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2.2.2 Handelssysteme im Fokus wissenschaftlicher Forschung

Wurde bisher ein grober Überblick über die schrittweise Entwicklung der seriösen Literaturerscheinungen zum Thema Markttechnischer Handelssysteme gegeben, die konzeptionell ein eher breiteres Publikum ansprechen sollte, so werden auch rein wissenschaftliche Publikationen in dieser Auflistung nicht fehlen. Es soll allerdings darauf hingewiesen werden, dass insbesondere der Fokus auf deutschsprachigen Publikationen liegen soll, weil diese im Vergleich zu den in englischer Sprache erschienenen quantitativ eine absolute Minderheit darstellen, aber trotzdem eine Würdigung verdienen. Schon im Jahr 1973 untersuchte H. W. Hofmann in einer langfristigen empirischen Untersuchung die Anwendung diverser Strategien der Technischen Analyse auf ausgewählte Deutsche Aktien50 und kam zu der Erkenntnis, dass sich auf der Grundlage Technisch Analytischer Modelle Überrenditen erzielen lassen, die signifikant außerhalb eines Zufallsbereiches liegen. Zu einem fast identisch lautenden Thema legte auch Tobias Heckmann im Jahr 2008 eine Dissertation vor[1], allerdings auf der Grundlage wesentlich modernerer Tradingverfahren, und kam ebenfalls zu dem Schluss, dass innerhalb der im Test definierten Intervalle Überrenditen realisiert werden können. Im Zusammenhang mit Markttechnischer Forschung im deutschsprachigen Raum muss zwangsläufig auch der Name Rainer Stöttner erwähnt werden, Lehrstuhlinhaber für das Fachgebiet Finanzierung, Banken und Versicherungen an der Universität Kassel, der im Jahr 1988 seine Habilitationsschrift Finanzanalyse – Grundlagen der markttechnischen Analyse [2]vorlegte und seitdem regelmäßig weitere viel beachtete Essays zum Themenkreis veröffentlicht [3] und themenverwandte Dissertationen betreut[e]. Der Vollständigkeit halber soll der zweite deutsche Lehrstuhl nicht unerwähnt bleiben, der mit Publikationen im Bereich der Technischen Analyse – hier allerdings insbesondere Charttechnik [Candlestick- und P&F-Chartanalyse] – auf sich aufmerksam macht. Gemeint ist der Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes unter dessen Inhaber Johannes Welcker, dessen Buch Technische Aktien-Analyse [4]mittlerweile in siebter Auflage erschienen ist. Die Grundlagen der Technischen Wertpapieranalyse untersuchte und beschreibt ebenso René-Claude Urbatsch, Inhaber der Professur für Finanzwirtschaft und Investitionswirtschaft an der Fachhochschule Mittweida, in Zusammenarbeit mit Frank Nagler, in seiner drei Teile umfassenden Publikation Technische Wertpapieranalyse, allerdings ohne Zugrundelegung von größer angelegten empirischen Untersuchungen. Schließlich seien auch noch zwei Diplomarbeiten genannt, die sich explizit mechanischen Handelssystemen widmen: in seiner Diplomarbeit Aufbau, Struktur und Bewertung von mechanischen Handelssystemen für Aktien- und Futuresmärkte untersucht Bernhard Keller die im Titel enthaltenen Merkmale von Handelssystemen und kommt zu dem Schluss, dass diese insbesondere in trendstarken Perioden signifikant gute Performances aufweisen können. Die zweite Diplomarbeit, Entwicklung deterministischer Handelssysteme, wurde von Stefan Ochsenkühn verfasst und beschäftigt sich mit der Frage, welche Mechanismen zueiner möglichst schnellen [Parameter]Optimierung mechanischer Handelssysteme auf beliebig präferierten Märkten führen und stellt mögliche Varianten vor[5]. Trotz dieser angeführten Beispiele muss der deutschen Forschung allerdings attestiert werden, dass empirische Untersuchungen auf dem Gebiet der Markttechnischen Analyse – und damit einschließlich Untersuchungen über Markttechnische Handelssysteme – ein Schattendasein fristen und im Vergleich zur Anzahl an angloamerikanischen Arbeiten völlig unterrepräsentiert sind. Man kann nur mutmaßen, worin die Ursachen zu suchen sind, am wahrscheinlichsten ist aber der grundlegende Unterschied in den Pensionssystemen zwischen Deutschland und den USA als Ursache auszumachen. Während Deutschland ein staatliches Umlagesystem als Hauptfinanzierungsquelle der Pensionen verwendet, leben Rentner in den USA vorwiegend von Ausschüttungen privater Investmentfonds und selbst gehaltener Aktien. So betrug im Jahr 2008 in Deutschland der Anteil an allen Haushalten, die Wertpapiere besaßen, etwa 33 %, während in den USA zur gleichen Zeit zirka 52 % der Haushalte im Besitz von Wertpapieren waren[6]. Unterschiede in der Mentalität und in der Risikoaffinität könnten ebenso als mögliche Ursachen herangezogen werden, wie zum Beispiel das Konsum- und Sparverhalten beider Bevölkerungen, sowie der Verschuldungsgrad der Haushalte und deren historische Entwicklungen. Dies bedarf aber weiterer Untersuchungen und soll an dieser Stelle nicht weiter Gegenstand der Betrachtung sein.

  • [1] Vgl. Heckmann, Tobias: Markttechnische Handelssysteme, quantitative Kursmuster und saisonale Kursanomalien [Dissertation], Lohmar, 2009.
  • [2] Vgl. Stöttner, Rainer: Finanzanalyse – Grundlagen der der markttechnischen Analyse [Habilitationsschrift], München, 1989.
  • [3] Vgl. Auflistung Aufsätze von Prof. Dr. R. Stöttner, URL: cms.uni-kassel.de/unicms /in dex.php?id=ibwl_sto_publikationen, Stand: 05.10.2010.
  • [4] Vgl. Welcker, Johannes: Technische Aktien-Analyse, Landsberg/Lech, 1994.
  • [5] Vgl. Ochsenkühn, Stefan: Entwicklung deterministischer Handelssysteme, Diplomarbeit Fachhochschule Ingolstadt, 2001.
  • [6] Vgl. Sauter, Nikolas: Das schwache Pflänzchen Aktienkultur, Working Paper Nr. 139 der Abteilung Economic Research & Corporate Development Allianz Group, München, 2010.
 
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