< Zurück   INHALT   Weiter >

2.3.3.2 Antizyklische Handelssysteme

Antizyklische Handelssysteme stellen das konzeptionelle Gegenstück zu den Trendfolgesystemen dar. Sie basieren auf dem Ansatz, das Ende einer Kursbewegung zu prognostizieren und anschließend frühestmöglich an der Konsolidierungsbewegung zu partizipieren[1]. Demzufolge ist es der Anspruch dieser Systeme, eine Long-Position am Ende eines Abwärtstrends einzugehen, beziehungsweise eine Short-Position unmittelbar am Gipfel eines Aufwärtstrends. Diese Art der Handelsmethodik wird größtenteils über so genannte Oszillatoren bewerkstelligt, welche als zweite wesentliche Gruppe der Technischen Indikatoren bereits im Unterpunkt 2.1.3. erwähnt worden sind. Countertrend-Systeme, wie sie auch genannt werden, können eingeteilt werden in Umkehrsysteme, Pattern-Systeme sowie Zyklen-Systeme. Vorab soll darauf hingewiesen werden, dass der letztgenannte Typ für den weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen soll. Diese Entscheidung wird damit begründet, dass[2] Zyklen-Systeme sich den Ansatz zu Nutze machen, dass bestimmte Märkte nachweislich in immer wiederkehrenden saisonalen Schwankungen verlaufen, wie dies beispielsweise bei landwirtschaftlichen Produkten zur Erntezeit der Fall ist. Weil sich derartige Systeme neben Technischer Marktanalyse allerdings auch Technischer Charttechnik, sowie fundamentaler Daten bedienen können, fallen sie aus der Kategorie reiner Markttechnischer Handelssysteme heraus[3]. Zu den Stärken antizyklischer Handelssysteme gehört im Allgemeinen ihre Fähigkeit, auch in trendlosen Phasen rentabel agieren zu können, bei denen trendfolgende Systeme nicht funktionieren. Umgekehrt bringen Countertrend-Systeme in starken Trendphasen gehäuft Fehlsignale hervor, weil sie nicht in der Lage sind, den eigentlichen Marktzustand korrekt wiederzugeben. Wie auch bei Trendfolge-Systemen gilt die Feststellung, dass genannte Systeme in der Praxis beliebig konstruiert und mit anderen Typen kombiniert werden können. Zudem hat der beschriebene Mechanismus zwischen Sensitivität und Sicherheit mit all seinen bereits genannten Auswirkungen auch bei den antizyklischen Systemen Gültigkeit.

2.3.3.2.1 Umkehrsysteme

Umkehrsysteme sind antizyklische Handelssysteme auf der Basis von Oszillatoren, die Orders auslösen, sobald vordefinierte Grenzmarken vom Basiskurs durchbrochen werden. Oszillatoren sind wiederum Instrumente, welche die Schwungkraft des Marktes messen, zudem stellen sie innerhalb der Technischen Indikatoren die größte Gruppe dar. Der etymologische Ursprung des Begriffs liegt im lateinischen oscillum für 'Schaukel' und steht allgemein für Schwingung beziehungsweise Pendeln[4] um einen definierten Gleichgewichtswert. Prinzipiell versuchen Oszillatoren anhand der bereits erwähnten Schwungkraft den Zustand des Marktes zu identifizieren. Im Speziellen zeigen sie an, ob der Markt tendentiell überkauft oder überverkauft ist, oder ob es sich um einen ausgeglichenen Zustand handelt, welchen der Gleichgewichtswert markiert. In dieser Eigenschaft unterscheiden sie sich radikal von den trendfolgenden Technischen Indikatoren, denn streng genommen stellen Oszillatoren vorauseilende Indikatoren [Leading-Indicators] dar, die auf bevorstehende Änderungen im Basiskurs hindeuten, während Trendfolger rein reaktive Indikatoren sind[5]. In dieser Eigenschaft unterscheiden sich die Umkehrsysteme auch von den konzeptionell ähnlich gelagerten Kursausbruchssystemen als Bestandteil der Trendfolgesysteme, denn diese generieren eine Order, wenn sich innerhalb ihrer Parameterkalibrierung nachweislich ein Trend in eine Gegenrichtung etabliert hat, während Umkehrsysteme schon auf Anzeichen einer möglichen Trendumkehr reagieren, bevor sich diese [gegebenenfalls] real einstellt. Konstruktionsmäßig sind Oszillatoren so aufgebaut, dass deren Graph um eine horizontale Linie – dem oben beschriebenen Gleichgewichtswert – pendelt, welche als Null-Linie bezeichnet wird und den Kurskanal eines Oszillators in eine obere positive und eine untere negative Hälfte trennt, wobei die obere den tendentiell überkauften und die untere den entsprechend überverkauften Zustand des Basiskurses markiert. In Abhängigkeit von der Bildungsvorschrift des Oszillators kann er alternativ eine Skalierung von 0 bis 1, beziehungsweise von 0 % bis 100 % verwenden, sodass hierbei die Markierung bei 50 % den Gleichgewichtswert markiert. Nicht selten enthalten die Kurskanäle der Oszillatoren in den jeweiligen Extremzonen noch zwei Trigger-Linien, welche bei Kreuzung mit der Indikatorlinie ein Handelssignal geben. Stellvertretend für eben beschriebenen Mechanismus soll nachfolgend zu Demonstrationszwecken ein Kursumkehr-System auf Basis eines der bekanntesten Oszillatoren angeführt werden, dem Relative Strength Index [RSI]. Dieser wurde Mitte der 1970er Jahre vom oben bereits erwähnten J. Welles Wilder entwickelt und 1978 publiziert. Er misst die innere Stärke eines Basiskurses auf der Grundlage des Verhältnisses CD des arithmetischen Mittels jener Anzahl an Schlusskursen im Intervall n, die im Plus geschlossen haben, zu (?) der Summe aus dem arithmetischen Mittel der positiven Kursänderungen im Intervall n und dem arithmetischen Mittel der negativen Kursänderungen im gleichen Intervall. Schließlich wird das Ergebnis mit 100 multipliziert.

Abbildung 8: Umkehrsystem auf Relative Strength Index [RSI] mit n = 14 über EUR/USD [eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

Der Vollständigkeit halber sei die mathematische Bildungsvorschrift des Relative Strength Index [RSI] nachfolgend angegeben:

mit Ct: Schlusskurs zum Zeitpunkt t

C+=max[(C -Ct-1),o]: f:J positive Kursänderungen

In Anlehnung an Paesler, Oliver: a.a.O., Seite 203.

C-=max[(C -C ),o]: f:J negative Kursänderungen

n: Periodenlänge

n<t

Formel 2: Relative Strength Index [RSI]

Anhand des Charts ist erkennbar, wie der Relative Strength Index [RSI] als Grundlage eines Umkehrsystems seine Handelssignale gibt. Innerhalb seines Kurskanals befinden sich zwei Trigger-Linien bei 30 % und bei 70 %. Kreuzen die Indikatorlinien die 70 % Marke, wie es im Beispiel am 20.10.2010 der Fall war, so ist dies so zu interpretieren, dass der Basiskurs in einen überkauften Zustand eingetreten ist und eine Konsolidierungsbewegung bevorsteht, weswegen mit Erreichen dieser Marke eine Short Order gegeben wird. Diese ist als roter Pfeil markiert. Der entsprechend umgekehrte Mechanismus wirkt beim Kreuzen der Indikatorlinie mit der 30 % Marke. Ohne auf das konkrete Ergebnis dieses Handels eingehen zu wollen, sei abschließend zum Relative Strength Index [RSI] selbst noch vermerkt, dass er nicht nur unter Verwendung des arithmetischen Mittels, sondern ebenso auf der Grundlage des exponentiell gleitenden Durchschnittes berechnet werden kann, sodass eine Gewichtung der jüngeren Schlusskurse erfolgt[6], welches als so genanntes Average-off-Verfahren bekannt ist.

2.3.3.2.2 Pattern-Systeme

Unter Patterns werden im Allgemeinen wiederkehrende Preismuster oder Formationen verstanden[7]. Diese ehemals aus der markttechnischen Chartanalyse entlehnte Methode geht von dem Ansatz aus, dass Formationen durch markante Punkte ex-post identifizierbar sind und dadurch eine subjektive Deutung derselben, welche nur eine unnötige Fehlerquelle darstellt, obsolet wird. PatternSysteme untersuchen den Basiskursverlauf auf nummerisch verwertbare Indizien eines gegebenenfalls bevorstehenden Trendwechsels durch das Heranziehen von Schlusskursen, manchmal aber auch Eröffnungskurse, oder Höchstsowie Tiefststände[8]. Nicht selten werden Pattern-Systeme in ihrer Konstruktion auch als Kontrahent zu den Kursausbruchssystemen konzipiert, in der Annahme, dass diese ein Fehlsignal generieren und in der Folge die entsprechend lautende GegenOrder platziert wird. Dieser Gedanke wurde im Abschnitt 2.3.3.1.2. schon unter dem Begriff des Pullback eingeführt und meint das Reagieren auf eine außergewöhnliche Kursbewegung in der Erwartung einer Konsolidierung. Im speziellen Fall reagieren Pattern-Systeme explizit auf die Signale der Kursausbruchssysteme diametral, was gleichfalls einem Rückzug [= Pullback] entspricht. Das bereits als Begriff angebrachte System „Turtle-Soup“ lässt sich exakt in diese Kategorie einordnen. In Analogie zu den Kursausbruchssystemen können reine Pattern-Systeme auf Datengrundlage genannter Kursarten gänzlich auf den Einsatz Technischer Indikatoren verzichten und reagieren umso sensitiver, je weniger Perioden in die Berechnung mit einfließen, mit allen bereits benannten Vor- und Nachteilen, die sich aus einer erhöhten Sensitivität ergeben. Die Generierung von Handelssignalen ist zu individuell von der Konstruktion des jeweiligen Systems abhängig, als sich diese verallgemeinern ließe. Trotzdem lassen sich grundsätzlich drei Konzeptionen unterscheiden, welche das Ziel verfolgen, für Pattern-Systeme verwertbare Unterstützungsbeziehungsweise Widerstandsniveaus abzuleiten, um daraus Ein- und Ausstiegssignale zu generieren[9].

1) Das System untersucht vorangegangene Hoch- und Tiefpunkte des Basiskurses

2) Das System generiert eine Entry-Order in den prozyklisch dominierenden Trend nach einer kurzen Konsolidierungsbewegung

3) Das System reagiert auf „Climaxoder Erschöpfungsmuster“, die [gegebenenfalls] eine Abnahme der Marktgeschwindigkeit prophezeien.

Die nachfolgende Abbildung soll die eben dargelegten Informationen allein zum Zweck der Anschaulichkeit darstellen. Bewusst wurde hierbei das Beispiel aus Abschnitt 2.3.3.1.2. gewählt, um im Gegensatz zum dort stehenden Kursausbruchssystem die gegenläufigen Orders nach dem „Turtle-Soup-System“ als gängiger Vertreter der Pattern-Systeme zu demonstrieren.

Abbildung 9: Pattern-System Turtle-Soup mit n = 20 Tagen über EUR/USD [eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

Auf das konkrete Ergebnis dieses Handels soll, wie in den zurück liegenden Beispielen auch, an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

2.3.3.2.3 Zwischenfazit antizyklische Handelssysteme

In Analogie zu den Trendfolgesystemen soll ebenso über die antizyklischen Systeme ein kurzes Resümee gezogen werden, worin ihre Bedeutung als entscheidungsunterstützende Instrumente in der Trading-Praxis zu sehen ist. Zu aller erst sind antizyklische Handelssysteme als methodische Gegenstücke zu den Trendfolgesystemen zu betrachten, das heißt, dass sie ihre bekannten Schwächen negieren sollen. Deswegen werden insbesondere in trendlosen Seitwärtsphasen vermehrt Umkehrsysteme eingesetzt, um anhand der Marktlage, beziehungsweise –geschwindigkeit eine Prognose über zukünftige Bewegungen des Basiskurses zu erstellen. Durch den Einsatz von Oszillatoren kann eine Aussage getroffen werden, ob ein Markt im Verhältnis zum betrachteten Intervall tendentiell überkauft oder überverkauft ist und welche Schlussfolgerungen sich auf daraus gegebenenfalls auf Kursbewegungen ergeben. Mit dieser Eigenschaft laufen Oszillatoren dem eigentlichen Marktgeschehen voraus [Leading Indikatoren], und sie bieten dem Trader so die Möglichkeit, sehr frühzeitig an Konsolidierungsbewegungen zu partizipieren, im Gegensatz zu Trendfolgesystemen, die rein reaktiven Charakter besitzen. In diesem Zusammenhang sei zwingend auch auf das Potential der Konvergenz-/Divergenzanalyse hingewiesen. Darunter verstehen Trader Schlussfolgerungen aus einer Situation, in welcher die Oszillatorlinie in die Gegenrichtung zur Basiskurslinie schwenkt und sich beide demnach einander zubewegen/voneinander wegbewegen. Diese Konvergenzen/Divergenzen werden als [vermeintlich] verlässliche Zeichen einer Konsolidierungsbewegung gewertet, eben aus der Annahme heraus, dass der Oszillator dem Basiskurs vorauseilt[10]. Zu ihren Schwächen gehört ihre Unfähigkeit, in ausgeprägten Trendphasen rentabel zu agieren, weil sie infolge des langen Verharrens im überkauften/überverkauften Extrembereich innerhalb ihres Indikatorkanals dazu neigen, Fehlsignale hervorzubringen. Diese Eigenschaft lässt sich allerdings mit dem bereits mehrfach erwähnten Mechanismus der Sensitivitätsanpassung, das heißt der Berücksichtigung vieler oder weniger Kursdaten in der Berechnung, beeinflussen. Des Weiteren neigen Umkehrsysteme – verglichen mit Trendfolgesystemen – zu höherer Komplexität, was die mathematischen Bildungsvorschriften der ihnen zu Grunde liegenden Technischen Indikatoren betrifft. Obgleich dies keine allgemeingültige Aussage sein soll, es sei zum Beispiel an den schon fast trivial zu berechnenden Momentum Oszillator erinnert, so stellen sie an den Trader doch ein höheres Maß an Verständnis der Materie, was den richtigen Umgang und die korrekte Interpretation ihrer Ergebnisse angeht. Zu Pattern-Systemen sei vermerkt, dass sie sehr einfach zu konstruieren sind und vorwiegend als Gegenstück zu den Kursausbruchssystemen verwendet werden. Nicht selten sind beide als gekoppelter Trade konzipiert, um in volatilen Marktphasen nach beiden Seiten hin eine Position offen zu halten. In Abhängigkeit davon, in welche der Markt dreht, wird dann die jeweils andere automatisch in eine Stop-Loss-Marke gewandelt.

  • [1] Vgl. Schwager, Jack D.: a.a.O., Seite 678 f.
  • [2] Vgl. eBook „Automatisierter Handel“, Seite 8, URL: best-eas.com. Stand: 10.10.2010.
  • [3] Vgl. Sambul, Nathan J.: a.a.O., Seite 165 f.
  • [4] Vgl. Langenscheidts Taschenwörterbuch: Latein, München, 1994, Seite 370.
  • [5] Vgl. Murphy, John: a.a.O., Seite 228.
  • [6] Vgl. Paesler, Oliver: a.a.O., Seite 77.
  • [7] Vgl. Sambul, Nathan J.: a.a.O., Seite 120 f.
  • [8] Vgl. Böresennews.de, URL: boersennews.de/lexikon/begriff/pattern/852, Stand: 28.10.2010.
  • [9] Vgl. Heckmann, Tobias: a.a.O., Seite 125.
  • [10] Vgl. Murphy, John: a.a.O., Seite 229.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >