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5.3.2 Ablauf induktive Kategorienbildung

Zur Offenlegung und Nachvollziehbarkeit der Analyse wird im Folgenden das für die vorliegende Studie entwickelte Ablaufmodell der induktiven Kategorienbildung erläutert. Dies ist notwendig, da die qualitative Inhaltsanalyse nicht als standardisierte Auswertungsmethode zu begreifen und deshalb ein konkretes Vorgehen in Bezug auf Theorie und Fragestellung der vorliegenden Studie zu entwickeln war: „Die Inhaltsanalyse ist kein Standardinstrument, das immer gleich aussieht; sie muss an den konkreten Gegenstand, das Material angepasst sein und auf die spezielle Fragestellung hin konstruiert werden.“ (Mayring 2010, S. 49).

Wie das Zitat von Mayring verdeutlicht, gilt es, den Ablauf der Inhaltsanalyse an das jeweilige Forschungsvorhaben, an die Fragestellung und das Material anzupassen. Durch die Offenlegung des individuellen Ablaufmodells der Analyse (vgl. Tab. 10) wird das Vorgehen intersubjektiv nachprüfbar und somit zu einer wissenschaftlichen Methode, die über eine subjektive Interpretation hinausgeht.

Zu (1): Hintergrund der Inhaltsanalyse ist im vorliegenden Projekt die Erarbeitung der Theorie und des Standes der Forschung, wobei für die Fragestellung der erarbeitete fachdidaktische Referenzrahmen ökonomischer Bildung sowie die Forschung zu Vorstellungen im Allgemeinen und Lehrervorstellungen im Besonderen von Bedeutung sind (vgl. Kapitel 2 und 3).

Zu (2) (5): Für die Konkretisierung des Erkenntnisinteresses im Rahmen der Inhaltsanalyse wurde die Fragestellung theoriegeleitet in untergeordnete Fragen ausdifferenziert. Für jede untergeordnete Frage wurden anschließend Selektionskriterien festgelegt und definiert (siehe Anhang). Dies ist nach der von Mayring im Rahmen der QIA 2013 vermittelten Vorgehensweise auch bei der induktiven Kategorienbildung erforderlich und erfolgt theoriegeleitet und in Bezug auf die Fragestellung und deren Umsetzung im Erhebungsinstrument (Interviewleitfaden).

(1) Theorie und Stand der Forschung

(2) Formulierung der Fragestellung

(3) Theoriegeleitete Differenzierung der Fragstellung

(4) Bestimmung des Ausgangsmaterials

(5) Festlegung von Analyseeinheiten, Abstraktionsniveau und Selektionskriterien

(6) Probecodierung des ersten Interviews anhand eines dreistufigen Verfahrens:

a) Codierung Papier-Bleistift

b) Übertragung der Codierung in MAXQDA und gleichzeitige Überprüfung

c) Notizen zur Analyse

(7) Überarbeitung der Kategoriendefinitionen

(8) Codierung drei weiterer Interviews anhand eines dreistufigen Verfahrens:

a) Codierung Papier-Bleistift

b) Übertragung der Codierung in MAXQDA und gleichzeitige Überprüfung

c) Notizen zur Analyse

(9) Formative Reliabilitätsprüfung der ersten vier Interviews und des bisherigen Kategorienschemas

(10) Codierung vier weiterer Interviews anhand eines dreistufigen Verfahrens:

a) Codierung Papier-Bleistift

b) Übertragung der Codierung in MAXQDA und gleichzeitige Überprüfung

c) Notizen zur Analyse

(11) Überprüfung der Intercoderreliabilität: zwei externe CodiererInnen codieren jeweils zwei unterschiedliche Interviews und gegebenenfalls Umsetzung von Veränderungsvorschlägen

(12) Codierung sieben weiterer Interviews anhand eines dreistufigen Verfahrens:

a) Codierung Papier-Bleistift

b) Übertragung der Codierung in MAXQDA und gleichzeitige Überprüfung

c) Notizen zur Analyse

(13) Formative Reliabilitätsüberprüfung aller Interviews und des gesamten Kategorienschemas

(14) Analyse des Kategorienschemas und Verschriftlichung

Tabelle 10 Ablaufmodell der induktiven Kategorienbildung

Zu (4): Gegenstand der Inhaltsanalyse sind die 15 Interviews mit Wirtschaftslehrpersonen, die alle in die Analyse einbezogen wurden. Die Interviews wurden im Einverständnis der Lehrpersonen als Audiodateien aufgezeichnet und anschließend anhand eines Transkriptionsleitfadens und nach Transkriptionsregeln in Anlehnung an Kuckartz (2010, S. 44) wörtlich und unter Einsatz des Programms f4 transkribiert. Sprache und Interpunktion wurden hierbei leicht geglättet und dem Schriftdeutsch angepasst. Längere Pausen wurden mit transkribiert, da sie Hinweise auf Denkprozesse geben können. Besonders betonte Begriffe wurden durch Unterstreichungen hervorgehoben und der Fließtext zur Analyse in MAXQDA in Paragrafen gegliedert. Im Anschluss an die Transkription folgte eine Anonymisierung des Interviewmaterials, bei der alle Informationen aus den Transkripten entfernt wurden, die Hinweise zu einer möglichen Identifizierung der Interviewpartnerinnen und -partner geben können. Dazu werden Namen von Personen oder Schulen sowie Ortsbezeichnungen in den Interviewdokumenten entfernt und die Dateien bzw. Interviews nummeriert.

Zu (5): Für die Inhaltsanalyse ist es außerdem notwendig, die Analyseeinheiten und das Abstraktionsniveau zu bestimmen. Die Codiereinheit, welche „[...] der kleinste Materialbestandteil ist, der ausgewertet werden darf [...]“ (Mayring 2010, S. 59), umfasst ein einzelnes Lexem (lexikalisches Element). Die Kontexteinheit hingegen, die „[...] den größten Textbestandteil fest[legt], der unter eine Kategorie fallen kann“ (ebd.), umfasst mehrere aufeinanderfolgende Sätze. Die Auswertungseinheit der Analyse ist jeweils ein gesamtes Interview. Diese wurden nacheinander in der Reihenfolge der Erhebung analysiert. Als Abstraktionsniveau werden explizite Äußerungen als dem Forschungsinteresse und der gewählten Erhebungsund Auswertungsmethode angemessenes Abstraktionsniveau bestimmt.

Zu (6): Zur Erprobung der Selektionskriterien erfolgte eine erste Codierung anhand des Interviews, welches als Pretest vor der Durchführung der anderen Interviews durchgeführt wurde. Da der Leitfaden anschließend nicht verändert wurde, konnte das Interview für den Zweck der Erprobung der Selektionskriterien und ihrer Definition ebenfalls genutzt werden. Zur Codierung der Interviews wurde das folgende dreistufige Verfahren festgelegt (vgl. Abb. 16).

Abbildung 16 Dreistufiges Codierverfahren

Im Rahmen der Inhaltsanalyse wurden zu den verschiedenen Teilbereichen des Interviews Dateien angelegt, um für die Auswertung relevante Aspekte neben der Kategorisierung festzuhalten. Außerdem wurde für jedes Interview eine Falldatei angefertigt, in die Erkenntnisse während der Codierung eingetragen wurden. Besonders prägnante Interviewsequenzen oder solche, die während der Auswertung als zentral erschienen, werden in einer weiteren Datei festgehalten. Neben der Inhaltsanalyse, in Form der MAXQDA-Datei, entstand so ein umfangreicher Korpus von einzelnen Dateien, die sich auf spezifische Teilaspekte des Interviewleitfadens bzw. der Forschungsfrage konzentrieren und eine Fokussierung bzw. Vertiefung der Auswertung der Inhaltsanalyse ermöglichten.

Zu (7) (8): Auf die Probecodierung des ersten Interviews erfolgte eine Überarbeitung bzw. Schärfung der Kategoriedefinitionen. Anschließend werden drei weitere Interviews mittels des dreistufigen Verfahrens codiert.

Zu (9) (10): Nachdem vier Interviews und somit ein Viertel des gesamten Materials codiert worden war, erfolgte eine formative Reliabilitätsprüfung des bisher codierten Materials und des Kategorienschemas. Hierzu wurden sowohl die Kategorienbezeichnungen und die zugeordneten Textstellen als auch die Interviews auf fehlende Codierungen überprüft. Anschließend wurden vier weitere Interviews anhand des bereits skizzierten dreistufigen Verfahrens codiert.

Zu (11): Nachdem die Hälfte des Materials (acht Interviews) codiert vorlag, wurde zur Umsetzung der Intercoderreliabilität ein Intercoderprozess mit zwei verschiedenen externen Codierern durchgeführt. Vorgehensweise und Ergebnisse des Intercodierungsprozesses werden aufgrund ihrer besonderen Relevanz für die Inhaltsanalyse im folgenden Kapitel ausführlich dargestellt (vgl. Kapitel 5.3.3).

Zu (12) (13): Anschließend wurden die noch nicht bearbeiteten restlichen sieben Interviews codiert und eine abschließende ausführliche formative Realiabilitätsprüfung durchgeführt, in die noch einmal alle Interviews und Codierungen und das Kategorienschema und seine Definitionen einbezogen wurden.

Zu (14): Abschließend erfolgte die ausführliche Analyse des entstandenen Kategorienschemas und der verschiedenen anderen Teilauswertungen, die zusammengeführt und verschriftlicht wurden.

Das regelgeleitete Vorgehen der qualitativen Inhaltsanalyse ermöglicht einen strukturierten Analyseprozess, der es erleichtert, das umfangreiche Interviewmaterial nach den im Ablaufmodell festgelegten Analyseschritten sukzessive zu bearbeiten. Das schrittweise Vorgehen der Codierungen erwies sich in der Analysepraxis auch als sinnvoll, um die eigenen Codierungen mit zeitlichem Abstand zu überprüfen, wobei das gewählte Verfahren für die Anzahl an Interviews im Rückblick als sehr aufwendig, aber in Bezug auf die Ergebnisse und die Gewährleistung der Gütekriterien im Sinne wissenschaftlicher Maßstäbe als sinnvoll erachtet wird.

Die Ausdifferenzierung des Forschungsinteresses in die verschiedenen Selektionskriterien führte in der Analyse zu einem sehr umfangreichen Kategoriensystem, welches sich in der Handhabung als komplex, für das Forschungsinteresse aber als angemessen erwiesen hat. Angesicht des Umfangs und der daraus resultierenden Komplexität der Selektionskriterien und des entstehenden Kategoriensystems wurde auf eine weitere Ausdifferenzierung nach Modalkategorien (z. B. Schulfach, Geschlecht der Lehrpersonen etc.) bei der programmgestützten Inhaltsanalyse auch mit Hinblick auf das Forschungsinteresse, bei dem nicht der Vergleich von Modalkategorien im Vordergrund steht, verzichtet, und die Modalkategorien wurden erst in der vertiefenden Analyse der Ergebnisse berücksichtigt.

Im Rahmen der Analyse wurde deutlich, dass der sehr explorativ angelegte Interviewleitfaden, der viele verschiedene Aspekte des Lehrens und Lernens im Wirtschaftsunterricht einbezieht, den Nachteil hat, dass für die einzelnen Themen vergleichsweise wenig Interviewzeit bleibt. Nachfolgende Studien könnten sich aufgrund der im Rahmen dieser Studie geleisteten Vorarbeit auf einen Inhaltsbereich beschränken, um im Rahmen des Interviews ausreichend Gesprächszeit zu ermöglichen und so vertieft Vorstellungen zu einzelnen Gegenstandsbereichen erfassen zu können. Vor dem Hintergrund des Forschungsstandes zu Lehrervorstellungen in der ökonomischen Bildung war jedoch zunächst eine möglichst breite Herangehensweise erforderlich. Im Rahmen einer solchen Studie, die sehr grundlegend verschiedene Inhaltsbereiche berücksichtigt, ist es möglich, domänenspezifische Inhaltsbereiche von Lehrervorstellungen zu ökonomischer Bildung auf Basis der empirischen Erkenntnisse zu bestimmen. Dies ist mit Blick auf die Professionalisierung der Domäne und die Anknüpfbarkeit der fächerübergreifenden Forschung zu Lehrervorstellungen ein grundlegender Beitrag.

Im Intercoderprozess konnten die eigenen Codierungen überprüft und Anregungen für die Bezeichnung bzw. Schärfung der Kategoriendefinitionen gewonnen werden. In der Diskussion mit den Intercodierern wurde deutlich, dass die qualitative Inhaltsanalyse den Anspruch einer intersubjektiven Durchführbarkeit erfüllen kann. Es zeigte sich aber auch, dass das Codieren durch Fachkenntnisse im untersuchten Feld erleichtert wird und diese Fachkenntnisse eine ausdifferenzierte Codierung ermöglichen. Die Visualisierung einzelner Ausschnitte des Kategoriensystems mithilfe von MAXmaps erwies sich als geeigneter Zwischenschritt von der Inhaltsanalyse in MAXQDA zur Verschriftlichung der Ergebnisse.

 
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