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5 Informelle COI-Zusammenarbeit in Europa – drei Fallbeispiele

Die vorgestellten Fälle unterscheiden sich in ihrem Grad der Informalisierung und den damit verknüpften Charakteristika ‚Mitgliedschaft' und ‚Zweck des Austauschs'. Die Fallbeispiele veranschaulichen die bisher erläuterten Aspekte der informellen COIZusammenarbeit. Während sich die ersten beiden Fallbeispiele (persönliche Kontakte und IGC) als klassisch informell einstufen lassen, verdeutlicht der dritte Fall (Eurasil) die fortgeschrittene Formalisierung der COI-Zusammenarbeit. Gewählt wurde jeweils ein Beispiel aus den Kategorien global, europäisch und bilateral (siehe Tab. 2).

5.1 Beispiel 1– COI-Zusammenarbeit via persönlicher Kontakte, E-Mails und Telefonate

Ein Großteil des informellen Austauschs findet innerhalb persönlicher Netzwerke statt. Wenn ein Mitarbeiter einer COI-Behörde die gesuchten Informationen zum Herkunftsland nicht selbst finden kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass er seinen Kollegen in derselben Behörde eines anderen Landes kontaktiert. Persönliche Netzwerke haben sich deshalb entwickelt, weil die meisten Länderexperten bereits seit Jahren im selben Bereich tätig sind. Sie arbeiten gemeinsam in Fact-Finding-Missionen und treffen sich regelmäßig in Foren (siehe Tab. 2). Einige Leiter der COI-Behörden haben diese Position bereits seit den neunziger Jahren inne, „some of them have been there forever, so they know their old colleagues“ (Interview 2). Dies trifft nur auf jene Länder zu, die bereits seit langem im Bereich Asyl-Governance in Europa aktiv sind, vor allem die alten EU-Mitgliedsstaaten sowie Norwegen und die Schweiz. Diese Länder haben sich über die Jahre ein informelles Netzwerk aufgebaut, basierend auf einer vergleichbaren Historie im Flüchtlingsschutz und einem gewachsenen Vertrauen (Interview 2). Vertrauen bezieht sich dabei auf die Regeln, nach denen die COI-Zusammenarbeit abzulaufen hat. Die zentrale Rolle des Vertrauens wurde von einem Interviewpartner wie folgt beschrieben:

I know if I call my colleague [in another country] or she calls me, we can exchange any information, because she knows exactly what she can and what she can't use; if she can't use it, she won't use it (Interview 8).

Die Art von Informationen, die telefonisch oder via E-Mail ausgetauscht werden, spielt eine besonders große Rolle, wenn andere Informationskanäle (siehe Tab. 2) nicht in Frage kommen – sei es weil die gesuchte Information zu spezifisch ist, vertraulich behandelt werden muss oder sehr kurzfristig benötigt wird. Somit wird deutlich, dass sich die im Netzwerk aktiven COI-Experten mit denselben Beschränkungen konfrontiert sehen. Im unten geschilderten Fall bezieht sich die Beschränkung auf den Faktor Zeit. COI-Experten benötigen innerhalb sehr kurzer Zeit Informationen, die von den relevanten Ministerien zur Formulierung eigener politischer Maßnahmen notwendig sind:

(…) also jedes Land kennt das, mit dem Minister im Meeting, der Minister will jetzt sofort wissen, wie handelt Deutschland das und das […]; dann ist es gut mal eben das Telefon in die Hand zu nehmen und Nürnberg oder Berlin anrufen zu können und zu wissen auf der anderen Seite tut jetzt jemand alles damit dein Minister sofort eine Antwort kriegt, und das klappt auch, absolut. Wenn ich denjenigen kenne, den ich anrufe ist das natürlich was ganz anderes als wenn es jemand ist, denn ich noch nie gesehen hab, dann ist das steifer, dann ist es formeller, das hier ist ja informell (Interview 15).

Diese Form der COI-Zusammenarbeit bezieht sich auf alle Informationen, die innerhalb kürzester Zeit benötigt werden und dazu beitragen, dass Asylanträge effizienter bearbeitet werden können. Ein Interviewpartner beschrieb eine Situation, in der er möglichst zeitnah ID-Dokumente von afghanischen Polizeibeamten verifizieren musste. Ein Anruf bei einem US-Beamten, der Experte auf diesem Gebiet ist, war die naheliegendste, weil effizienteste Methode (Interview 7).

 
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