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2.3 Merkmale und Konstruktion Markttechnischer Handelssysteme

2.3.1 Markttechnisches Handelssystem versus Technischer Indikator

In den zurück liegenden Ausführungen wurde ein Bogen geschlagen von der Definition eines Handelssystems und dessen Kategorisierung bis hin zum aktuellen Forschungsstand, insbesondere was Systeme der Markttechnischen Analyse betrifft, auf welche sich seit Gliederungspunkt 2.2. die Aufmerksamkeit richtet. Ein einfaches Beispiel soll anhand der folgenden Abbildung zeigen, auf welche Problematik hingedeutet wird.

Abbildung 5: Simple Moving Average [SMA] über EUR/USD [eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

Als essentielle Bestandteile Markttechnischer Handelssysteme wurden Technische Indikatoren identifiziert, die als mathematische beziehungsweise statistische Berechnung auf der Grundlage von Kurs- und/oder Zeitreihen definiert wurden. So klar getrennt die Termini „Technischer Indikator“ und „[Markttechnisches] Handelssystem“ auf den ersten Blick zu sein scheinen, so soll dennoch eine saubere Abgrenzung vorgenommen werden, weil einige am Markt erhältliche Werke diese Exaktheit zuweilen vermissen lassen.

Die Abbildung zeigt in roter Linie einen einfachen gleitenden Durchschnitt, beziehungsweise Simple Moving Average [SMA], der in der Standardeinstellung von 14 Zeiteinheiten [hier Wochen] über den Wechselkurs Euro/US-Dollar [Schlusskurse] gelegt wurde. Er entspricht mathematisch dem arithmetischen Mittel der Schlusskurse des Basistitels und errechnet sich, indem er im definierten Intervall von n Perioden die gleich gewichteten Schlusskurse addiert und durch die Anzahl n dividiert[1]. Weil beim Erreichen einer neuen Periode dessen Schlusskurs in der Kalkulation berücksichtigt wird, dafür aber der älteste der n Schlusskurse entfernt wird, „gleitet“ er. Der Vollständigkeit halber sei die mathematische Bildungsvorschrift nachfolgend angegeben[2]:

Formel 1: Simple Moving Average [SMA]

In oben stehender Abbildung werden vor allem drei Aspekte ersichtlich, die charakteristisch für Trendfolger sind: zum einen glättet der einfache gleitende Durchschnitt den Kursverlauf und macht so eine klare Richtung ersichtlich, in welche der Basiskurs verläuft. Zum zweiten besitzt er eine erkennbare Trägheit [lagging indicator], die sich dadurch äußert, dass ein Ende des Trends im Basiskurs erst mit Verspätung zu einer Spitze der Bewegung im trendfolgenden Indikator führt. Drittens weist der Indikator infolge der Glättung eine geringere Volatilität als sein ihm zugrunde liegender Basiskurs auf, was wiederum dazu führt, dass er von diesem in der Richtung unten nach oben, beziehungsweise oben nach unten abwechselnd geschnitten wird[3]. — Bis hierher wurde allein der einfache gleitende Durchschnitt beschrieben. Aus dieser Erläuterung kann aber wiederum ein Handelssystem abgeleitet werden, indem man sich der letztgenannten Eigenschaft bedient, nämlich dem Schneiden des langsameren Indikators durch den schnelleren Basiskurs. In der Abbildung sind diese Schnittpunkte durch Pfeile kenntlich gemacht, wobei die grünen Pfeile jeweils ein Kaufsignal und die roten Pfeile entsprechend ein Verkaufssignal anzeigen. Vom Ergebnis einmal abgesehen, welches zu diesem Zeitpunkt nicht weiter interessiert, soll die Tatsache hervorgehoben werden, dass sich im Beispiel Technischer Indikator und Markttechnisches Handelssystem allein dadurch unterscheiden, dass beim Handelssystem tatsächlich eine Order ausgelöst wird. Ansonsten stellt ausschließlich der Indikator die Konstruktion des Handelssystems dar. Daraus ergeben sich zwei Schlussfolgerungen: zum einen ist es grundsätzlich falsch, die Termini „Technischer Indikator“ und „Markttechnisches Handelssystem“ synonym zu verwenden, weil ein Handelssystem stets mit dem Auslösen eines Trades einhergeht; lediglich das Handelssignal stammt vom Technischen Indikator. Zweitens kann die Erkenntnis gewonnen werden, dass faktisch jeder Technische Indikator ein stringentes Handelssystem darstellen kann – vorausgesetzt dem Signal folgt definitionsgemäß eine Order. Ein logischer Umkehrschluss, dass jedes Handelssystem einen Technischen Indikator darstellen kann, ist hingegen nicht möglich, allein aus dem Grund, weil die übergroße Anzahl an Handelssystemen unter dem Gesichtspunkt der Risikodiversifikation aus mehreren Indikatoren zusammen gesetzt sind und sich demzufolge nicht ausschließlich auf die Signale eines einzigen stützen. Der kausale Zusammenhang ist demnach unidirektional.

  • [1] Vgl. Müller, Thomas / Lindner, Wolfgang: a.a.O., Seite 176.
  • [2] In Anlehnung an Murphy, John: a.a.O., Seite 204.
  • [3] Vgl. Heckmann, Tobias: a.a.O., Seite 48.
 
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