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2 Theoretischer Hintergrund

Viele der in dieser Arbeit verwendeten Begriffe sind geläufige Wörter, die im Alltag und in den Medien häufig vorzufinden sind. Die Bedeutungen dieser Begriffe sind von einer wissenschaftlichen und einer umgangssprachlichen Sicht aus betrachtet jedoch oftmals nicht deckungsgleich und müssen daher zunächst voneinander abgegrenzt werden. Im Folgenden werden die Begriffsdefinitionen für das bessere Verständnis dieser Arbeit erläutert und weitere Fachbegriffe beschrieben, die es ermöglichen, das Studiendesign und die Lösungsvorschläge in den gesellschaftspolitischen und den betriebswirtschaftlichen Kontext einordnen zu können. Jede Begriffserläuterung schließt damit, dass ein konkreter Bezug zum Forschungsansatz hergestellt wird.

2.1 Burnout

In der Einleitung wurde bereits mehrfach der Begriff „Psychische Erkrankung“ verwendet. Psychische Erkrankungen werden durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der „International Classification of Diseases[1] (ICD)“ [2] in verschiedene Klassifizierungen (F00-F99) eingeordnet. Die für diese Arbeit bedeutende Diagnose des Burnouts ist medizinisch gesehen der Kategorie Z73.0 (Ausgebranntsein) zugeordnet[3], die bei der Befunderstellung als Zusatzdiagnose genutzt wird. Offiziell gehört Burnout nicht dem Krankheitsbild der psychischen Erkrankungen an, jedoch liegt bei 48,8% der Burnout-Diagnosen auch eine psychische Erkrankung vor. [4] Die WHO ordnet Burnout in der Kategorie Z73 zu den „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“[5]. Im Klassifikationssystem (DSM-IV) der Amerikanische Psychiatrischen Vereinigung, kommt Burnout als Diagnose (noch) nicht vor. [6] Burnout-Konzepte und -Untersuchungen beziehen sich zumeist auf Faktoren der Arbeitswelt, wohingegen psychische Erkrankungen unabhängig von der Ursache diagnostiziert werden. [7]

Abbildung 1: Entwicklung der Burnout-Erkrankungen von Mitgliedern der BKK in Deutschland im Zeitraum von 2006 bis 2011

Quelle: In Anlehnung an BKK Gesundheitsreport 2012

Laut einer Studie der Bundestherapeutenkammer ist der Anteil an BurnoutErkrankungen im Verhältnis zu den Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen noch gering (siehe Abbildung 2), jedoch insgesamt stark zunehmend. [8]

Abbildung 2: AU-Tagen aufgrund von Burnout im Verhältnis zu Depression in den Statistiken verschiedener Krankenkassen

Quelle: Entnommen aus Bundespsychotherapeutenkammer-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S. 9

Eine Beurteilung der genauen Anzahl der Burnout-Fälle ist schwierig, da die Kategorisierung Z73.0 nicht allen Ärzten bekannt ist und „typische“ BurnoutFälle oftmals für AU-Bescheinigungen in eine andere Klasse eingeordnet werden, insbesondere in die Kategorie „Depressionen“ (F32). Statistische Zahlen zur Häufigkeit von Burnout sind daher als ein grober Indikator für die Bedeutung des Burnout-Syndroms zu sehen. [9]

Der wirkliche Anteil an Burnout-Erkrankungen, der sich folglich teilweise innerhalb der Kategorie „Psychische Erkrankungen“ verbirgt, ist vermutlich deutlich höher. Da bei der Auswertung der Krankheitsursachen die Einordnung in den AU-Bescheinigungen durch die behandelnden Ärzte zu Grunde gelegt wird, stellt Burnout innerhalb dieses Krankheitsbildes einen verhältnismäßig kleinen Teil an Erkrankungen dar. Beobachtungen der tatsächlichen Situation an Arbeitsplätzen machen diese statistischen Verschiebungen jedoch deutlich.

Festzuhalten ist, dass Burnout nicht als „eigenständige“ Krankheit anerkannt ist und deshalb nur als Zusatzdiagnose (Z73) befundet wird. Diese Zusatzdiagnose wird in rund 85 % der Burnout-Befunde in Verbindung mit einer weiteren Diagnose, vor allem „Psychische Erkrankung“, getroffen. [10]

Insgesamt ist die Anzahl der Fehltage von deutschen Arbeitnehmern rückläufig. Die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund von psychischen Erkrankungen nimmt jedoch jährlich zu (siehe Abbildung 3). Da die befundeten Symptome, die bei Burnout und bei psychischen Erkrankungen (insbesondere bei Depressionen) auftreten, viele Übereinstimmungen haben (z.B. Unwohlsein und Ermüdung, körperliche und psychische Belastung), ist eine Differenzierung der genauen Krankheitsbilder schwierig. Burnout und psychische Erkrankungen sind folglich nicht gleichzusetzen. Innerhalb der Diagnose „psychische Erkrankung“ ist jedoch ein nicht bestimmbarer, hoher Anteil an Burnout-Erkrankungen impliziert.

Abbildung 3: Entwicklung von Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) aufgrund psychischer Erkrankungen und der gesamten Arbeitsunfähigkeitstage von 1997 2012

Quelle: Entnommen aus DAK-Gesundheit, Gesundheitsreport 2013, S. 27

Festzustellen ist, dass ein großer Teil der diagnostizierten psychischen Erkrankungen, wie Depressionen und Burnout, Folgen von arbeitsbedingten Belastungssituationen darstellen.

Für die Beschreibung der Symptome von Burnout ist wissenschaftlich die Unterscheidung der drei folgenden Kategorien verbreitet: [11]

• emotionale Erschöpfung

• Depersonalisierung

• verminderte persönliche Leistungsfähigkeit

Die Merkmale des Burnouts lassen sich zudem nicht immer leicht von anderen „psychischen Beschwerden“ abgrenzen und auch Überschneidungen beider Diagnosen können vorliegen. Tabelle 1 listet die zehn häufigsten Erkrankungen auf, die in Verbindung mit dem Burnout-Syndrom diagnostiziert werden. Die depressive Episode steht mit über 20 % auf dem ersten Rang der Symptome bei Burnout und macht die schwierige Abgrenzung zur Diagnose „Psychische Erkrankung“ nochmals deutlich. Vor allem durch die Betrachtung der Entstehung und des Verlaufes der psychischen Belastungen kann die Diagnose Burnout sicherer getroffen werden. [12]Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit werden unter psychischen Erkrankungen somit die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Situation am Arbeitsplatz verstanden. Erbliche, organische und medikamentös begründete psychische Erkrankungen oder Störungen werden hier bewusst nicht besprochen.

Tabelle 1: Die zehn häufigsten psychischen Erkrankungen bei Krankschreibung aufgrund von Burnout

Quelle: Entnommen aus Bundespsychotherapeutenkammer-Studie zur Arbeitsunfähigkeit – Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S. 12

Psychische Erkrankungen und vor allem Burnout können durch verschiedene, in der Regel nicht unabhängig voneinander wirkende, Faktoren am Arbeitsplatz hervorgerufen werden, wenn diese über einen längeren Zeitraum andauern. Die Dauer bis ein belastender Zustand langfristig negative Auswirkungen zur Folge hat, ist individuell von der körperlichen und/oder psychischen Belastbarkeit eines jeden Einzelnen abhängig. Arbeitsbedingte Belastungssituationen und betriebliche Stressoren (siehe Kapitel 2.2) sind nahezu gleichzusetzen und deren Ursachen in der Literatur meist einheitlich beschrieben.

Arbeitsbedingte Belastungssituationen/Stressoren im betrieblichen Umfeld hängen beispielsweise zusammen mit Siehe hierzu beispielsweise Weinert (1998), Udris/Frese (1999).[13]:

• Arbeitsaufgabe und Arbeitsorganisation (z.B. Quantitative und/oder qualitative Über-/Unterforderung)

• Physikalischer Umgebung (z.B. Lärm, Hitze)

• Zeitlicher Dimension (z.B. Schichtdienst, Bereitschaftsdienst, unzureichende Pausen)

• Soziale Aspekte (z.B. Rollenkonflikte, Verantwortung für andere Menschen, Mobbing)

Herauszustellen ist hierbei jedoch nochmals die langfristige mentale Überlastung als ein bedeutender Auslöser von psychischen Erkrankungen. Psychische Erkrankungen haben mittlerweile den zweitgrößten Anteil an Arbeitsunfähigkeitstagen in Deutschland. [14]

Die im Rahmen dieser Arbeit geleisteten Forschungsarbeiten haben zum Ziel, einen Grundstein zur zukünftigen Erfassung und Erkennung von eben solchen neurologisch ungesunden Arbeitssituationen zu legen.

  • [1] Weltweit anerkanntes Diagnoseklassifikationssystems der Medizin
  • [2] Vgl. WHO, who.int/classifications/icd/en/
  • [3] Vgl. WHO, apps.who.int/classifications/icd10/browse/2010/en#/Z70-Z76,
  • [4] Vgl. Bundespsychotherapeutenkammer, BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S. 11.
  • [5] Vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2013/block -z70-z76.htm
  • [6] Vgl. Kaschka, W.P. et al., Modediagnose Burn-out, 2011, S. 783.
  • [7] Vgl. Bundespsychotherapeutenkammer, BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S. 22.
  • [8] Vgl. Bundespsychotherapeutenkammer, BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S. 5ff.
  • [9] Vgl. DAK-Gesundheit, Gesundheitsreport 2013, S. 48f.
  • [10] Vgl. Bundespsychotherapeutenkammer, BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S.5f.
  • [11] Siehe hierzu z.B. Walter et al. (2012), Maslach/Jackson (1983).
  • [12] Vgl. Ulich, E., Wülser, M., Gesundheitsmanagement in Unternehmen, 2009, S. 74.
  • [13]
  • [14] Vgl. DAK-Gesundheit, Gesundheitsreport 2013, S. 3.
 
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