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6.1.2 Abgrenzung zu anderen Schulfächern

Da der Großteil der interviewten Lehrpersonen auch Deutsch und/oder eine Fremdsprache wie Englisch oder Französisch unterrichtet, bezogen sich viele der erhobenen Vorstellungen auf den Unterschied zwischen ökonomischer Bildung und Sprachen in Bezug auf Lehren und Lernen. Hinsichtlich der Unterrichtserfahrung der Lehrpersonen wurde deutlich, dass die Benennung fachspezifischer Eigenschaften des Wirtschaftsunterrichts und die Kontrastierung zu anderen Fächern Lehrpersonen in Ausbildung oder mit wenig Unterrichtserfahrung nach eigener Angabe schwerer fiel als Lehrpersonen, die bereits über eine umfangreichere Unterrichtserfahrung verfügten.

Im Vergleich zum Deutschunterricht wurde der Wirtschaftsunterricht von den Lehrpersonen beispielsweise durch den Einsatz von Methoden wie der Fallanalyse oder von Modellen wie dem Wirtschaftskreislauf als strukturiert beschrieben, was das Lernen für die Schülerinnen und Schüler erleichtere[1]. Gleichzeitig weist der Wirtschaftsunterricht im direkten Vergleich aus Sicht einzelner Lehrpersonen einen hohen Lebensweltbezug auf[2]. Dies sei nach Aussage der Lehrpersonen auch darauf zurückzuführen, dass außerunterrichtlich erworbenes Vorwissen und Erfahrungen der Lernenden im Wirtschaftsunterricht anders als im Deutschunterricht eine größere Rolle spiele[3] (vgl. Kapitel 6.1.2).

Die Lehrpersonen beschrieben, dass ökonomische Situationen teilweise fundamentale Bedeutung für das zukünftige Leben ihrer Schülerinnen und Schüler haben. Hier wurde von den Lehrpersonen beispielsweise die Problematik der Überschuldung angesprochen. Dies wird exemplarisch in dem folgenden Auszug aus einem Interview mit einer Wirtschaftslehrerin an einer Realschule deutlich:

Also, wenn ich mit denen in Klasse 8 schon darüber spreche, wie ein Kredit funktioniert und wie man, dass es überschuldete Menschen gibt, dann ist das ganz klar schon Bezug darauf, sie da auf später vorzubereiten. Dass sie denken, ich habe doch mal in der Schule was gehört und wie war das noch und wo kriege ich da auch Hilfe, wenn es mir schlecht geht. Also, das ist, glaube ich, so der Bezug. In Deutsch ist das manchmal schwieriger, da kann man das vielleicht durch einen netten Text oder nette Gedichte auch, aber da ist schon eher dann, ist es der, das Fachwissen schon eher da wichtiger und bleibt vielleicht auch isoliert. Vielleicht brauchen die nie wieder eine Kurzgeschichte interpretieren, das kann natürlich sein, dass das dann vielleicht für das Abitur nochmal, aber danach vielleicht nicht mehr. (Interview XII, RS)

Die Lehrerin beschrieb, dass die unmittelbare Relevanz einzelner Inhalte des Deutschunterrichts für das zukünftige Leben der Lernenden nicht eindeutig sei, weil der unmittelbare Verwendungszweck außerhalb des Deutschunterrichts nicht deutlich werde. So wird beispielsweise das Interpretieren einer Kurzgeschichte als isolierter Baustein von Fachwissen beschrieben, dessen unmittelbarer Anwendungsbezug außerhalb der Schule für die Lehrerin nicht ersichtlich ist. Deutlich wird, dass sie die Inhalte des Deutschunterrichts im Vergleich zum Wirtschaftsunterricht abwertet und dass ihr die Auseinandersetzung mit spezifischen Fachinhalten des Deutschunterrichts in Bezug auf zukünftige Lebenssituationen ihrer Schülerinnen und Schüler weniger wichtig erscheint. Hier bestanden jedoch innerhalb des Samples unterschiedliche Vorstellungen.

Ein Politik-Wirtschafts-Lehrer artikulierte beispielsweise, dass er ökonomische Inhalte für Schülerinnen und Schüler als für schwieriger zugänglich halte als Sprache und Literatur. Er beschrieb, dass Schülerinnen und Schüler oftmals der Zugang zu ökonomischen Themen schwerer falle, obwohl sie in ihrem Alltag beispielsweise als Konsumentinnen und Konsumenten ökonomisch handeln würden. Dies führte er darauf zurück, dass wirtschaftliche Inhalte komplex seien und dies insbesondere für jüngere Schülerinnen und Schüler anforderungsreicher sei als die Auseinandersetzung mit Literatur und Sprache. Gleichzeitig bezeichnete er ökonomische Inhalte deshalb auch für die Lehrpersonen als didaktisch weniger leicht zu reduzieren. Deshalb sei es auch schwieriger als Lehrender, die Lernenden hierfür zu motivieren. Seine folgende Äußerung zeigt, dass im Rahmen des Samples hier unterschiedliche Vorstellungen bestehen, die – zumindest innerhalb der Studie – schulformunabhängig sind.

[...] (…) ich habe das Gefühl, dass es Schülern tendenziell leichter fällt, zum Beispiel einen Zugang zu Literatur zu haben, einen Zugang zu Schrift und Sprache, jetzt im Vergleich zu Deutsch, weil das was Alltägliches ist. Kinder lesen, Kinder schreiben, Kinder sprechen, wenn man das mal ganz vereinfacht sagt. In der Wirtschaft ist das so und auch mit Politik, habe ich ja vorhin schon gesagt, noch schlimmer. Da fehlt den Schülern oftmals der Zugang obwohl sie auch alltäglich vielleicht mit Geld umgehen, Einkäufe tätigen, was auch immer. Habe ich das Gefühl, dass das doch sehr beschränkt ist. Beziehungsweise es kommt ja auch auf die Altersstufe an. Manchmal gehen ja noch eher die Eltern in die Geschäfte. Und ich habe manchmal das Gefühl, dass das für die Schüler recht fern ist, wirtschaftliche Themen. Und, dass man deswegen größere Schwierigkeiten hat Schüler zu motivieren und gleichzeitig größere Schwierigkeiten hat, Dinge (…) zu reduzieren auch. (Interview VI, GYM)

In diesen Vorstellungen spiegelt sich zu einem gewissen Grad auch der eigene Zugang der Lehrpersonen zum Wirtschaftsunterricht. Lehrpersonen, die im Interview entweder eine gewisse Distanz gegenüber dem Unterrichten von Wirtschaft im Integrationsfach äußerten oder Ökonomie als auch für sie selbst sehr komplex beschrieben, übertrugen dies teilweise auch auf ihre Schülerinnen und Schüler.

Innerhalb der durchgeführten Interviews wurde von einigen Lehrpersonen, die Deutsch und (Politik-)Wirtschaft unterrichten, die Vorstellung geäußert, Wirtschaft sei lebensweltnaher und den Schülerinnen und Schülern leichter zugänglich. Andere Lehrpersonen betonten hingegen, dass die deutsche Sprache eine größere Alltagsrelevanz habe und Kindern und Jugendlichen der Zugang zu Sprache und Literatur intuitiver als ökonomische Inhalte seien [4]. Jedoch zeigen sich hier auch Inkonsistenzen in den Vorstellungen: Eine Lehrperson, die das Fach „Politik-Wirtschaft“ unterrichtet und durch ihre übrigen Äußerungen eher als politikaffin bezeichnet werden kann, beschrieb wirtschaftliche Themen aufgrund des direkten Lebensweltbezugs im Kontrast zu politischen Themen als für die Lernenden direkter zugänglich. Dies müsse die Lehrperson den Schülerinnen und Schülern deutlich machen.

L: Also eigentlich ist Wirtschaft ihnen, müsste Wirtschaft ihnen näher sein. Man verhält sich ja eher auch als Konsument und als Bürger eben nur in der Stadt. Man fährt mit den Öffis, man sieht die Straßenbau, was weiß ich und solche Dinge. Aber eigentlich ist Politik sehr weit weg für die. (…) Ist ja auch.

I: Und Wirtschaft ist ihnen näher?

L: Ja, finde ich. (…) Also, das muss man ihnen das zeigen, dass ihnen das näher ist, weil der Mensch lebt von seinen Bedürfnissen und da kann man anfangen. Dann kommen verschiedene Interessen, was kaufe ich mit Mangel. Also, wie heißt das, Knappheit, was ist mit Gütern? Das ist ein ganz spannendes Thema. Wie soll man das verteilen? Gerechtigkeitsthema, da kann man und Politik ist echt abstrakter als Wirtschaft, finde ich. (Interview VII, GYM)

In den Kontrastierungen von Wirtschaftsunterricht und Fremdsprachen wird deutlich, dass bei verschiedenen Lehrpersonen in Bezug auf die Sprachen ein klareres didaktisches Bild bestand, welche Inhaltsbereiche für die jeweiligen Fächer konstitutiv und welche Kompetenzen zu vermitteln seien, als die Lehrpersonen dies für ihren Wirtschaftsunterricht benennen konnten[5]. Deutlich wird das beispielsweise in den folgenden Äußerungen einer Gymnasiallehrerin, die ausführlich die didaktischen Strukturen ihres Fremdsprachenunterrichts beschrieb, diese analog für den Wirtschaftsunterricht aber nicht benannte:

Ich finde es zum Beispiel auch (…) , also so eine Fremdsprache gibt ja schon Strukturen vor. Also, du hast halt diese Struktur, du musst Wortschatzarbeit machen, du musst Grammatikarbeit machen und so weiter. Und da muss auch regelmäßig gearbeitet werden und da wird auch abgefragt. Also, natürlich wollen wir auch, dass die. Die Sprache muss gesprochen werden, muss angewendet werden. Aber da sind schon so. Ich würde manchmal sagen, disziplinierende Punkte im Unterricht, die auch da sein müssen. (Interview VIII, GYM)

Eine weitere Vorstellung bezieht sich auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten der naturwissenschaftlichen Fächer und Mathematik auf der einen und Wirtschaftsunterricht auf der anderen Seite. Vor allem der Mathematik wird eine andere Art der Komplexität im Vergleich zu den Gesellschaftswissenschaften zugesprochen, die dazu führe, dass Problemstellungen und Anforderungen beider Fächer als sehr unterschiedlich beschrieben wurden. So seien mathematische Probleme leichter zu isolieren und einzugrenzen als gesellschaftliche Realität. Als einen zentralen Unterschied benannten die Lehrpersonen die Mehrperspektivierung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Im Fach „Politik-Wirtschaft“ stehen die Auseinandersetzung mit den Positionen anderer und das Bilden eines eigenen begründeten Urteils nach Sichtweise einiger Lehrpersonen stärker im Vordergrund[6].

Auch in der fachspezifischen Art der Problemorientierung sahen die Lehrpersonen einen zentralen Unterschied im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Fächern. In diesen stehe die Problemorientierung eher im Sinne eines „forschenden Lernens“ im Vordergrund, für das auch Experimente eine zentrale Rolle spielen würden[7]. Deutlich wurde in den Vorstellungen zu den fachdidaktischen Prinzipien auch, dass die Lehrpersonen zum Großteil ein eher politikwissenschaftlich geprägtes Verständnis von Problemorientierung im Sinne eines Denkens in Konfliktlinien haben (vgl. Kapitel 6.2.2). Problemorientierung wird hier weniger im wirtschaftsdidaktischen Sinne, beispielsweise in Anlehung an Krol et al. (2006a), verstanden. Im institutionentheoretischen Ansatz wird ökonomische Bildung ausgehend von epochalen Schlüsselproblemen der modernen Gesellschaft konzipiert, zu deren Umgang ökonomische Heuristiken v. a. aus der Neuen Institutionenökonomik und der Verhaltenstheorie herangezogen werden (vgl. Kapitel 2.1.4).

Gleichzeitig betonen verschiedene Lehrpersonen eine Schnittmenge zwischen Wirtschaft und Mathematik sowie den Naturwissenschaften, da teilweise ähnliche Kompetenzen gefragt seien[1]. Dies liege daran, dass auch im Wirtschaftsunterricht gerechnet werde, was den Lernenden aber vielfach schwerfalle. Diese Vorstellung wurde auch zum Lernen im Wirtschaftsunterricht geäußert (vgl. Kapitel 6.2.1).

  • [1] Vgl. Interview VI, X
  • [2] Vgl. Interview XII
  • [3] Vgl. Interview XV
  • [4] Vgl. u. a. Interview VI
  • [5] Vgl. Interview IV, V, VII, VIII, IX
  • [6] Vgl. Interview XI
  • [7] Vgl. Interview I
  • [8] Vgl. Interview VI, X
 
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