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Unterschiede des Lernens zwischen Sek. I und Sek. II

Bei den Vorstellungen zum Lernen im Wirtschaftsunterricht wurde von einem Großteil der Lehrpersonen zwischen dem ökonomischen Anfangsunterricht in der 8. Klasse und dem Unterricht in den Abschlussklassen der Oberund Realschule bzw. der Qualifizierungsphase am Gymnasium [1] differenziert und ein Unterschied zwischen den verschiedenen Schulformen und ihren Zielsetzungen deutlich gemacht [2]. Von den Lehrpersonen wurden motivationale bzw. lerntheoretische Unterschiede in Bezug auf das Alter und damit zusammenhängend die Entwicklungsstufe der Schülerinnen und Schüler beschrieben. Daran anknüpfend äußerten sie didaktische Überlegungen.

Ein zentraler Unterschied zwischen dem Lernen in der Sekundarstufe I und II aus Sicht der Wirtschaftslehrpersonen ist, dass sich das fachdidaktische Prinzip der Wissenschaftsorientierung nur auf den Unterricht mit älteren Schülerinnen und Schülern beziehen könne und aus Sicht der Lehrpersonen eher am Gymnasium als an Oberund Realschule von Relevanz sei [3].

Lebensweltorientierung hingegen sei vor allem in der Sekundarstufe I von Bedeutung. Nach Äußerungen der Lehrpersonen sind die Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I neugierig auf das neue Fach und brächten bereits erste Vorstellungen zu Wirtschaft in den ökonomischen Unterricht mit, die dann in einem stark an der Lebenswelt ausgerichteten Unterricht aufgegriffen und zum Lernen genutzt würden [4]. Das Prinzip „vom Nahen zum Fernen“ – welches so auch in den Kerncurricula in Niedersachsen angelegt ist [5] – wird beispielsweise in der Äußerung eines Politik-Wirtschafts-Lehrers deutlich, der die Vorgehensweise in seinem Anfangsunterricht im Fach „Politik-Wirtschaft“ wie folgt beschreibt:

Wir fangen ja häufig an in „Politik“ [6] im Nahraum, erst einmal Konflikte im Nahraum, Politik mache ich jetzt gerade nach der Konflikte in der Schule, wie ist Demokratie in der Schule aufgebaut, die ganzen Gremien usw., dann kommt man zur Gemeinde und dann geht es so langsam los mit ersten Vorstellungen, wie funktioniert ein Markt, was, inwiefern bin ich schon Verbraucher und bin da tätig usw. (...). (Interview V, GYM)

Das Lernen im Wirtschaftsunterricht wird auch vor dem Hintergrund dieses Prinzips von verschiedenen Lehrpersonen bis etwa zur 10. Klasse als wenig abstrakt beschrieben [7], wie auch eine Lehrperson an der Oberschule betont:

Nein, also das, wenn wir jetzt so beim Bereich der Haupt-, Realoder Oberschule bleiben, also, das sage ich, zumindest auch in Physik öfter das Problem ist, also, sagen wir so, das ist noch auf so einem Niveau, also, das ist genauso wie, ich muss eigentlich in Physik nur den Text lesen und dann weiß ich, worum es geht, und das ist in Wirtschaft dann eigentlich, eigentlich auch ähnlich. So bis zur Klasse 10 erfordert das jetzt noch nicht so ganz so, also Abstraktions[…]. (Interview I, OBS)

Vor allem in der gymnasialen Oberstufe liege der Schwerpunkt, nach Aussage von verschiedenen Lehrpersonen, dann auf der Auseinandersetzung mit ökonomischen Theorien und Modellen, wobei die Schülerinnen und Schüler diese interessant finden würden und für eine Auseinandersetzung motiviert seien [4]. Lernen, wissenschaftlich zu arbeiten und Studierfähigkeit anzubahnen, ist für einzelne Lehrpersonen an Gymnasien ein explizites Ziel des Politik-Wirtschaft-Unterrichts. Eine Lehrerin bezeichnet die Wissenschaftsorientierung als „das Ziel von Gymnasien“ (Interview XV, GYM). Von den Wirtschaftslehrpersonen an Oberund Realschulen werden solche Vorstellungen zur Bedeutung der Wissenschaftsorientierung auch für den fortgeschrittenen Wirtschaftsunterricht nicht geteilt: „Weil das [Wissenschaftsorientierung, Anm. d. V.] für mich, für unsere Schüler nicht unbedingt, also für die jetzigen Schüler aus meiner Sicht, im Moment nicht das Wichtigste ist.“ (Interview IV, OBS) [9].

Betrachtet man diese Vorstellungen der Lehrpersonen zu den Unterschieden des ökonomischen Lernens im ökonomischen Anfangsunterricht als einem stark an der Lebenswelt ausgerichteten Unterricht und dem vor allem für den Unterricht am Gymnasium in der Sekundarstufe II artikulierten Anspruch, Theorien und Modelle in den Fokus zu rücken und Studierfähigkeit anzubahnen, wird deutlich, dass sich hieraus didaktische Probleme ergeben könnten. So erscheint es aus didaktischer Sicht problematisch, bestimmte didaktische Prinzipien auf spezifische Altersstufen zu beschränken.

Zum einen müssen die Schülerinnen und Schüler im ökonomischen Anfangsunterricht an die abstrakte Auseinandersetzung mit Theorien und Modellen als heuristische Erklärungsansätze herangeführt werden. Dies wird beispielsweise auch im naturwissenschaftlichen Unterricht mit dem Einüben des Experimentierens so praktiziert. Ohne den Umgang mit ökonomischen Modellen und Theorien schrittweise altersgemäß einzuführen und zu üben, fehlt im fortgeschrittenen Unterricht möglicherweise eine entsprechende Basis. Die Lehrpersonen beschrieben die Auseinandersetzung mit abstrakten Theorien und Modellen als eine Schwierigkeit ökonomischen Lernens [10]. Dies deutet darauf hin, dass dies möglicherweise im ökonomischen Anfangsunterricht stärker vorbereitet und angebahnt werden sollte. Zum anderen sollten auch in der gymnasialen Oberstufe lebensweltnahe und praktische Fragen, wie beispielsweise zur Verbraucherbildung oder Berufsorientierung Gegenstand des Wirtschaftsunterrichts sein. Sie auszuklammern ist aus bildungstheoretischer Sicht im Hinblick auf den Allgemeinbildungsanspruch ökonomischer Bildung problematisch (vgl. Kapitel 2.1.2). Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass die Vorstellungen der Lehrpersonen den jeweiligen Curricula entsprechen, die das didaktische Prinzip Lebensweltorientierung eher dem Anfangsunterricht und die Wissenschaftsorientierung vor allem der Qualifizierungsphase zuschreiben. In den Vorstellungen der Wirtschaftslehrpersonen deutet sich jedoch an, dass sich hieraus in der Unterrichtspraxis Schwierigkeiten ergeben könnten.

  • [1] Als Qualifizierungsbzw. Qualifikationsphase werden am Gymnasium die Jahrgangsstufen 11 und 12 bzw. im Fall einer dreizehnjährigen Schulzeit die Jahrgangsstufen 12 und 13 bezeichnet. Sie ist in einem Kurssystem organisiert und schließt mit dem Erwerb des Abiturs ab
  • [2] Vgl. Interview I, II, III, IV, V, VII, X, XV
  • [3] Vgl. Interview I, III, IV, V, VII, X, XV
  • [4] Vgl. v. a. Interview X
  • [5] Vgl. u. a. Niedersächsiches Kultusminiserium (2006): Kerncurriculum für das Gymnasium Schuljahrgänge 8-10: Politik-Wirtschaft. Hannover, S. 15
  • [6] Auch wenn bereits seit 2006 in Niedersachsen das Fach „Politik-Wirtschaft“ unterrichtet wird, sprechen die Lehrpersonen vielfach noch vom Fach „Politik“
  • [7] Vgl. Interview I, IV, V
  • [8] Vgl. v. a. Interview X
  • [9] Vgl. auch Interview III
  • [10] Vgl. u. a. Interview IX, X, XI
 
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