Burnout aus klinischer Sicht

Es gibt aktuell keine unumstrittene, klare medizinische bzw. klinische Definition von Burnout. In den Klassifikationsbzw. Diagnosekategorien, in denen alle offiziellen, d. h. von den Entwicklern dieser Klassifikationen anerkannten, körperlichen und psychischen Krankheitsbilder aufgelistet werden, hat der Begriff Burnout allenfalls eine Randstellung: Im US-amerikanischen Klassifikationssystem DSM-V wird der Begriff Burnout gar nicht erwähnt, im weltweit anerkannten Klassifikationssystem ICD-10 ist er nur in einer sogenannten Restkategorie „Z 73, Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ als „Erschöpfungssyndrom (Burnout-Syndrom)“ aufgeführt. Eine Aufnahme in die nächste Auflage ist nach aktuellem Wissensstand auch nicht geplant.

Mit der Unterordnung von Burnout unter die Rubrik „Schwierigkeiten bei der Lebensführung“ im ICD-10 wird auch deutlich, dass Burnout hier maßgeblich, wenn nicht gar ausschließlich, so verstanden wird, dass der einzelne Betroffene diese Schwierigkeiten hat und ihm geholfen werden muss, diese individuellen Schwierigkeiten zu meistern. Die Medizin wie auch die Klinische Psychologie und die Psychotherapie haben naturgemäß den Einzelnen und damit die Ursachen in seinem individuellen Denken, Fühlen und Handeln im Blick, weniger aber die Ursachen in den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen oder in der Arbeitswelt, wie dies etwa in der Soziologie oder in der Arbeitspsychologie verstärkt der Fall ist. Beide Perspektiven – der Blick auf individuelles Verhalten, aber auch der Blick auf strukturelle Verhältnisse – haben ihre Berechtigung, und es kommt maßgeblich auf die „Zuständigkeit“ an, worauf verstärkt geachtet wird. In der Arbeitspsychologie ist es die psychologisch fundierte Verbesserung der Arbeitswelt und des Arbeitshandelns, in der klinischen Medizin die Heilung, Therapie und Stärkung des individuellen Gesundheitsverhaltens. Diese unterschiedlichen Perspektiven sollten deshalb auch nicht gegeneinander ausgespielt, sondern idealerweise gleichzeitig berücksichtigt werden, so wie wir es in diesem Band bei vielen Themen aus interdisziplinärer Sicht – hoffentlich ausgewogen – auch tun.

Aus klinischer Sicht schlagen wir vor, in Abgrenzung zum arbeitspsychologisch klar definierten Burnout-Konzept den Begriff „Klinisches Burnout“ einzuführen.

Burnout ist im klinischen Sinn keine klar definierte Erkrankung, vielmehr ein primär arbeitsbezogenes vielschichtiges und schwer einzugrenzendes Syndrom, das besteht, bevor ein Beschwerdebild schon die Kriterien einer medizinischen Diagnose nach einem der gängigen Diagnosebzw. Klassifikationsinstrumente (DSM-IV, ICD-10) erfüllt. Viele Fachleute sind der Auffassung, dass es sich beim klinischen Burnout mehr um einen allmählichen Prozess, als um ein umschriebenes Krankheitsbild handelt. Burnout kann als schrittweise Veränderung des Lebensgefühls, als (gefühlt) immer schwerer zu bewältigende Verdichtung und Dynamisierung der persönlichen Arbeits- und Lebenswelt beginnen, häufig bei Entgrenzung der Arbeitszeiten mit vielfältigen Überlastungssymptomen. Oft sind diese begleitenden, eher unspezifischen Symptome auch körperlicher Natur: z. B. häufigere Schmerzen in verschiedenen Körperpartien, oft in den Gelenken, kleinere Entzündungen, Sodbrennen, Magenbeschwerden, Einoder häufige Durchschlafstörungen, innere Unruhe, die in kurzen Ruhepausen spürbar wird, oder auch ganz andere körperliche und/oder seelische Symptome, z. B. eine reduzierte Leistungsfähigkeit und ein vermindertes Konzentrationsvermögen, vermehrte Reizbarkeit, Zynismus in wichtigen zwischenmenschlichen Beziehungen. Bei dieser Vielfalt der im klinischen Kontext berichteten Symptome von „Burnout-Patienten“ wird klar, dass alles mögliche an Symptomen auftreten kann, was auch begleitend zu anderen Krankheiten oder Stresszuständen, je nach individueller Verfassung und Verarbeitung, von Patienten berichtet wird. Die Symptome sind ja auch nicht die Ursache und bei einer solchen diffusen Vielfalt auch kaum geeignet, um auf die wirklichen Ursachen schließen zu können.

Erst schrittweise entsteht gegebenenfalls eine echte klinische Krankheitswertigkeit von einzelnen Funktionsstörungen. Häufig verbergen sich dann – in einem fortgeschrittenen Stadium – hinter der von den Betroffenen selbst verwendeten Bezeichnung Burnout ganz unterschiedliche seelische Krankheitsbilder. Das Problem bei der Verwendung der klinischen „Burnout“Bezeichnung/-Diagnose ist dann, dass man ohne eine genaue Kenntnis des einzelnen, jeweils betroffenen Menschen, seiner Persönlichkeit und seiner Lebensumstände nie weiß, was tatsächlich im medizinischen Sinne „hinter“ dem oft vom betroffenen Menschen selbst gewählten „Etikett“ Burnout steckt, und ob schon eine Notwendigkeit für eine entsprechende qualifizierte psychotherapeutische Beratung und Behandlung des betroffenen Menschen besteht.

Die meist von einem betroffenen Menschen selbst gewählte Bezeichnung „Burnout“ besagt vor allem, dass ein seelisch unter Druck stehender Mensch glaubt, seine Beschwerden seien vor allem durch mit dem Arbeitsplatz verbundene Belastungen entstanden. Der klinische Burnout-Begriff definiert sich also im umgangssprachlichen Sinne durch den Bezug zum Arbeitsplatz (das nennt man in der Medizin „ätiologisch“, also im Hinblick auf die vermutete Ursache). Völlig aus dem Blick gerät dabei, dass Burnout eigentlich ein arbeitspsychologisch klar definierter Begriff ist.

Wurde Ihnen schon einmal von einem Kollegen berichtet, dass er ein Burnout hat?

 
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