Abgrenzung Burnout und Depression

Die Klassifikationssysteme DSM-V und ICD 10 haben die jeweiligen psychischen Störungen, z. B. Depression, durch eine Reihe von deskriptiven Kriterien international einheitlich festgelegt. Diese deskriptiven Kriterien werden von Experten nach Durchsicht und Diskussion der vorliegenden wissenschaftlichen und klinischen Befunde festgelegt. Die vorliegenden Befunde sind aber unvollständig, und die Meinungen der Experten gehen nicht selten auseinander, sodass die letztendlichen Kriterien einen Kompromiss darstellen und die ganze Komplexität der Realität nicht abbilden. Sie sind bewusst vereinfacht (reduktionistisch) und reduzieren schwierige, teilweise noch unbekannte Zusammenhänge oder lassen klinisch wichtige Aspekte vollständig aus. Ebenso wenig ist gesichert, dass in späteren Zeiten und auf dem Boden neuerer Erkenntnisse nicht neue Krankheitsdefinitionen besser passen werden (Tölle und Windgassen 2012).

Das bedeutet auch, dass z. B. das Krankheitsbild der Depression in ICD10 oder DSM-V nicht durch eine solche ursachenbezogene (ätiologische) Vermutung festgelegt ist, wie z. B. der Arbeitsplatzbezug beim Burnout, sondern dadurch definiert wird, dass bestimmte, von Fachexperten in langen internen Beratungen exakt aufgelistete und erkennbare oder zu erfragende Symptome vorliegen und diese eine bestimmte Symptomschwere überschreiten (= Klassifikation, ein bisschen wie „Erbsenzählen“). Das heißt, Burnout und Depression werden nach ganz unterschiedlichen Kriterien definiert und sind deswegen auch nicht von vornherein scharf voneinander abzugrenzen.

Es sei hier nur erwähnt, dass mittlerweile eine nicht unerhebliche Kritik an der herkömmlichen Einteilung der psychischen Störungen wie z. B. der Depression durch die genannten internationalen Klassifikationssysteme besteht und es eigentlich klar ist, dass hier jeweils unterschiedliche Untergruppen von Störungsbildern zusammengefasst werden. Eine Einteilung, die die hochkomplizierte Wirklichkeit besser abbildet, ist aktuell aber nicht in Sicht.

Beim klinischen Burnout-Syndrom kommt es vor allem auf den Arbeitsplatzbezug an, um unter den sehr breiten Oberbegriff Burnout fallen zu können, der arbeitspsychologische Burnout-Begriff ist klar definiert. Eine Depression muss hingegen relativ exakt vordefinierte Kriterien erfüllen. Wie diese Kriterien entstanden und letztendlich zusammengefügt worden sind und auch wodurch die Symptome entstanden sind, ist für die Diagnose Depression unerheblich.

Im Kern einer Depression stehen klinisch die gedrückte Stimmungslage wie Traurigkeit oder Deprimiertsein und der verminderte Antrieb („Schwung“), die Leistungsfähigkeit ist vermindert, verschiedene körperliche Beschwerden und Funktionsstörungen können dazukommen (Tölle und Windgassen 2012).

„Innerhalb des umgangssprachlich und auch von Ärzten häufig benutzten Begriffes „Depression“ oder „MDE = Major Depressive Episode“ verbergen sich vermutlich von Ursache und Verlauf unterschiedliche Erkrankungen wie z. B. die sogenannte reaktive Depression oder Anpassungsstörung, die neurotische Depression oder Dysthymie und die sogenannte melancholische Depression. Bei der reaktiven Depression oder Anpassungsstörung gibt es einen klaren aktuellen Auslöser, oft einen Verlust, eine Kränkung o. Ä., dessen Folgen länger nicht überwunden werden. Bei der neurotischen Depression geht die Erkrankung vermutlich nicht nur auf eine aktuelle Belastung oder einen aktuellen Konflikt zurück, sondern hat ihre Ursache auch in lange zurückliegenden Konflikt- und/oder Mangelkonstellationen oft schon während der Kindheit und Jugend. Die melancholische Depression oder Major Depressive Episode (MDE) im engeren Sinne ist die schwerste Form der Depression und beinhaltet eine massive Antriebsstörung, ein inneres Blockiertsein, sowie nicht selten ein „Gefühl der Gefühllosigkeit“. Die betroffenen Menschen sagen nach Überwindung der Erkrankungsphase, sie seien in dieser Phase „ein anderer Mensch“ gewesen (Tölle und Windgassen 2012).

Zusammenfassend und vereinfachend sollen die Kernmerkmale einer klinischen Depression und eines arbeitspsychologischen Burnout-Syndroms in Tab. 8.1 gegenübergestellt werden.

Der Begriff Burnout wurde in der arbeitspsychologischen Forschung also präzise definiert. Umgangssprachlich und im klinischen Kontext wird Burnout bislang jedoch wie eine begriffliche Wundertüte, also ein buntes Bündel von möglichen Symptomen (= Syndrom) für jegliche Art von Stresserleben verwendet.

Wir schlagen vor, Burnout als den ursprünglichen, von Christina Maslach wissenschaftlich geprägten und empirisch untersuchten Begriff zu verwenden. Dieser Begriff ist nützlich, um die systematischen Auswirkungen problematischer Arbeitsbedingungen auf ganze Gruppen von Beschäftigten zu erkennen und umgekehrt Rückschlüsse auf problematische Arbeitsbedingungen ziehen zu können und diese zu verbessern. Für das Erkennen und Behandeln von (arbeitsbezogenen) psychischen und psychosomatischen Erkrankungen ist der Begriff aus unserer Sicht bislang aber nicht geeignet.

Im Folgenden sprechen wir nur noch von arbeitsbezogenen psychischen und psychosomatischen Erkrankungen und verwenden „Burnout“ in diesem Sinne nur noch mit dem Zusatz „klinisch“ (im Gegensatz zu „arbeitspsycho-

Tab. 8.1 Gegenüberstellung der Kernmerkmale einer klinischen Depression und eines arbeitspsychologischen Burnout-Syndroms

Depression (nach ICD, DSM)

Burnout (nach Maslach)

Begriffliche Einordnung

Klinisches Konstrukt (auf Basis klinischer Diagnostik)

Psychologisches Konstrukt (auf Basis arbeitspsychologischer Diagnostik)

Definition/

Kernsymptome

Psychische Störung mit Zuständen psychischer Niedergeschlagenheit als

Leitsymptom: niedergedrückte Stimmung, Verlust von Antrieb und Freude; verschiedene körperliche Symptome

Syndrom emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation, reduzierte persönliche

Erfüllung und Leistungsfähigkeit bei helfenden Berufen und vorausgehendem hohem

Engagement für die Arbeit

Krankheitswertigkeit

Anerkannte Krankheit

Keine anerkannte Krankheit

Spezifität von Symptomen

Sind in der Krankheitsdefinition nach

ICD 10/DSM IV festgelegt

Sind durch das Maslach Burnout Inventory (MBI) festgelegt

Einordnung von Symptomen, die nicht zur Definition gehören

Werden gegebenenfalls als zusätzliche Erkrankungen aufgefasst

Werden gegebenenfalls als Erkrankungen aufgefasst

Diagnostische Instrumente

Anamnese und klinisches Interview

Fragebogen als Forschungsinstrument

Arbeitsbezug

Nicht notwendig

Notwendiger Bestandteil

Anwendung

Diagnostik und Therapie bei Patienten

Diagnostik und Verbesserung problematischer Arbeitsbedingungen

Fokus

Individuum

Arbeitsplatz

logisch“). Die komplexen Wechselwirkungen in Entstehung und Verlauf von arbeitsbezogenen psychischen Störungen werden nachfolgend durch mehrere Fallbeschreibungen illustriert.

 
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