Intercodierungsprozess: Vorgehensweise und Ergebnisse

Für den Intercodierungsprozess werden jeweils zwei Interviews von Lehrpersonen an Gymnasien und zwei Interviews von Lehrpersonen an Oberschulen von jeweils zwei Lehrerinnen und zwei Lehrern aus zwei verschiedenen Schulstandorten und drei verschiedenen Schulen ausgewählt. Darüber hinaus wurde darauf geachtet, dass sowohl Interviews vom Anfang, der Mitte und dem Ende der Feldphase berücksichtigt werden und alle im Sampling vertretenen Realisierungsformen ökonomischer Bildung („Politik-Wirtschaft“, „Wirtschaft“, „Profil Wirtschaft“ und „Wirtschaftslehre“) durch die ausgewählten Interviews abgedeckt sind.

Beide Codierer haben schon in verschiedenen Kontexten mit der Inhaltsanalyse gearbeitet. Einer der beiden Codierer bringt einen Erfahrungshorizont in Fachdidaktik der ökonomischen Bildung mit, die andere Codiererin Erfahrung mit der Analyse von Lehrerinterviews in der Schulpädagogik. Den Intercodierern wurden die Interviewtranskripte und die Tabelle mit den Selektionskriterien und deren Kategoriendefinitionen übermittelt. Beide codierten die Interviews zunächst für sich in einem Two-step-Verfahren und erstellten jeweils eine eigene MAXQDA-Datei. Diese Codierungen wurden anschließend in zwei getrennten Besprechungen verglichen und diskutiert. Insgesamt konnte so ein Viertel der Interviews von zwei Personen codiert werden bzw. die eigene Zuordnung und Codierung bzw. Kategorienbezeichnung reflektiert und somit weiterentwickelt werden. Ziel der Intercodierung war eine Überprüfung der codierten Stellen, eine Schärfung der Bezeichnungen der induktiven Kategorien sowie eine Überprüfung, inwieweit die Selektionskriterien und deren Definitionen eine intersubjektive Codierung ermöglichen.

Im Rahmen der ersten Intercodierung meldete die Codiererin zurück, dass die Selektionskriterien ohne Probleme angewendet werden konnten. Dies wurde auch im Vergleich der Codierungen aus dem Intercoderprozess mit den eigenen Codierungen deutlich. Darüber hinaus sind die Kategorienbezeichnungen sehr ähnlich. Unterschiede wurden jedoch in der Anzahl der codierten Stellen deutlich. Beim Intercodieren wurden weniger Stellen codiert und auch weniger differenzierte Unterkategorien gebildet als in der eigenen Codierung. Eine mögliche Erklärung hierfür liegt in der Domänenspezifität des zu codierenden Interviewmaterials. Für eine Intercodiererin, der nicht in der ökonomischen Bildung bewandert ist, sind beispielsweise die verschiedenen Ankerfächer und andere Nuancen schwierig zu durchschauen und scheinen weniger bedeutungsvoll. Auch ist es für Menschen außerhalb der Domäne schwieriger, domänenspezifische Inhalte zuzuordnen bzw. zu systematisieren. Nichtsdestotrotz wurden diese Unterschiede im Codierverhalten genutzt, um all jene Kategorien, die zusätzlich gesetzt werden, auf Explizitheit und Eindeutigkeit zu prüfen. Da es bei der ersten fachfremden Intercodierung vor allem um eine intersubjektive und domänenübergreifende Anwendbarkeit der Selektionskriterien und ihrer Definitionen aus methodischer Sicht geht, kann in Bezug auf dieses Kriterium konstatiert werden, dass sowohl die Selektionskriterien als auch deren Definition eine externe Codierung ermöglichen.

Zur Berechnung der Intercoder-Übereinstimmung wurden die beiden codierten Interviews mit den intercodierten Interviews im Programm MAXQDA zusammengeführt und die IntercoderÜbereinstimmung in den Varianten 1 und 2 auf dem Vergleichslevel des Dokuments bestimmt (vgl. hierzu und im Folgenden MAXQDA 2011, S. 111ff.).

• Vergleichskriterium der Variante 1 ist das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein der Codes in beiden Dokumenten.

• Bei der Variante 2 wird die Übereinstimmung der Häufigkeit der Zuordnung der Codes bestimmt.

Mithilfe der folgenden Formel (vgl. Abb. 17) wurde für den Abgleich zwischen den Codierungen der Intercoderin und den eigenen Codierungen eine Intercoder-Übereinstimmung von 85 % (Interview II) und 81 % (Interview IX) mit dem Programm MAXQDA bestimmt.

Abbildung 17 Formel Intercoder-Übereinstimmung

Die zweite Intercodierung wurde von einem Intercodierer durchgeführt, der sowohl Erfahrung mit der Inhaltsanalyse hat als auch in der Fachdidaktik der ökonomischen Bildung und der Analyse von (Schüler-)Vorstellungen fachkundig ist. Auch der zweite Codierer setzte weniger und weniger ausdifferenzierte Codes als in der eigenen Codierung. Ebenso wie in der ersten Intercodierung konnte der zweite Codierer die Selektionskriterien mithilfe der Kategoriendefinitionen und ohne weitere Instruktionen anwenden. Auch in diesem zweiten Intercodierprozess wurden anschließend an die Codierung Rückmeldungen zu einzelnen Kategoriendefinitionen eingeholt und diese reflektiert. Im Rahmen des Intercodierprozesses wurde deutlich, dass induktives Kategorisieren eine gewisse Kenntnis des jeweiligen Feldes voraussetzt und dass dies als Prämisse der intersubjektiven Anwendbarkeit der Inhaltsanalyse angesehen werden muss.

Für den zweiten Intercodier-Durchgang wurden ebenfalls beide codierten Interviews mit den intercodierten Interviews im Programm MAXQDA zusammengeführt und die Intercoder-Übereinstimmung in den Varianten 1 und 2 auf dem Vergleichslevel des Dokuments bestimmt. Diese beträgt 82 % im einen (Interview IV) und 71 % im anderen Interview (Interview VI) und liegt somit etwas unter den im ersten Codier-Durchgang ermittelten Übereinstimmungswerten.

Die folgende Tabelle zeigt die Ergebnisse der ersten und zweiten Intercodierung im direkten Vergleich (vgl. Tabelle 11).

Intercodierer

Interview

Prozentuale Übereinstimmung

Intercodiererin I

II

85 %

Intercodiererin I

IX

81 %

Intercodierer II

IV

82 %

Intercodierer II

VI

71 %

Tabelle 11 Ergebnisse Übereinstimmung im Intercodierungsprozess

Da anders als im quantitativen Forschungsprozess keine normierten Vergleichswerte vorliegen, verschiedenste Koeffizienten der IntercoderÜbereinstimmungen ermittelt werden können und auch unterschiedliche Interpretationen in der Frage ihrer Güte bestehen, können die verschiedenen Übereinstimmungswerte nicht an einer externen Referenz gemessen werden. Die Werte können aber Hinweise auf einen gewissen Übereinstimmungrad bei der Intercodierung geben, wobei der qualitative Umgang mit den im Intercoder-Prozess diskutierten Rückmeldungen und Anregungen und die darauf erfolgte Überprüfung und Reflexion eigener Codierungen im Sinne qualitativer Forschung im Vordergrund standen. Gleichwohl ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die mittels der Intercodierung ermittelten Werte darauf schließen lassen, dass die Analyseinstrumente, vor allem die Kategorien und ihre Definitionen, zu einem hohen Grad intersubjektiv anwendbar sind.

 
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