Wie wichtig ist Urlaub?

Urlaub gehört so selbstverständlich zu unserem Arbeitsleben dazu, dass wir seine Bedeutung überhaupt nicht infrage stellen (s. Abb. 9.1). Dass uns Urlaub gut tut, uns Erholung verschafft, Lebensfreude steigert, Gesundheit erhält und Leistungsfähigkeit stärkt, scheint unbestritten. Nur das „Wie“ ist regelmäßiges Thema vor den großen Ferien im Sommer, wenn alle Medien Experteninterviews darüber verbreiten, wie man sich am besten erholt. Im Angebot für den besten Erholungseffekt finden sich der berühmte „Tapetenwechsel“ durch Verreisen, das Abschalten von mobilen Kommunikationsmitteln, die uns in Versuchung führen könnten, Berufliches zu bearbeiten, körperliche Aktivität, die es uns ermöglicht, den Kopf freizubekommen, oder einfach Ausschlafen, um das Schlafdefizit während des Arbeitslebens auszugleichen.

Welche Rezepte haben Sie, um sich im Urlaub optimal zu erholen? Und wie oft können Sie einen solchen optimalen Erholungsurlaub realisieren?

Wir wollen im Folgenden die gesicherten Erkenntnisse über die Wirkung von Urlaub und die optimale Gestaltung von Urlaubstagen zusammentragen. Es gibt aber – gemessen an der Bedeutung des Urlaubs in unserem Leben – erstaunlich wenig Urlaubsforschung.

Beginnen wir mit der Perspektive auf lange Zeiträume: Mehrjährige Untersuchungen haben separat für Männer und für Frauen einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Urlaub und der Herzgesundheit gefunden; ob es wirklich der Urlaub ist, der die Herzkranzgefäße schützt, oder der Urlaub nur Indikator für bessere Lebensbedingungen und damit auch Wohlstand oder für einen gesünderen Lebensstil ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen (Gump und Matthews 2000).

Für die kurzfristigen Wirkungen gibt es solide Erkenntnisse: Metaanalytisch abgesichert ist, dass Urlaub gesundheitliche Beschwerden und Erschöpfung reduziert und – in geringerem Maß – die Lebenszufriedenheit hebt (De Bloom et al. 2009). Diese Effekte sind unmittelbar nach dem Urlaub zu beobachten und lassen in den nächsten zwei bis vier Wochen wieder nach (Kühnel und Sonnentag 2011) (s. Abb. 9.2).

Abb. 9.1 Urlaub im Septober. © Peter Butschkow

Über die optimale Länge des Urlaubs lässt sich dagegen wenig sagen. Nachgewiesen wurde zumindest, dass auch kurze Urlaube, vier bis fünf Tage lang, einen deutlichen Erholungseffekt haben. Vermutlich ist es mit dem Urlaub wie mit der Pause – die größten Effekte finden am Anfang statt. Es scheint keinen rechten Zusammenhang zwischen der Länge eines Urlaubs, beginnend mit einem Kurzurlaub von vier bis fünf Tagen, und der Geschwindigkeit zu geben, mit der ein Erholungseffekt nachlässt. Anders gesagt, es gibt keinen Beleg dafür, dass der längere Urlaub in seinem Erholungseffekt auch länger anhält. Nimmt man diese Erkenntnisse zusammen, dann würde einiges dafür sprechen, mehrere kurze Urlaube statt einiger weniger langer zu machen. Nun ist aber der Urlaub eine besondere Zeitperiode, die ganz andere persönliche Freiräume eröffnet, um Neues zu lernen und zu erleben, sich in selbst gewählte Aktivitäten zu vertiefen statt von äußeren Notwendigkeiten bestimmt zu

Abb. 9.2 Erschöpfung vor und nach dem Urlaub. Nach Kühnel und Sonnentag (2011), S. 136

handeln, soziale Bande zu stärken und Distanz von den Arbeitsbelastungen zu gewinnen. Das sind Argumente, einmal so „richtig abzuschalten“ und eine längere Auszeit zu nehmen. Aus diesen Überlegungen resultiert die öfter verbreitete Empfehlung, den Urlaub auf einen längeren und mehrere kürzere Zeiträume zu verteilen. Außerdem: Wer will schon ständig die Koffer packen? Da fährt man doch lieber mal richtig lang weg.

Eine große Rolle für den Erholungseffekt und für die positiven Wirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden spielen die Aktivitäten im Urlaub (Fritz und Sonnentag 2006; De Bloom et al. 2013). Dazu lassen sich ein paar wenige wissenschaftlich begründete Empfehlungen geben. Arbeit erfordert ja oft Selbstüberwindung und Disziplin. Das beginnt schon mit dem morgendlichen Aufstehen. Erholung bei ständiger Selbstüberwindung ist schwierig. Das heißt für den Urlaub genauso wie für die Arbeit: Herausforderungen im Urlaub zu suchen ist erholungsförderlich, weil Erfolgserlebnisse die Stimmung heben und das Gefühl von Selbstwirksamkeit steigern. Aber Überforderung oder Aktivitäten, die konstante Selbstüberwindung erfordern, machen den Urlaub nicht besser. Günstig haben sich in den Beobachtungen zu Urlaubseffekten sportliche Aktivitäten, soziale Aktivitäten und Entspannung erwiesen. Zentrale Determinanten positiver Effekte aber sind die Selbstbestimmtheit, die Freude bei den Urlaubsaktivitäten und das erlebte Gefühl von Entspannung. Sie bewirken Erholung. Auf einen Nenner gebracht: Entscheidend – so die entlastende, einfache Botschaft – ist die erlebte Qualität des Urlaubs. Das heißt für den potenziellen Urlauber, auf die eigenen Erfahrungen zu hören und Aktivitäten zu wählen, die Anregung, Freude und Entspannung versprechen.

Arbeit während des Urlaubs ist nicht per se problematisch, solange der eigentliche Charakter des Urlaubs nicht zu kurz kommt. Problematisch ist aber, den Arbeitsdruck mit in den Urlaub zu nehmen, motiviert durch diesen Druck, nicht aus freier Entscheidung, weiterzuarbeiten oder den Druck zu erleben, ständig erreichbar sein zu müssen (Fritz und Sonnentag 2014). Problematisch sind auch negative Gedanken über die Arbeit. Das stört die Erholung. Und hier kommen wir zurück auf die gute Gestaltung von Arbeit bzw. die Kehrseite, auf schlecht gestaltete Arbeit oder Arbeitsstress.

Das Abstellen des beruflichen E-Mail-Verkehrs außerhalb der Arbeitszeiten durch den Betrieb, die Möglichkeit der Gutschrift von Arbeit unterwegs oder zu Hause als „Mobilarbeit“ und das „Recht auf Unerreichbarkeit“ sind sicher gute Schritte, um die notwendige Erholung von der beruflichen Beanspruchung zu fördern. Sie sind aber im Kontext mit den übrigen Arbeitsbedingungen zu sehen, die einen nachweislich großen Effekt auf die Gesundheit der Beschäftigten haben, wie wir in Kap. 7 „Arbeitsstress“ ausführlich dargelegt haben. Gut gestaltete Arbeit vermeidet Erschöpfung, erleichtert Erholung (und steigert die Produktivität!). Gut gestaltete Arbeit, das heißt: Aufgaben, die herausfordernd, aber gut zu bewältigen sind, auch hinsichtlich der Menge und der verfügbaren Zeit, unter Berücksichtigung der Qualifikation der beschäftigten Person. Gut heißt eine Arbeit, die als sinnvoll – und idealerweise auch als interessant – erlebt wird. Gut ist eine Arbeit, die eine Anstrengung der Beschäftigten durch eine entsprechende „Belohnung“ im Sinne von Wertschätzung, Lob für Leistung, Karrierechance, Arbeitsplatzsicherheit und angemessene Bezahlung vergütet. Gut ist schließlich ein soziales Umfeld, das durch gegenseitige Unterstützung, Aufmerksamkeit für den anderen, Respekt und Anerkennung geprägt ist. Das sozio-psycho-biologische Grundprinzip des Beanspruchungs-Erholungs-Zyklus erfordert auch im Wechsel zwischen Anstrengung bei der Arbeit und Erholung im Urlaub die Berücksichtigung beider Bereiche.

 
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