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5 Schlussfolgerungen

Die Fallanalysen haben aufgezeigt, dass die acht untersuchten Metropolregionen sich nicht alle von einem lokalen Government-System zu einer Governance-Lösung entwickelt haben. Unterschiedliche Ausgangslagen haben vielmehr zu anderen Strategien geführt, wie mit neuen Herausforderungen umgegangen wird. Paradigmatisch für alternative Entwicklungen zum Trend von Government zu Governance steht der Regionalverband Stuttgart als neu erschaffene Regierungseinheit, wie auch schon von Heeg (2003,

S. 163) beschrieben: „In that sense, the VRS is an example of the new institutional and governance structures created to complement and improve traditional forms of politicospatial organisation“. Insgesamt passen innerhalb der in dieser Studie untersuchten Fälle ausschließlich Paris und Birmingham in das klassische Bild des Governance-Trends, während alle übrigen Fälle ihre etablierten Entscheidungsstrukturen beibehalten oder sich für eine institutionelle Reform entschieden haben.

Ein allgemeiner Trend von Government zu Governance, bei dem Politiknetzwerke generell das Endstadium der Entwicklung darstellen, ist somit im Bereich der Metropolregionen nicht festzustellen. Dies ist nur eine von vier Möglichkeiten, wie diese je nach regionaler Gegebenheit und akutem Problemdruck mit den neuen Herausforderungen einer sich zunehmend globalisierenden Welt umgehen. Neue Governance-Formen können, müssen aber nicht am Ende von lokalen Regierungstransformationen stehen. Damit bestätigen sich die Ergebnisse von Koch (2013), der für vier Schweizer Metropolregionen zum gleichen Ergebnis kommt, auch in einem internationalen Vergleich. Hypothese H muss verworfen werden.

Wenn es überhaupt eine generelle Tendenz in der Entwicklung von Metropolregionen gibt, kann auf der Grundlage der vorliegenden Analyse am ehesten Goetz' (2008) These unterstützt werden, dass Governance eher den Übergang zu einer neuen Institutionalisierung darstelle. In Bern zeigt sich diese Entwicklung, und auch in Paris könnte eine Institutionalisierung in Form von Grand Paris folgen. Dafür spricht auch, dass die Fälle des New Government im Vergleich zu den Old Government Fällen eine größere Anzahl unterschiedlicher Akteure einbindet, auch wenn entsprechend eines klassischen Regierungssystems die Metropolitaninstitutionen die Entscheidungsprozesse leiten. Wenn es also auch keinen einheitlichen Trend von Government zu Governance gibt, so kann durchaus von einer Öffnung der Entscheidungsstrukturen gesprochen werden, sowohl innerhalb institutionalisierter Systeme als auch in Form von Netzwerken. Ob die breitere Einbindung von Interessen in den eher jungen Metropolitaninstitutionen in London und Stuttgart aber von Dauer sein wird, oder ob es sich dabei um eine Legitimationsstrategie kurz nach Gründung einer neuen Institution handelt, bleibt abzuwarten.

Insgesamt spricht die Analyse der acht Metropolregionen aber vor allem für individuelle Entwicklungen von Entscheidungsstrukturen, in Abhängigkeit von bestehenden Institutionen auf verschiedenen politischen Ebenen und dem Problemdruck. Auch Zimmermann und Heinelt (2012, S. 111) haben für Deutschland unterschiedliche Entwicklungen regionaler Regierungssysteme festgestellt und daher darauf hingewiesen, dass eine Untersuchung der Kontextfaktoren, die zu unterschiedlichen regionalen Entscheidungsstrukturen führen, anzustreben ist.

Spezifisch für Metropolregionen konnte der Einluss des nationalen Regierungssystems als ein solcher Faktor identifiziert werden. In den Zentralstaaten Großbritannien und Frankreich haben die nationalen Regierungen die Metropolinstitutionen nach einem TopDown Verständnis eingeführt (Lyon, London) oder auch gebremst (Paris, Birmingham). Die ideologische Ausrichtung der nationalen Regierung ist in Zentralstaaten relevant, während in Föderalstaaten wie in den vorliegenden Fällen Deutschland und Schweiz regionale Eigenverantwortung traditionell respektiert und zum Teil gefördert wird (Heinelt und Kübler 2005, S. 190). Lokale Faktoren spielen hier also eine größere Rolle für die Frage, ob es tatsächlich zu einer Veränderung der Entscheidungsstrukturen kommt.

An Hypothese K ist damit festzuhalten. Darauf aufbauend können die folgenden, detaillierteren Hypothesen genannt werden, die für weitere Analysen im Forschungsbereich Governance in Mehrebenensystemen als hilfreich zu erachten und nicht nur für Metropolregionen relevant sind:

Hypothese Old Government (H1): Government bleibt Government, wenn es bereits eine

politische Einheit gibt, die nah an den neuen Grenzen einer sich entwickelnden Einheit liegt. Upoder Downscaling kann angewendet werden.

Hypothese Old Governance (H2): Governance bleibt Governance, wenn eine Kultur

der Einbindung verschiedener Interessen besteht, bestehende politische Strukturen stark sind, und sich der Problemdruck auf einzelne, spezifische Bereiche beschränkt.

Hypothese New Governance (H3): Government verändert sich zu Governance, wenn

Bedarf nach einer über bestehende Grenzen hinausgehenden Koordination in mindestens einem Politikfeld entsteht, diese aber nicht unmittelbar durch eine existierende politische Institution abgedeckt werden kann.

Hypothese New Government (H4): Governance verändert sich zu Government, wenn

Koordinationsbedarf in mehreren Politikfeldern akut ist, und durch verschiedene Governance-Netzwerke nicht mehr abgedeckt werden kann.

Mit diesen neuen Hypothesen zur Entwicklung von politischen Entscheidungsstrukturen trägt der vorliegende Artikel zur Erweiterung der Governance-Forschung bei, indem Aspekte wie Pfadabhängigkeit von bestehenden Institutionen (H1 und H2), die eine Veränderung des Regierungssystems verhindern oder schlicht überlüssig machen, sowie Motoren der Veränderung des Regierungssystems, wie Problemdruck in bestimmten Politikbereichen (H3 und H4), herausgearbeitet wurden, die sich in den vorliegenden Fallstudien als relevant erwiesen haben und in zukünftiger Forschung weiter zu untersuchen sein werden.

Danksagungen: Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts „Cleavages, governance and the media in European metropolitan areas“, einem Teilprojekt des Schweizer Forschungsprogramms „NCCR Democracy“. Mein Dank gilt den Projektleitern Daniel Kübler und Frank Marcinkowski sowie dem Schweizer Nationalfonds.

 
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