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2.4 Arbeitsbelastung und -beanspruchung

Nach Ulich hat sich in der deutschsprachigen Literatur im Bereich der Arbeitswissenschaften das „Belastungs-Beanspruchungs-Konzept“ durchgesetzt, dass Belastung als Einwirkung und Beanspruchung als Auswirkung auf den Menschen beschreibt. [1] Belastungen werden in diesem Modell als Größen und Faktoren definiert, die objektiv von außen auf den Menschen einwirken und deren Auswirkungen auf den Menschen als Beanspruchung bezeichnet werden. [2] Kirchler fasst Belastungen und Beanspruchungen wie folgt zusammen: „Belastungen sind objektive, von außen auf den Menschen einwirkende Faktoren. Beanspruchungen sind subjektive Folgen von Belastungen.“ [3]

Als Erklärung für den Zusammenhang zwischen psychischer Belastung und Beanspruchung am Arbeitsplatz hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ein Belastungs-Beanspruchungs-Modell zur Ergänzung der Norm DIN EN ISO 10075 "Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung" erstellt. [4] Das Modell bezeichnet die psychische Belastung, als die Gesamtheit aller Einflüsse, die auf den Menschen einströmen und ihn psychisch beeinflussen. Als Einfluss der Arbeitssituation ist u.a. der Bereich

Arbeitsorganisation/Arbeitsablauf herausgestellt. Die Einflüsse führen in Abhängigkeit von Dauer, Stärke und Verlauf sowie insbesondere der individuellen Voraussetzungen, zu einer psychischen Beanspruchung und den hiermit verbundenen kurz- und langfristigen Folgen. Als individuelle (psychische) Voraussetzungen können beispielsweise Fähigkeiten und Erfahrungen sowie Einstellungen und Bewältigungsstrategien genannt werden. Aber auch körperliche Voraussetzungen wie Gesundheit, Alter und die aktuelle Verfassung haben einen Einfluss auf die Auswirkung der Belastung auf die psychische Beanspruchung. Zur Verdeutlichung der Zusammenhänge zwischen Einflüssen auf die Arbeitssituation und deren Folgen dient Abbildung 5. Arbeitsbelastungen haben demzufolge nicht nur negativen Einfluss auf die Arbeitsbeanspruchungen, sondern können auch aktivierend wirken. [5] Die BAuA beschreibt weiter, dass die Ermittlung psychischer Belastung z.B. durch Elektroenzephalogramme (EEG) erfolgen kann.

Die Methodik, die die BAuA zur Erfassung von Fehlbelastungen nutzt, beschränkt sich vor allem auf Checklisten, mit deren Hilfe es auch Nichtpsychologen (wie z.B. Betriebsärzten, Fachkräften für Arbeitssicherheit oder Führungskräften) ermöglicht werden soll, psychologische Belastungen von Arbeitstätigkeiten zu erfassen. [6] Dieses Vorgehen scheint sehr praxistauglich und für die Verantwortlichen leicht verständlich, erfasst jedoch lediglich die objektive oder auch subjektive Wahrnehmung der Arbeitsbelastung und lässt zudem keine medizinische bzw. neurologisch belastbare Aussage über die biologische Belastung des Arbeitnehmers zu.

Arbeitspsychologen weisen allerdings übereinstimmend darauf hin, dass auch die Zusammenhänge zwischen Belastung und Beanspruchung, wie auch durch Multitasking auftretende Stresssituationen, keinen einfachen 1-zu-1Beziehungen folgen, sondern dass die Reiz-Reaktionsmuster vielfältig sind und Vermittlungs- und Rückkopplungsprozesse das Verhältnis von Belastung bzw. Mehrfachbelastung und Beanspruchung beeinflussen. [7]

Abbildung 5: Erklärungsmodell zur Erfassung der psychischen Arbeitsbelastung und der Auswirkung auf die psychischen Beanspruchung

Quelle: Entnommen aus Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), baua.de/de/Themen-von-A-Z/Psychische-Belastung-Stress/ISO10075/Norm10075/Erklaerungsmodell/Erklaerungsmodell.html

Als Folge von Arbeitsbelastung kann es bei Arbeitnehmern im Laufe eines Arbeitstages zur Ermüdung kommen. Unter Ermüdung wird die reduzierte Leistungsfähigkeit eines Organs oder des Gesamtorganismus aufgrund von einer Folge von Tätigkeiten (nicht aufgrund des biologischen Tagesrhythmus) verstanden, die durch Erholung wieder hergestellt werden kann. [8] Von der reduzierten Leistungsfähigkeit kann z.B. die Konzentration oder auch die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit betroffen sein.

Die Forschungsarbeiten, die als Grundlage für eine Optimierung der kognitiven Belastung von Arbeitsplatzsituationen verstanden werden, sollen einen Baustein liefern, um die Ermüdung des Gehirns rechtzeitig zu erkennen und gezielt positiv beeinflussen zu können.

  • [1] Vgl. Ulich, E., Arbeitspsychologie, 2011, S. 471.
  • [2] Vgl. Ulich, E., Arbeitspsychologie, 2011, S. 471, in Anlehnung an Rohmert/Rutenfranz, 1975.
  • [3] Kirchler, E., Arbeits- und Organisationspsychologie, 2008, S.284f.
  • [4] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Internetseite der BAuA unter baua.de/de/Themen-von-A-Z/Psychische-Belastung-Stress/ISO10075/Norm10075/Erklaerungsmodell/Erklaerungsmodell.html
  • [5] Der Begriff „Belastung“ kann folglich positiv oder negativ ausgelegt werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden, dem Forschungsziel folgend, jedoch ausschließlich die negativen Folgen der Belastung betrachtet. Unter Belastung ist also nachfolgend die negative Arbeitsbelastung zu verstehen.
  • [6] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Internetseite der BAuA unter baua.de/de/Informationen-fuer-die-Praxis/Handlungshilfen-undPraxisbeispiele/ChEF.html
  • [7] Vgl. Ulich, E., Arbeitspsychologie, 2011, S. 471f.
  • [8] Vgl. ebenda, S. 476.
 
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