheidungsprozess in den Bereichen Verkehrsplanung und Wirtschaftsförderung angesehen. Verkehrsplanung ist ein klassisches Politikfeld auf Metropolregionsebene (Le Galès 2009, S. 245), das bereits Gegenstand zahlreicher Studien im Bereich Urban Governance war (Koch 2011, 2013; Plieger et al. 2009, Kübler und Schwab 2007). Die Zunahme an Verkehr stellt Städte vor die Herausforderung, Pendlerströme effizient zu leiten, öffentliche Verkehrsmittel auszubauen und Emissio nen zu senken. Dies führt in besonderem Maß zu erhöhtem Koordinationsbedarf auf regionaler Ebene. Wirtschaftsförderung ist demgegenüber ein eher neues Politikfeld auf Metropolebene, das aber im Rahmen der Globalisierung und Europäisierung zunehmend an Bedeutung gewinnt und dementsprechend auch in der Literatur vermehrt Beachtung findet (Brenner 2003). Durch die Auswahl eines traditionellen und eines eher neuen Politikbereichs können die Entscheidungsstrukturen in den Metropolregionen umfassend analysiert werden und sind nicht auf einzelne Bereiche beschränkt. Zudem bietet diese Auswahl wiederum eine zeitliche Dynamik, da die Akteurskonstellation im Bereich Verkehrspolitik eher von bestehenden Institutionen abhängt, während in der neuen Herausforderung der regionalen Wirtschaftsförderung eher neue Strukturen entstehen können.

Inhaltlich werden in allen acht Regionen die Aufstellung des regionalen Verkehrsplans, sowie der Aufbau einer regionalen Wirtschaftsförderungsagentur angesehen. Diese Prozesse haben in der großen Mehrheit der Fälle stattgefunden und sind weitgehend vergleichbar. Auch hier stammen die verglichenen Prozesse allerdings nicht aus exakt den gleichen Jahren. Da die Prozesse nach dem Thema ausgewählt wurden, variiert der Zeitpunkt, wann zum letzten Mal über einen Verkehrsplan oder einen Wirtschaftsagentur entschieden wurde, zwischen den Fällen. Am längsten zurück liegt zum einen die Einführung einer Wirtschaftsförderung in Birmingham, da diese in den 90er Jahren durch die nationale Regierung erfolgte und seitdem wieder abgeschafft, aber nicht neu organisiert wurden. Zum anderen sind die gewählten Prozesse in Stuttgart ebenfalls aus den 90er Jahren. Da die politischen Strukturen des Verbands Region Stuttgart zu diesem Zeitpunkt aber bereits existierten, können sie trotzdem als Beispiele für Entscheidungsstrukturen im Fall Stuttgart gelten. Alle übrigen Entscheidungsprozesse stammen aus den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts. Eine genaue Aufstellung der Prozesse findet sich im Anhang (Tab. 4 und 5).

Durch die Verwendung eines Actor-Process-Event-Schemes (APES)1 werden alle relevanten Ereignisse während der ausgewählten politischen Prozesse, sowie sämtliche beteiligten Akteure erfasst. Auf diese Weise kann die prozentuale Beteiligung der verschiedenen Akteure über verschiedene Fälle hinweg verglichen werden. Ein ähnliches Vorgehen wurde von Maggetti (2009) auf Europäischer Ebene angewendet. Die Bedeutung von klassischen und neuen Institutionen, sowie der Einbezug von privaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren ermöglichen eine Verortung der Regionen in einem der vier in Tab. 1 dargestellten regionalen Entscheidungssysteme.

 
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