Vorstellungen sind nicht immer unmittelbar bewusst

Die verschiedenen Vorstellungen eines Menschen sind ihm zumeist nicht alle unmittelbar bewusst. Dies lässt sich mit der großen Fülle an Vorstellungen zu unterschiedlichsten Gegenstandsbereichen erklären, aber auch mit den verschiedenen Funktionen, die Vorstellungen für einen Menschen haben. Vorstellungen stärken beispielsweise die soziale Gruppenzugehörigkeit und dienen der individuellen Selbstvergewisserung sowie als Entscheidungsunterstützung. In diesen Funktionen werden sie zumeist nicht ohne Anlass reflektiert.

Die Frage nach dem expliziten bzw. impliziten Charakter von Vorstellungen wird in der Vorstellungsforschung vernachlässigt (vgl. Fives/Buehl 2012, S. 473). Wird dieses Merkmal berücksichtigt, wird vielfach der implizite Charakter bzw. die Unbewusstheit von Vorstellungen betont. Hierzu werden spezifische Probleme identifiziert, die die Explikation von Vorstellungen verhindern oder erschweren (vgl. Kagan 1990. Angeführt werden zum einen Erwartungseffekte: Personen äußern Vorstellungen, von denen sie denken, dass sie von ihnen erwartet

werden. Zum anderen wird darauf hingewiesen, dass es für Menschen schwierig sein kann, Vorstellungen überhaupt zu artikulieren (vgl. Fives/Buehl 2012, S. 474). In verschiedenen Studien wurde jedoch deutlich, dass Vorstellungen auch bewusst sein bzw. diese mittels verschiedener Methoden expliziert werden können (vgl. u. a. Bryan 2003; Fives/Buehl 2012, S. 474; Tschannen-Moran/Woolfolk Hoy 2001). Gleichwohl sind auch bei diesen Studien Erwartungseffekte nicht auszuschließen.

Reusser et al. (2010, S. 482) gehen davon aus, dass insbesondere „verhaltensnahe“ Vorstellungen schwer zugänglich sind, da diese vielfach Teil von Handlungsroutinen sind und als solche nicht mehr hinterfragt werden. Um den Unterschied zwischen von den Befragten selbst erklärten Vorstellungen („professed beliefs“) und den ihnen von Wissenschaftlern zugeschriebenen Vorstellungen („attributed beliefs“) deutlich zu machen, unterscheiden Aguirre und Speer (2000) diese auch begrifflich. Diese Unterscheidung erscheint jedoch im Rahmen wissenschaftlicher Analysen, in denen Vorstellungen immer vermittelt werden müssen und zu einem gewissen Grad zugeschrieben sind, nicht ganz trennscharf.

Die Frage der Bewusstheit von Vorstellungen ist für ihre Erhebung von zentraler Relevanz. Erhebungsmethoden müssen geeignete Gesprächsanlässe bieten, um Vorstellungen artikulieren zu können. Hierbei muss ein gewisser Grad an Bewusstheit und/oder Explikationsfähigkeit vorausgesetzt werden, wenn Vorstellungen nicht tiefenpsychologisch erhoben und ausgewertet werden sollen.

Deutlich wird, dass im Rahmen der Erhebung von Vorstellungen der explizite und implizite Charakter von Vorstellungen reflektiert werden muss und nicht vorausgesetzt werden kann, dass jede Art von Vorstellung auf direkte Nachfrage zu artikulieren ist bzw. hier graduelle Unterschiede bestehen können. Deshalb gilt es, in der Erhebung sowohl den expliziten (durch direkte Fragen) als auch den impliziten Charakter (u. a. durch die Aufforderung, eine Metapher zu formulieren) von Vorstellungen durch geeignete Methoden zu adressieren.

 
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