Neurobiologische Befunde – wie soziale Beziehungen den Körper beeinflussen

Eine der weltweit führenden Forscherinnen im Bereich der Bildgebungsforschung von emotionalen Empfindungen im Gehirn, Naomi Eisenberger aus Los Angeles, hat sich über viele Jahre besonders mit den Aktivierungen in bestimmten Zentren des menschlichen Gehirnes beschäftigt, wenn sich Menschen aus einer sozialen Gemeinschaft ausgegrenzt fühlen oder Angst haben, dies könnte geschehen (z. B. Angst vor Ausschluss aus einer Arbeitsgruppe, Mobbing, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes etc.). In einer Übersichtsarbeit fasst Naomi Eisenberger eindrucksvoll zusammen, dass Gefühlszustände wie Trauer oder Ausgeschlossenwerden aus einer sozialen Gemeinschaft die nahezu gleichen Hirnregionen aktivieren wie primär körperlicher Schmerz (z. B. Rückenschmerz aufgrund eines Bandscheibenvorfalles); d. h. dass chronischer körperlicher Schmerz nicht selten auch aus seelischem Schmerz entsteht bzw. von diesem aufrechterhalten wird (Inagaki und Eisenberger 2012). Dies scheint ein Prinzip des Lebens zu sein: Seelischer Schmerz kann sich primär körperlich ausdrücken, sei es als körperlicher Schmerz, als gesteigerte Entzündungsneigung mit erhöhtem Risiko für einen Herzinfarkt oder auch in ganz anderen körperlichen Symptomen. Um in einem einfachen Bild zu bleiben, spricht vieles dafür, dass sich seelisches Empfinden quasi „Huckepack“ auf bestehende basale biologische Regelkreise im menschlichen Körper „aufgepfropft“ hat (auch ein ursprünglich von Eisenberger verwendetes Bild) und unsere Biologie sowohl bei körperlichen als auch bei seelischen Stressoren ähnlich oder gleich reagieren kann.

Ebenso unterscheidet unser Gehirn auch nicht komplett zwischen bereits real eingetretenen Ereignissen (Tatsachen) und ängstlichen Fantasien, was in der Zukunft eintreten könnte (Befürchtungen und Gedanken).

Ein klinisches Beispiel: Frau W., 50 Jahre, erkrankte am ersten Schub eines generalisierten Schmerzsyndroms mit diffusen Schmerzen in der Lendenwirbelsäule und den großen Gelenken (medizinische Diagnose am ehesten Fibromyalgie), als auch die letzte ihrer drei Töchter zum Studium den elterlichen Haushalt verließ. Nach einigen Monaten kam es zu einem allmählichen Rückgang der Schmerzen (Vermutung hier: der primär seelische Schmerz des Wegganges der Tochter von zu Hause drückt sich in körperlichem Schmerz aus). Wenige Jahre später kommt es zu einem neuen, schweren Schub dieser Schmerzerkrankung mit hohem Leidensdruck und vielen Arztbesuchen. Frau W. klagt über massive, bohrend-brennende Schmerzen vor allem in den Gelenken, die sich bewegungsabhängig verstärken. Sie ist ratlos, wirkt sehr gequält und beeinträchtigt, kann auch nicht mehr zur Arbeit gehen. Die psychosomatische Anamnese ca. zwei Monate nach Beginn der erneuten Verschlechterung ergibt, dass sich in der Zwischenzeit der Mann ihrer Schwester von seiner Ehefrau getrennt hat. Jetzt hatte Frau W. den Eindruck gehabt, dass auch ihr Mann sich von ihr emotional entfernte, fühlte sich selbst unattraktiv und hatte aus einigen kleineren Bemerkungen ihres Mannes die Fantasie, auch er würde sie, seine langjährige Frau, verlassen wollen. Zeitlich korrelierend waren die körperlichen Schmerzen aufgetreten.

 
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