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Probleme und Herausforderungen des Lehrens

Innerhalb der Vorstellungen, die die Wirtschaftslehrpersonen zum Wirtschaftlehren äußerten, beschäftigten sich eine Reihe von Vorstellungen mit Problemen bzw. Herausforderungen, die die Lehrpersonen für das Wirtschaftunterrichten für relevant erachteten. Der Großteil dieser Vorstellungen bezog sich auf Faktoren, die die Lehrpersonen in sich selbst und in den Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie Wirtschaft unterrichten, begründet sahen; ein bedeutend kleinerer Teil auf die Schülerinnen und Schüler. Zwei Lehrpersonen beschrieben die Heterogenität in ihren Lerngruppen in Bezug auf Interesse und Vorwissen als eine zentrale Herausforderung des Wirtschaftunterrichtens [1]. Eine weitere Lehrperson sah die Größe von Lerngruppen bzw. Unterrichtsstörungen durch die Schülerinnen und Schüler als ein Problem an, welches sie beim Unterrichten von Wirtschaft beeinträchtige [2].

Bei den Vorstellungen zu Rahmenbedingungen des Wirtschaftunterrichtens ist vor allem die Vorstellung zentral, dass die für ökonomische Bildung aus Sicht der Lehrpersonen zu geringe zur Verfügung stehende Unterrichtzeit negativen Einfluss darauf nehmen würde, wie der Unterricht gestaltet werden könne [3]. Durch den geringen Stundenumfang würden aus Sicht der Lehrpersonen viele didaktische Entscheidungen vorweggenommen. So seien beispielsweise verschiedene fachspezifische Methoden im zweistündigen Unterricht nicht durchführbar: „[…] das ist mit den Gegebenheiten die wir haben, mit zwei Stunden oder mit einer Stunde sind viele Dinge nicht ganz so gut möglich“ (Interview I, OBS). So oder so ähnlich äußerten sich verschiedene Lehrpersonen und führten aus, dass die Bedingungen des zweistündigen Unterrichts einen engen Rahmen vorgeben würden: „[…] diese zwei Stunden in der Woche setzen natürlich auch eine gewisse organisatorische Grenze“ (Interview XV, GYM). Am Gymnasium verschärft sich dies durch das Integrationsfach „Politik-Wirtschaft“. An den Oberund Realschulen dadurch, dass den Lehrpersonen umfangreiche Verantwortung für die Berufsorientierung zugesprochen werde und sie für die Organisation und Durchführung berufsorientierender Maßnahmen – die sie nach eigener Äußerung ebenfalls für sehr wichtig erachten – nach eigener Auskunft viel Unterrichtszeit verwenden, die dann für den regulären Wirtschaftsunterricht fehle (vgl. u. a. Interview XII, RS). Rahmenbedingungen, wie die Doppelaufgabe der Wirtschaftslehrpersonen, ebenfalls die Berusforientierung an den Schulen durchzuführen, nehmen nach eigener Auskunft Einfluss auf didaktische Entscheidungen der Lehrpersonen, beispielsweise mit Blick auf den Einsatz von Unterrichtsmethoden im Wirtschaftsunterricht. Die Lehrpersonen äußerten, dass umfangreichere Unterrichtssettings und fachspezifische Makromethoden deshalb im Alltag im Wirtschaftsunterricht nicht umsetzbar seien.

[…] weil … es [ Handlungsorientierung, Anm. d. V.] aus meiner Sicht nicht in jeder Stunde sich häufig nicht anbietet oder auch räumliche Gegebenheiten einfach dagegensprechen oder auch Alltagsdinge wie Zeit einfach dagegensprechen, ja, also, das hat mit Sicherheit seine Berechtigung, aber im Alltag ist das häufig schwer umzusetzen. (Interview XV, GYM)

Diese Rahmenbedingungen sind aus Sicht einiger Lehrpersonen auch als ursächlich dafür anzusehen, dass innerhalb von Methoden einzelne Unterrichtsphasen nicht ausgestaltet werden können bzw. im Alltag vernachlässigt oder verkürzt durchgeführt würden, wie beispielsweise die folgende Äußerung deutlich macht:

Unterrichtseinstiege kommen bei mir zu kurz, leider. Das ist mein, auch ein bisschen Problem im Alltag geworden. Es ist zwar schön, wenn ich denen das so vorstelle oder erzähle und dann ein Problem aufwerfe, aber es wäre schöner, ja, zum Beispiel ein gutes Bild zu haben, eine gute Folie, aktuell, in Farbe, ja dann hängt es daran, dass man nicht in Farbe kopieren kann und so weiter. Manchmal hängt es an so ganz doofen kleinen Sachen und da, ja.[…] Eine Ergebnissicherung ist auch oft schwierig im Alltag dann die Zeit im Auge zu behalten oder nicht zu viel zu diskutieren. Wenn Schüler gute Beiträge haben, kommt das manchmal zu kurz, dass dann auch wirklich etwas in der Mappe steht mit, ja und das (...) fällt dann schwer sich auf eine Arbeit vorzubereiten, wenn wir die Ergebnissicherung nicht ordentlich haben. Dann muss ich nochmal Kopien rausgeben, das ist dann ein bisschen nervig. (Interview XIII, RS)

Ein weiterer Zeitfaktor, den die Lehrpersonen für das Wirtschaftunterrichten als problematisch erachten, ist die hohe Vorbereitungszeit, die sich durch den besonderen Stellenwert der Aktualität im Wirtschaftsbzw. Politik-Wirtschaft-Unterricht aus Sicht einer Lehrperson, beispielsweise im Kontrast zum Geschichtsunterricht, ergebe: „Ja, die Historiker können sich da auch relativ entspannt zurücklehnen. Also, die Französische Revolution wird sich in den nächsten tausend Jahren nicht groß verändern.“ (Interview X, GYM) Auch in dieser Äußerung wird deutlich, dass epistemologische Überzeugungen, beispielsweise zur Beschaffenheit und dem Umgang mit historischem Wissen, Einfluss auf die Lehrervorstellungen zu Schulfächern nehmen.

Die Bedeutung von Aktualität im Wirtschaftsunterricht und die sich daraus ergebende Notwendigkeit der Aktualisierung des eigenen Wissens und der Unterrichtsmaterialien bei gleichzeitiger hoher Komplexität ökonomischer Zusammenhänge wurde von verschiedenen Lehrpersonen als besondere Herausforderung des Wirtschaftunterrichtens beschrieben. Mit Blick auf die Rahmenbedingungen komme neben einer aus Sicht einiger Lehrpersonen zu geringen Unterrichtszeit für ökonomische Bildung auch eine mangelnde Flexibilität der Schule hinzu, die beispielsweise die Etablierung und Organisation von Praxiskontakten erschwere [4]. Außerdem wurde eine gewisse Überregulierung für die Sekundarstufe II durch die Zentralabiturvorgaben angemerkt [5].

Eine gewisse bildungspolitische Skepsis wurde auch in den Vorstellungen zur „Kompetenzorientierung“ deutlich, die die Lehrpersonen als für den Unterricht nur sehr bedingt relevant darstellten. In ihren Äußerungen hierzu wurde ein gewisser Pragmatismus, aber auch Ablehnung beim Umgang mit dem Kompetenzkonzept insgesamt deutlich:

Ich glaube, (…) wie sagt man, alter Wein in neuen Schläuchen. Also, im Prinzip hat man früher die Kompetenzen auch schon vermittelt, die man jetzt auch vermittelt. Exemplarisch an irgendwelchen Inhalten, die man aussucht. Deswegen sehe ich da nicht so den großen Fortschritt. Ich finde nur, es wurde jetzt benannt zu einem Konzept. (Interview VI, GYM)

Neben den Rahmenbedingungen bezog sich ein Großteil der skizzierten Probleme des Wirtschaftunterrichtens auf die Ebene der Lehrperson selbst. Beispielsweise die Vorstellung, die didaktische Strukturierung sei aufgrund der hohen Komplexität ökonomischer Zusammenhänge eine zentrale Herausforderung [6]. Andere Lehrpersonen äußerten neben dieser fachlichen auch fachdidaktische Unsicherheit, die sie selbst auf eine mangelnde fachdidaktische Ausbildung in Bezug auf ökonomische Bildung zurückführten [7]. Dies wird auch in Äußerungen wie „[…] also, ich sage, ich finde ja das Problem immer, dass mein Repertoire nicht so groß ist“ (Interview VI, GYM) oder „Bei mir ist es eben auch das fehlende methodische Wissen“ (ebd.) deutlich. Wie eine Lehrerin in Ausbildung an einer Oberschule konstatierte, bestehe hier ein enger Zusammenhang zwischen den Rahmenbedingungen der Lehrerbildung und den daraus resultierenden individuellen Folgen für das unterrichtliche Handeln der Lehrpersonen:

Es hängt mit den Rahmenbedingungen zusammen, aber es würde jetzt auch mit mir zusammenhängen. Ich würde jetzt sagen, ich wüsste jetzt gar nicht, wie praxisorientiert ich Bedürfnisse oder (...) ja, außerschulisch heranbringen könnte. Außer das mit einem Rollenspiel zu machen, so wie es auch im Buch steht. (Interview III, OBS)

Unsicherheit wird auch im Hinblick auf die Umsetzung fachdidaktischer Prinzipien wie der „Problemorientierung“ geäußert:

[…] und dann natürlich auch dieser problematisierende Aspekt, wo man ja immer im Referendariat so geprüft wurde, wo ist die Problematisierung in ihrer Stunde? Aber das finde ich gerade im Wirtschaftsbereich auch ganz schön schwierig manchmal. Wenn wir irgendwie erst mal versuchen zu verstehen, wie eigentlich alles zusammenhängt, diese ganzen Strukturen. (Interview VIII, GYM)

Diese fachlichen und fachdidaktischen Unsicherheitsbekundungen werden nur von Lehrerinnen, jedoch an allen Schulformen geäußert. Die Vorstellung, dass es eine besondere Herausforderung des Wirtschaftunterrichtens sei, Lernende zu motivieren und Lebensweltbezug herzustellen, wurde hingegen von verschiedenen Lehrpersonen beider Geschlechter und aller Schulformen geäußert [8]. Diese Vorstellung korrespondiert mit der Schwierigkeit der didaktischen Reduktion ökonomischer Komplexität, wie auch in der folgenden exemplarischen Äußerung einer Politik-Wirtschafts-Lehrerin deutlich wird:

Und ich habe manchmal das Gefühl, dass das für die Schüler recht fern ist, wirtschaftliche Themen. Und, dass man deswegen größere Schwierigkeiten hat Schüler zu motivieren und gleichzeitig größere Schwierigkeiten hat, Dinge (…) zu reduzieren auch. Also, wirtschaftliche Themen sind sehr komplex und diese, die didaktische Reduktion, die ja immer gefordert ist, oder man sagt ja heute Transformation, ist da schwieriger. Und das ist schwieriger aus meiner Sicht, da treffende Beispiele zu finden, die eben auch noch, ja, die irgendwie den Alltag der Schüler schneiden […]. (Interview VI, GYM)

  • [1] Vgl. Interview V, VIII
  • [2] Vgl. Interview II
  • [3] Vgl. Interview I, III, IV, V, VI, X, XIII, XIV, XV
  • [4] Vgl. Interview X, XII
  • [5] Vgl. Interview X
  • [6] Vgl. v. a. Interview VIII, XIII
  • [7] Vgl. v. a. Interview III, VI
  • [8] Vgl. Interview I, II, VI, IX, XII
 
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