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3. Kritische Thesen

These 1: Non-Banks (bspw. PI) stellen aktuell keine Bedrohung für die Banken dar, da diese allenfalls von Spezialisten für das Angebot in Nischen eingesetzt werden.

Die bspw. im Rahmen der PSD eingeführte Lizenzform der PI oder im Rahmen der PSD II berücksichtigen TPP werden künftig eine wichtige Rolle im Zahlungsverkehr spielen. So wird bspw. weiterhin ein Großteil der bisherigen Marktteilnehmer wie NSP, Prozessoren und Acquirer auf die neue Lizenzform der PI wechseln, um von den Vorteilen (z. B. den geringen Eigenkapitalanforderungen) zu profitieren. Es ist zudem sehr wahrscheinlich, dass Non-Banks wie die PI oder die TPP sowohl das Wettbewerbsniveau anheben und ein Öffnen der SEPAMärkte weiterhin begünstigen als auch zum Abbau von rechtlichen Hindernissen für grenzüberschreitende Tätigkeiten beisteuern. Diese Vorteile der Non-Banks haben u. a. zur Folge, dass sich vor allem spezialisierte Marktteilnehmer (z. B. Sofort AG) entlang der Wertschöpfungskette des Zahlungsverkehrs prozessorientiert [1] positionieren werden. Problematisch ist jedoch für die Non-Banks aufbauenden Marktteilnehmer, dass es ihnen an Kundennähe fehlt, die wiederum die Banken vorweisen können. Demzufolge werden sich die neuen Marktteilnehmer hauptsächlich auf die technische Abwicklung der Prozesse konzentrieren und weniger im Retail-Geschäft tätig sein. Die Banken wiederum werden sich auf das RetailGeschäft konzentrieren und die die Non-Banks weniger als Konkurrenten und stattdessen als Dienstleister ansehen. Aus diesem Grund ist eine Verdrängung der Banken im Zahlungsverkehr durch Non-Banks nicht zu erwarten, weshalb die Banken derzeit keine strategischen Maßnahmen zu Anpassung des Geschäftsmodells ergreifen müssen.

These 2: Die durch PSD (I und II) und SEPA angestrebten wohlfahrtsfördernden Effekte entsprechen nicht der Höhe, die von den Regulatoren geschätzt werden.

Mit Blick auf den Wohlfahrtseffekt hat die PSD- und SEPA-bedingte Transformation des europäischen Zahlungsverkehrs Auswirkungen auf alle Mitgliedstaaten und alle Marktteilnehmer. Neben der Senkung des Marktpreisniveaus sind es vor allem die angestrebten Skaleneffekte, die durch die Standardisierung der Zahlungsinstrumente, Architekturen und Abwicklungsprozesse auf europäischer Ebene und die damit verbundene weitere Steigerung der Effizienz in der Zahlungsverkehrsabwicklung einen wohlfahrtsfördernden Effekt auf die Mitgliedstaaten haben sollen. Aus Sicht der einzelnen volkswirtschaftlich involvierten Sektoren lassen sich insbesondere die Bereiche des Prozessing, Acquiring sowie der CSM hervorheben, die durch die Transformation des Zahlungsverkehrs vor neue strategische Herausforderungen gestellt werden. Denn es gilt u. a., neue SEPA-Produkte und SEPA-Dienstleistungen bereitzustellen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, veraltete Systeme zu ersetzen, Abwicklungsprozesse zu optimieren und einem ansteigenden Wettbewerbsniveau entgegenzuwirken. Somit steht den Einsparungen aus den angestrebten SEPA-Skaleneffekten ein nicht unerhebliches Investitionsvolumen gegenüber, das durch die Marktteilnehmer aufgebracht werden muss. Damit sich allerdings das eingebrachte Kapital amortisiert, müssen die durch den Markt angedachten SEPA-Instrumente auch eingeführt und von den Marktteilnehmern umfangreich genutzt werden. Derzeit stellt allerdings die Bereitschaft der Marktteilnehmer, insb. mit Verlängerung der SEPA-Frist auf den 01.08.2014, das Hauptproblem der Transformation dar. Grund dafür ist, dass die Marktteilnehmer noch immer vermehrt die nationalen Zahlungslösungen anbieten und nutzen, was aktuell noch einen Parallelbetrieb der Systeme bedingt und die Realisierung der von den Regulatoren theoretisch ermittelten Skaleneffekte beeinträchtigt. Folglich bleibt die durch die Regulatoren versprochene Wohlfahrtssteigerung vorerst aus.

These 3: Das aktuelle SEPA-Konzept berücksichtigt nur unzureichend die gravierenden Differenzen in den einzelnen Kulturen der verschiedenen EUMitgliedstaaten. Dort sind die Hemmnisse sehr groß, die Kulturen für die theoretischen Konzepte der EU-Regulatoren aufzugeben.

Ein Nachteil, den jede grenzüberschreitende Transformation mit sich bringt, ist die Vernachlässigung der einzelnen Kulturen und Gewohnheiten in den jeweiligen Mitgliedstaaten zu Gunsten einer Mehrwertgenerierung durch Standardisierung. Ähnlich verhält es sich auch bei der PSD- und SEPA-bedingten Transformation des europäischen Zahlungsverkehrs. Die Vereinheitlichung von Struktur und Ökonomie innerhalb der SEPA gestaltet sich zu Lasten nationaler Eigenheiten. Allerdings sind diese Eigenheiten, z. B. das ELV in Deutschland, historisch gewachsene und auf Basis einer Notwendigkeit geschaffene und weitgehend akzeptierte Lösungen des Markts. Solche Lösungen verlieren nicht zwingend ihre Daseinsberechtigung, nur weil ein Transformationsprozess, bspw. der SEPA, eingesetzt hat. Weiterhin befürworten viele Nutzer die nationalen Eigenarten und sind mitunter nicht bereit, da die Eigenarten gegebenenfalls auch einen Teil ihrer nationalen Identität ausmachen, diese für eine zentralisierte Lösung aufzugeben. Hinzu kommt, dass die EU-Regulatoren im Rahmen von PSD und SEPA bislang den kulturellen Aspekten in den Mitgliedstaaten zu wenig Beachtung schenken und davon ausgehen, dass die Marktteilnehmer bereit sind, diese ohne Beanstandung aufzugeben. Insbesondre mit der PSD II, in der die nationalen Besonderheiten weiter eingeschränkt werde sollen, ist dies ein kritischer Punkt. Allerdings sind bis heute von den EU-Regulatoren keine gesonderten Konzepte entworfen worden, die beispielsweise die nationalen Eigenarten im Rahmen der SEPA-Transformation berücksichtigen und in Form von bspw. ValueAdded-Services integrieren. Beispielhaft sei genannt: Die Regulatoren unterstützen die Idee zur Gründung einer einheitlichen Abwicklungsplattform für Kartenzahlungen innerhalb der SEPA, ohne zu berücksichtigen, dass damit bereits getätigte Investitionen von Marktteilnehmern wie den nationalen Banken unrentabel werden. Zudem lassen die Regulatoren unklar, in welchem Mitgliedstaat mögliche Abwicklungsplattformen errichtet werden sollen. Dieser Umstand ist aber wichtig, da es noch immer bspw. nationale Verbraucherschutzgesetze gibt, denen somit alle anderen Mitgliedstaaten Folge leisten müssten. Auch die Frage der Arbeitsplätze ist ein politisches Thema.

Es lässt sich zusammenfassen, dass die Hemmnisse zur Umsetzung einer theoretisch getriebenen Transformation in den europäischen Mitgliedstaaten sehr vielfältig sind. Bisher gibt es wenig Einverständnis in den Mitgliedstaaten, solche gewachsenen Kulturen für die theoretischen Konzepte der EU-Regulatoren aufzugeben. Diese Meinung wird zunehmend dadurch gestützt, wenn Krisen wie die Euro-Krise in 2012 einzelne Mitgliedstaaten dazu zwingen, einen Finanzausgleich zu akzeptieren und die Schulden anderer Mitgliedstaaten zu tragen, ohne sie selbst verschuldet zu haben.

  • [1] Insbesondere werden technische Dienstleistungen im Back-Office für Banken angeboten und durchgeführt.
 
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